Blog 765 - 25.12.2022 - Ferienzeit, Faktor 6 und Spatzen-Gang

Ferien. Tatsächlich. Und was für ungewöhnliche. Eine Woche vor den Weihnachtstagen stehen bei mir bis zu den ersten Tagen des neuen Jahres keine Termine mehr im Kalender. Keine. Überhaupt keine! Das hatte ich noch nie in meinem Leben. Komplett frei bis Anfang Januar!

Seit meiner Kindheit bedeuteten die Weihnachtstage auch Stress und Hektik. Besuchstermine bei Oma und Opa und der anderen Oma mit Opa, und Tante und Onkel, und dazwischen viel zu wenig Zeit zum Spielen mit den neuen Geschenken und zum Lesen der neuen Bücher. Als ich selber Kinder hatte, gab es weiterhin die Fahr-, Besuchs- und Weihnachtsessen-Touren, jetzt aber auch mit ständigen Essensvorbereitungen dazwischen, so dass gar keine Zeit mehr blieb. Ohne gut durchdachte Vorbereitung, frühe Wecker und detaillierte To-do-Listen ging nichts. Dass es unmittelbar nach den Weihnachtstagen auch noch Familiengeburtstage gibt, ließ das Hin- und herfahren, Treffen, Zusammensitzen und Essen gefühlt nie aufhören. Ich kann nicht mal etwas gegen die einzelnen Besuche sagen, aber es waren eben zu viele in nur wenigen Tagen. Von dem Jahr, in dem die Wise Guys auch noch ein großes Konzert mit Bildregievorbereitung auf den zweiten Weihnachtstag setzten, oder dem, als es kurz vor Weihnachten das große Abschiedskonzert für Clemens gab, will ich gar nicht reden.

In den letzten Jahren wurde es mit den Terminen schon weniger, in diesem Jahr ist plötzlich alles anders. Meine Mutter ist gestorben, die Mutter des Gatten auch, und mein Vater fährt - auch um nicht den ein oder anderen Tag zwischen Weihnachten und Silvester alleine verbringen zu müssen -, mit einer Seniorengruppe in Urlaub. Das finde ich für ihn prima, denn so viel Programm und Gesellschaft hätten wir nicht bieten können. Auch ein Sohn nutzt die Zeit, um in seiner Wohnung ungestört an einer Arbeit zu schreiben. Einerseits ist es für mich ein seltsames Gefühl, dass es plötzlich keine Weihnachtstermine in diesem Jahr gibt und vieles auch so endgültig vorbei ist. Andererseits kann ich kaum glauben, dass ich wirklich komplett freie Tage haben könnte. "Das ist wie Weihnachten!", würde ich gerne sagen, wenn es nicht sowieso Weihnachten wäre. Ich freue mich nur vorsichtig und erwarte, dass noch irgendetwas etwas passiert, was meine freie Zeit wieder wegnimmt.

Erstmal passiert aber etwas anderes. Die Firma, bei der der Sohn vor wenigen Wochen im Bewerbungsprozess ganz knapp Zweiter geworden ist, ruft ihn an. Er hat ihnen gut gefallen, sie haben momentan keine freie Planstelle mehr, würden ihm aber gerne für ein halbes Jahr eine Art Aushilfsstelle anbieten. Bis dahin wird dann auch entschieden, ob die Abteilung eine neue Feststelle bekommen kann. Falls nicht, hat er zumindest ein halbes Jahr Berufserfahrung gewonnen. Wir freuen uns sehr! Endlich kann er in einem für ihn hochinteressanten Bereich arbeiten und das machen, wofür er studiert hat und was seine Leidenschaft ist. Jetzt braucht er nur noch eine Wohnung. In vier Wochen. In Frankfurt. 

Der Blick ins Internet zeigt, dass der Unterschied bei Mietwohnungen in Frankfurt/Main und Chemnitz bei 3 liegt. Das heißt: Die Wohnfläche ist in Frankfurt nur ein Drittel so groß wie in Chemnitz, kostet dafür aber drei Mal so viel. Statt 60 Quadratmeter für 300 Euro, sind es 20 Quadratmeter für 900 Euro. Der Sohn hört sich meine Berechnung an und meint, dass das sogar Faktor 6 ist. Ich will gar nicht darüber nachdenken, es wird immer schlimmer. Aber das Studium in Chemnitz mit dem preisgünstigen Wohnraum ist vorbei - im westlichen Frankfurt zählt das Kapital. Immerhin ist Frankfurt nur zwei Stunden weg von uns, was ein unbezahlbarer Vorteil ist.

Wir finden online ein möbliertes Apartment, das sehr gut passen würde, das wir wegen der anstehenden Feiertage aber nicht sofort, sondern erst Anfang Januar ansehen können. Die zuständige, sehr nette Vermieterin beteuert, dass es dann "sehr sicher" noch da sei. Einziehen könnte der Sohn Mitte Januar, genau an seinem ersten Arbeitstag. Ich bin jetzt einfach mal optimistisch und sehe mich nicht nach anderen Wohnmöglichkeiten um. Wird schon klappen. Immerhin bedeutet der Besichtigungstermin Anfang Januar, dass ich weiterhin bis dahin keinen Termin habe. Ich muss allerdings ehrlich sagen, dass ich eine Wohnungsbesichtigung mit Zusage dann doch gerne eingeschoben hätte, um das zur eigenen Beruhigung erledigt zu haben.

Fipsi kommt draußen sehr gut klar. Sie scheint Bandenmitglied einer Spatzen-Gang zu sein und sitzt und fliegt oft mittendrin. An manchen Tagen kommt sie mir sofort auf die Schulter geflogen, wenn ich nach dem Einkaufen auf der Straße aus dem Auto steige, und möchte Hirse haben, an anderen fliegt sie auf Rufen nur mal um mich herum, will aber wenig oder gar nicht fressen. Vermutlich hing sie dann vorher schon mit ihren Freunden an den Meisenknödeln ab oder hat sich am Körnerbuffet im Futterhaus bedient. Es sieht sehr danach aus, dass sie inzwischen auch ohne unser Zufüttern zurechtkäme, was sehr gut ist. So niedlich es ist, dass sie immer wieder kommt, so sehr ist es auch eine Verantwortung, dass sie dann zuverlässig Futter haben muss. Einfach mal in Urlaub fahren ist nicht zu machen, wenn unser Spatz nicht gewohnt ist, alleine Futter zu finden. Aber es ist alles auf dem richtigen Weg.

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