Blog 764 - 18.12.2022 - Seniorentanz, Raubvögel und Eisfinger

Das Auge mit der - woher auch immer angeflogenen - Hornhautverletzung ist wieder in Ordnung. Von harten Schmerzen zu "alles gut" in vier Tagen. Oder wie eine Augenärztin bei einer Verätzung mal zu meinem Sohn sagte: "Beim Auge geht alles schnell. Entweder ist es nach 48 Stunden wieder gut oder man kann nichts mehr machen und es stirbt ab." Was für ein tröstlicher Spruch.

Über Zoom und immer noch in Bezug auf das Zusammenbringen ukrainischer und deutscher Puppenspielenden gibt Bodo Schulte einen kurzen Einführungskurs zum Puppenspielen. Ich gucke zu, obwohl ich die Anfängerregeln alle kenne und nichts dazulernen kann. Aber ich habe so große Lust zu spielen, und es macht mir schon Spaß, parallel zu Bodos Vorführungen meine erhobene Hand reden und singen zu lassen.

Nach vielen Jahren entstauben wir einen Videorecorder, schließen ihn an und sehen probeweise in alte Videokassetten. Es funktioniert alles noch, auch wenn die Bildqualität auf den heutigen Fernsehern eben wie "alte Videoaufnahme". rüberkommt. Das kenne ich in noch schlimmer von den frühen Videoclips für die Wise Guys. Die mussten damals weit runtergerechnet werden, damit sie bei den zu der Zeit schwachen Internetströmen ... Strömen?? - Bächlein!, nicht ewige Ladezeit brauchten. Und was im Ergebnis auf den damaligen Rechnern dann gut und scharf zu sehen war, ist für die heutigen Geräte viel zu weit runtergerechnet und matschig unscharf. Nachträglich höher rechnen geht aber nicht, so dass ich vom Originalmaterial nochmal schneiden müsste ... och, nee. Wie einfach und qualitativ weit hochwertiger geht das heute sogar mit Handyaufnahmen. Aber es war damals auch eine Art Pionierarbeit, die ersten Filmchen ins Internet zu stellen, so dass Fans sie runterladen und ansehen konnten. Dafür hat es sich doch gelohnt.

Eine der großen, alten Videokassetten, in die ich jetzt unbedingt reingucken möchte, liegt seit vierzig Jahren in der Schublade. Es ist eine aufgezeichnete Fernsehsendung von 1981, an der meine Oma mit einer Gruppe von Seniorinnen teilnahm, die über das Thema "Großmutter heute" sprachen. Gespannt spule ich durch und weiß, was ich suche: An zwei Stellen sagt sie etwas, und als ich dort bin, ist es so schön, ihre vertraute Stimme nach sehr, sehr langer Zeit wieder zu hören. Sie sagt, dass die Omas heute oft selber so beschäftigt sind, dass sie wenig Zeit haben, um bei den Enkelkindern und im Haushalt als Hilfe zur Seite zu stehen. Dazu zählt sie aus ihren Beschäftigungen Gymnastik, Wassergymnastik, Seniorentanz, Wandern und außerdem den Hund auf, der viel Zeit brauche.

Ich lächel, denn sie war wirklich immer beschäftigt und ich kenne sie nicht irgendwo herumsitzend und nichts machend. Als Kind war ich oft bei Oma und Opa und fühlte mich geliebt und selbstverständlich in ihren Tag integriert. Auf die Idee, dass sie sich intensiv um mich kümmern und den ganzen Tag mit mir spielen könnten, bin ich nie gekommen. Es war spannend genug, in ihrem Alltag zu sein. Und außer Gymnastik, Wandern und Hund gab es auch noch Chico, den kleinen Affen, eine große Schule mit langen Gängen und großem Keller, an der Opa Hausmeister war, eingekochte Birnen, große Hefeklöße und einen VW-Bus für Wochenendausflüge. Was für Erinnerungen. Bei der Aufzeichnung der Sendung war sie 66 Jahre alt, und es sind vermutlich die einzigen Tondokumente, die es noch von ihr gibt. Wie schön - jetzt haben wir einige Minuten Farbfilm von ihrer Hochzeit 1939 und ihre Stimme von 1981.

Inzwischen wachsen viele Menschen auf, deren Leben von Geburt an fast durchgehend mit Videofilmchen und Handyfotos dokumentiert wird, und die nie wieder im Leben alles Material von sich ansehen können. Die werden später andere Probleme haben: "Ich weiß, dass es von diesem Tag ein Video gibt, aber ich kann es unter den 852.000 Dateien nicht finden."

Im Gefrierschrank ist die Schachtel mit den gefrorenen Heimchen für Fipsi leer. Ich fahre 60 km bis zum Insektenhandel, was eine weite Strecke und ein ganz schöner Wahnsinn ist, nur um Futter für einen einzelnen Spatz zu holen. Aber der Spatz ist unser Pflegekind und gehört zur Familie. Leider gibt es gerade keine "Heimchen, klein", sondern nur "Heimchen, groß". Ich nehme zwei Schachteln zu 200 Gramm und dazu eine Tüte mit eingefrorenen Fliegenmaden. Die hat sie bei der Aufzucht auch ganz gerne gefressen.

Draußen ist Fipsi gerade etwas ängstlich. Das kommt zwischendurch mal vor, wenn Raubvögel unterwegs sind, oder wenn sie etwas Spannendes oder Unangenehmes erlebt hat. Sie kommt dann nur zögernd auf die Hand, ist schreckhaft und fliegt bei geringen Geräuschen schnell wieder weg. Jetzt sieht sie das ungewohnt große Heimchen und die kleinen, weißen Maden und hat so viel Angst, dass sie erst nach mehreren Versuchen auf die Hand kommt. Beim Fressen bleibt sie nervös. Ich gucke mich um und sehe nur etwas weiter entfernt eine schnell flatternde Taube vorbeifliegen. "Das ist doch nur eine Taube", beruhige ich Fipsi und füge etwas vorwurfsvoll an: "Die ist total harmlos, das müsstest du doch inzwischen wissen! Tauben flattern wild, Raubvögel gleiten und bewegen die Flügel nur ganz langsam!" In dem Moment ist ein lautes Piepsen von irgendwo zu hören und mein kleiner Spatz zischt ab über die Straße und in die Büsche. Na, das muss sie noch lernen, was wirklich gefährlich und was harmlos ist!

 

Am nächsten Tag fahre ich mit dem Auto an einem Feld entlang, und auf einmal fliegt parallel zu mir eine schnell flatternde Taube. Eine Taube? Das ist ein Raubvogel! Schnell flatternd und mit hohem Tempo über das Feld fliegend. Turmfalke, Bussard - ich kenne mich da nicht genau aus. Ein Adler ist es jedenfalls nicht. Mit dem kleinen Hakenschnabel und dem schnittigen Körper aber auch sicher keine harmlose Taube. Ich muss zugeben, dass mein kleiner Spatz in Bezug auf fliegende Vögel deutlich schlauer ist als ich.

In der Nacht ist es eisigkalt und am Morgen zeigt das Thermometer -9 Grad. Ich gehe mit warmer Winterjacke vor die Tür, da kommt Fipsi schon an und hat sogar warme Füße. Während sie frisst, ist mein Atem als weiße Dampfwolke zu sehen und meine Fingerspitzen frieren ein und fallen ab. Nee, sie fallen nicht ab, aber es fühlt sich so an.

Am Wochenende gibt es Familienbesuch zum Mittagessen und Kaffeetrinken, es ist sehr gemütlich, der neue Tisch und die Küche passen, und so langsam bremst das Jahr 2022 gemütlich aus.

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