Blog 763 - 11.12.2022 - Der Neue, erster Schnee und Matschauge

Hans Süper ist sechsundachtzigjährig gestorben. Ein Kölner Original und ein herzlicher, netter und unfassbar lustiger Mensch. Dazu ein grandioser Musiker. Szenen und Sätze aus den legendären Karnevalsauftritten bringen im Rheinland aufgewachsenen Ü-50ern auch heute noch ein sofortiges Grinsen ins Gesicht. Er konnte aber auch ganz ernsthaft sein und war zutiefst dankbar für seinen Erfolg. Der Gatte und ich saßen mit ihm zusammen mal einen Sonntagvormittag in seiner Stammkneipe und danach hat er uns immer wieder sofort erkannt. Dabei kannte er doch mindestens zwei Millionen Menschen.

Für mich unvergessen: Vor wenigen Jahren treffe ich mich bei mir im Ort in einem kleinen Biergarten mit einem Freund, weil wir besprechen wollen, ob wir zusammen ein Theaterstück inszenieren. Am Nebentisch sitzt - für mich ganz unerwartet - Hans Süper. Ich überlege noch, ob ich grüßen soll, weil er mich bestimmt nicht mehr kennt, da winkt er schon rüber und ruft laut: "Wat is? Häste 'ne Neue??" Er hat nicht nur mich erkannt, sondern auch sofort registriert, dass der Mann an meinem Tisch nicht der Gatte ist. Was für ein Gedächtnis! Und was für eine unter Umständen peinliche Frage, so quer und laut durch den Biergarten gerufen! Aber da war er offen und schmerzfrei.

Die Auftritte, die ich von ihm erlebt habe, waren immer sowohl lustig als auch berührend. Ich lese meinen eigenen Konzertbericht über eins seiner Konzerte und muss melancholisch lächeln. Ja, so war er. Der kleine, große Hans Süper. (reihedrei.de - "Süper Hans, Unplugged 2014")

Zu Beginn der Woche gibt es Schnee. Fipsis erster Schnee. Wie es im Rheinland so ist, taut er fast sofort wieder weg, und Fipsi ist nur etwas nervös, weil es überall laut tropft und angetauter Schneematsch geräuschvoll von den Ästen rutscht. Insgesamt frisst sie - ob mit oder ohne Schnee - inzwischen mehr als im Sommer, was gut ist, damit sie Energie für die kalte Zeit hat. Aus dem schmalen Spatzenkind ist ein gut genährter, kräftiger Vogel geworden. Mit vorbildlicher Spatzenfigur.

Der Sommer ist vorbei, aber immer wieder verpasse ich, den großen Sonnenschirm wegzuräumen, der zugeklappt im Hof steht. Wenn er trocken ist, denke ich nicht daran, sobald ich daran denke, ist er nassgeregnet. Diesmal fühle ich prüfend am Stoff, ob er feucht ist, da entdecke ich zwischen den Falten Marienkäfer im Winterquartier. An mehreren Stellen haben sie sich in größeren und kleineren Gruppen zusammengekuschelt. Rote, schwarze, bräunliche, mit vielen oder wenigen Punkten.

Schnell baue ich ihnen aus trockenen Blättern in einem Tonblumentopf eine regenfeste Winterpension, streife alle Marienkäfer vom Stoff ab und lasse sie zwischen die Blätter krabbeln. Den käferfreien Schirm lege ich danach endlich ebenfalls in sein Winterquartier.

Am Abend reibe ich mir kurz mal über die Augen und - aua!! Was ist das denn? In einem Auge habe ich plötzlich einen stechenden Schmerz, der mehr als unangenehm ist. Nicht wie ein gefühltes Sandkorn bei einer Bindehautentzündung, sondern eher wie ein Pfefferkorn, das zur Chilli wird. Wenn ich das Auge schließe, ist für einige Sekunden alles in Ordnung, dann beginnt es zu brennen, zu stechen und wird unerträglich chillischmerzhaft, bis ich das Auge wieder öffne. Wenn ich dann mit den Fingern das Lid offenhalte, ist für einige Sekunden alles in Ordnung, dann wird das Auge trocken und beginnt immer stärker zu schmerzen, bis ich es wieder schließe. Es ist offen - geschlossen - offen - geschlossen, tut wirklich weh und ich habe keine Ahnung, was der Grund ist. Spülungen mit Augentropfen bringen keine Änderung.

Ein Anruf beim Augennotarzt muss dann leider sein. Der verweist mich, nachdem er die Symptome gehört hat, auf die Öffnung der Notfallsprechstunde zwei Stunden später. Ich laufe im Wohnzimmer hin und her, weil ich vor Schmerzen nicht sitzen kann. Der Gatte meint: "So fit wie du gesprochen hast, konnte der nicht erkennen, wie heftig es ist." "Aah, aaaah, aua!!", jammere ich.

Zwei Stunden später stellt der Arzt bei einer kurzen Untersuchung eine Verletzung der Hornhaut fest. Auf meine Frage, woher das so aus dem Nichts kommt, grummelt er nur: "Kann passieren", und entlässt mich mit Augensalbe. Viermal täglich und sicherheitshalber noch ein Antibiotikum. Danach träne ich mich durch die nächsten Tage und sehe auf dem einem Auge, das ich liebevoll "Matschauge" nenne, meist salbenverschwommen. Die stechenden Chillischmerzen sind aber weg und es wird täglich besser. Nach vier Tagen ist es wieder in Ordnung. Ich will nie mehr meine Augen reiben. Auch nicht leicht. 

Draußen wird es immer kälter und Fipsi muss jetzt die ersten Minustemperaturen aushalten. Das scheint sie gut hinzubekommen. Drei- bis viermal am Tag kommt sie, um Hirse zu fressen, beim Frühstück gibt es immer noch vier kleine, aufgetaute Heimchen als Eiweißsnack dazu. Hin und wieder fliegt sie nach dem Füttern nicht sofort weg, sondern bleibt nah auf einem Ast sitzen und mag es, wenn mit ihr geredet wird. Manchmal bleibt sie auch einfach noch einige Minuten auf der Schulter sitzen und guckt sich um. Das ist dann wie ein kleiner persönlicher Besuch bei ihrer Aufziehfamilie, während sie ansonsten ihr Leben im Garten und auf der anderen Straßenseite inmitten ihrer Spatzen-WG verbringt.

Die beiden ersten Staffeln "Diener des Volkes" mit Selenskyi, die wir täglich geguckt haben, sind klasse, die dritte und letzte fällt sehr ab und ist überhaupt nicht mehr spannend. Sie wurde 2017 kurz vor dem Wahlkampf zum Präsidentenamt ausgestrahlt und wirkt in Teilen wie ein heroischer, aber platter Wahlkampfspot. Sehr schade. Mein neuer Tipp: Staffeln 1 und 2 gucken und genießen, den Inhalt der kurzen Staffel 3 nur bei Wikipedia nachlesen. 

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