Blog 762 - 04.12.2020 - Puppenspielen, Selenskyi und das Ordnungsamt

Bis zur Mitte der Woche sitze ich häufig vor dem Computerbildschirm und gucke die über die UNIMA organisierten deutschen und ukrainischen Beiträge zum Puppentheater. Die bringen nicht nur neue Impulse, sie zeigen den Puppenspieler/innen der beiden Länder auch, wie viel sie gemeinsam haben. Ich merke, dass ich nicht nur zusehe, sondern mich als Puppenspielerin zugehörig fühle.

Als Bodo Schulte bei seinem Vortrag den Bau von Klappmaulpuppen zeigt und sich dabei in seiner Werkstatt befindet, in der ich schon oft gesessen und als "Assistenz" mit ihm gebaut habe, habe ich noch mehr Lust, jetzt wieder loszulegen. Bauen, spielen, inszenieren, auftreten. Es kribbelt in den Fingern und im Ideenbereich meines Hirns.

Vernünftigerweise und leider mache ich aber erstmal mit meinen Renovier- und Aufräumarbeiten weiter. Das Wohnzimmer wird schon freier, einige Kisten werden bis zum gründlichen Sortieren wohl erstmal in den Keller gestellt, und im Hof stehen noch alte Schrankteile, Styropor und der Herd herum, die zur Verwertungsanlage gefahren werden müssen. Kisten mit Geschirr und "ist noch gut, hat aber keinen Platz mehr in der neuen Küche" müssen untergebracht werden. Und wenn das alles erledigt ist, wartet noch das zugestellte kleine Musikstudio im Keller, das seit dem Wasserschaden und dem Wasserleitungswechsel nicht mehr zu nutzen ist. Vermutlich brauche ich nicht nur den ganzen Winter zum Aufräumen, sondern mindestens die beiden nächsten Jahre, aber ab dem Frühjahr nehme ich mir auch wieder Zeit fürs Kreativsein und fürs Puppenspielen.

Die einzige Veranstaltung, die ich in dieser Woche geplant hatte, der Vortrag eines Uni-Professors über "Die Ukraine und Russland 1991 - 2022", fällt aus. Mit dem Sohn stehe ich kurz vor Beginn der Veranstaltung vor der Eingangstür, an der ein schlichter Zettel die Absage verkündet. Wir sind dann doch etwas enttäuscht, denn auf weitere Hintergründe zur Geschichte, Kultur und der wechselhaften Beziehung der beiden Länder waren wir gespannt. Warum man in Internetzeiten weder kurzfristig auf der Homepage des Veranstalters noch als kurze Rückantwort bei den Kartenbestellern, die vorher per Mail reserviert haben, Bescheid geben kann, wundert mich immer wieder sehr. 

Passend zum politischen Thema gucken wir weiterhin die Selenskyi-Serie "Diener des Volkes". Aus der "Comedy-Serie", wie sie zu Beginn hieß, wird in der zweiten Staffel immer mehr ein spannender Polit-Thriller. Mit Augenzwinkern und durchaus lustigen Szenen, aber im Grundsatz ernsthaft und zum Mitfiebern. Richtig gut. Die Grenzen des fiktiven Wassyl Holoborodko und des echten Wolodymyr Selenskyi sind oft nicht zu erkennen. Vermutlich weil Selenskyi sich und seine politische Einstellung in die Rolle steckt. Kein Wunder, dass er danach zum Präsidenten der Ukraine gewählt wurde. Noch entschlossener und mutiger als er in der Serie Rückgrat zeigt und gegen korrupte Oligarchen kämpft, stellt er sich jetzt Putin entgegen. Wenn er aus irgendeinem Grund nicht mehr Präsident in der Ukraine sein möchte, hätte ich ihn gerne in Deutschland als Bundeskanzler. 

Draußen wird einer von Fipsis Lieblingssträuchern weggebaggert, weil der Nachbar, auf dessen Grundstück er stand, dort an seinem Haus baut. Wie schade. Der Strauch war ein beliebter Anflugplatz für Fipsi und andere Spatzen, und bei leichtem Regen saßen sie gerne zwischen den immergrünen Blättern. Ich gucke mir jetzt vieles aus Spatzensicht an und sehe, wo man sich gut in Büschen und Hecken verstecken kann, wo man bei Regen geschützt sitzt und ob es in geringen Entfernungen weitere Büsche gibt, damit man nur kurze Strecken sausen muss, um vor kreisenden Raubvögeln zu flüchten.

Nachts wird es jetzt schon recht kalt. Manchmal nieselt es dazu. Ich weiß nicht, ob Fipsi es schafft, sich mit einigen anderen Spatzen unter die Dachziegeln unseres Hauses zu quetschen - so wie es wirkt, ist der Platz begrenzt und es wird darum gekämpft - oder ob sie mit anderen in den Büschen hockt und nassgeregnet wird. Jedenfalls kommt sie morgens immer zuverlässig an und wirkt dabei munter. Ach, ich möchte gar nicht, dass es im Winter starke Minustemperaturen gibt oder tagelang Schnee liegt. Dabei hat Fipsi mit dem Wetter vielleicht gar kein Problem - außerdem kennt sie ja eine gute Futterquelle persönlich.

Seit inzwischen vier Jahren trage ich im Winter eine dunkelblaue Jacke. Auf einem Oberarm hat sie fabrikmäßig einen Aufnäher mit den Worten "Outdoor Adventure Canada". Das ist aber nur von ganz nah zu lesen und für Nichtleser wirke ich anscheinend wie "die Dame vom Ordnungsamt". Wenn ich über öffentliche Parkplätze gehe, passiert es immer wieder, dass Menschen schnell noch am Auto nachsehen, ob sie die Parkscheibe eingelegt haben oder auch mal zum Auto eilen, um es noch zu tun.

Als ich jetzt in einer Pizzeria eine vorbestellte Pizza abhole, kommt der Pizzabäcker mit der fertig gefüllten Pappschachtel auf mich zu und fragt: "Woher kommen Sie?" Ich gucke ihn verwundert an, da merke ich, dass sich sein Blick auf meinen Aufnäher an der Jacke heftet. "Das sieht nur aus wie vom Ordnungsamt, das ist es aber nicht", sage ich und grinse. Er nickt und wirkt beim Weggehen erleichtert. Eigentlich wollte ich die Jacke in diesem Jahr schon aussortieren, aber ich glaube, ich will sie noch länger behalten. Mit ernstem Blick über einen Parkplatz zu gehen und dabei Unruhe auszulösen, das macht schon ein bisschen Spaß. Vielleicht könnte ich mir in Imbissen einfach mal die Küche zeigen lassen, mit kritischem Blick auf das Frittenfett und in den Kühlschrank gucken, "Oh, oh, oh" sagen und abwarten, was passiert.

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