Blog 761 - 27.11.2022 - Pläne, Puppentheater und der Riesenpfirsich

Immer noch bin ich mit der Küche dran. Es ist unfassbar, wie lange der finale Kleinkram dauert. Lampen anbringen, Fußleisten sägen, Haken anbringen, Löcher bohren ... und die Gardinen sind immer noch nicht umgenäht.

Im Baumarkt hatte ich mir Bretter zuschneiden lassen, aus denen ich mir ein Schubladenregal mit den Moppe-Fächern von Ikea bauen möchte. So ein Regal passt noch gut unter die Oberschränke und ist total praktisch. Glaube ich. Ob mein professioneller Bauplan überhaupt richtig berechnet ist oder irgendwelche Denk- oder Rechenfehler beinhaltet, wird sich zeigen, wenn ich die Teile zusammensetze. Ich bin da nicht immer ein Planungsgenie.

Schon das Zusammennageln erweist sich als schwierig, denn die Nägel wollen nicht so gerne ins feste Multiplex-Holz und biegen sich protestierend um. Mit extra starken Stahlstiften und viel Klopferei klappt es endlich. Aber die Maße stimmen. Vorstreichen, zwei Mal nachstreichen - ich stecke viel Zeit und Arbeit rein, ehe ich das Ergebnis sehen kann, das mir dann vielleicht doch nicht gefällt. Aber erstmal alles trocknen lassen.

Fipsi wird immer draußen vor der Haustür gefüttert und kommt oft auf Rufen hin von der anderen Straßenseite angesaust. Manchmal wartet sie auch schon vor der Tür im Busch und flattert beim Öffnen sofort vor dem Gesicht herum. Hin und wieder fliegt sie sogar ungeduldig ein Stück in den Hausflur hinein und sofort wieder raus. Diesmal landet sie im Flur sogar entspannt auf der Hand des Gatten und wäre wohl auch weiter bis in die Küche geflogen, wenn ich sie nicht sofort wieder rausgelockt hätte, weil die Katze gerade irgendwo im Haus ist. Fipsi ist in diesem Haus aufgewachsen und herumgeflogen - das ist so etwas wie ihr Nest und macht ihr keine Angst.

Als einige Tage später ein Freund des Sohnes vorbeikommt und Fipsi gerade im Busch wartet, setzt sie sich erstmal auf die Schulter des Sohnes, zögert kurz, beäugt von dort aus den Unbekannten - und fliegt dann auf dessen Hand und frisst. Sie kennt ihn überhaupt nicht, aber der Sohn steht daneben und dann scheint alles in Ordnung zu sein. Der Freund ist entzückt.

An der örtlichen Grundschule ist Vorlesetag zum Thema "Gemeinsam einzigartig". Es gibt neuere Bücher, die Diversität, gleichgeschlechtliche Liebe, andere Hautfarben und wilde Patchworkfamilien als Themen haben, aber weil ich die nicht kenne, möchte ich nicht eins davon wählen und nachher nicht zufrieden damit sein. Das Thema allein macht es ja nicht, es muss auch gut geschrieben sein. Und so wähle ich für meine Gruppe "James und der Riesenpfirsich" von Roald Dahl, wo seltsame Geschöpfe, die sehr unterschiedlich sind, sich auch nerven, aber trotzdem ihre Verschiedenheit ganz selbstverständlich akzeptieren, gemeinsam ein Abenteuer erleben.

"Liest du eine eigene Geschichte?", fragt mich eins der Kinder vorher freudig. Die meisten kennen mich noch, weil ich vor einigen Monaten eine Lesung an der Schule hatte. Sie finden dann den "Riesenpfirsich" aber auch sehr gut und haben Spaß. Weil ich ihnen vorher über Roald Dahl erzählt habe, und warum der so oft über schreckliche Erwachsene und schlimme Erlebnisse schreibt und über Kinder, die dem ausgeliefert sind, aber stark sind und es schaffen, können sie das Vorgelesene viel besser einordnen. Ich sehe an ihren wachen Augen und dem Lächeln beim Zuhören, dass alles genau richtig ankommt.

Am Himmel sehe ich an einem grauen, kalten Vormittag ein trauriges Bild: Zwei Kraniche fliegen am trüben Himmel in perfekter Formation Richtung Süden. Weil sie nur zu zweit sind, ist die Formation sehr klein - einer fliegt vorne, der andere leicht versetzt dahinter. Sie fliegen stumm, ohne die sonst so typischen krächzenden Schreie der Kraniche. Ach herrje!, denke ich. Ist das ein Ehepaar, von denen eine(r) beim Abflugtermin der Gruppe wieder mal nicht fertig war? Oder sind es Optimisten, die angesichts des warmen Wetters dachten, dass es nicht mehr kalt werden wird und jetzt frieren sie und müssen pessimistisch hinterher? Stumm und zu zweit am grauen Himmel. Ich hoffe, dass sie noch Anschluss finden. Irgendwo gibt es doch Kranich-Rastplätze auf dem Weg in den Süden, wo sie noch Teil einer großen Gruppe werden können.

Die UNIMA, die internationale Vereinigung der Puppenspieler und Figurentheater-Interessierten, macht ein Projekt zur Vernetzung deutscher und ukrainischer Puppenspieler/innen. Ab dem Freitag gibt es sechs Tage lang täglich vier Zoom Online-Vorträge von deutschen und ukrainischen Teilnehmern, die über verschiedene Bereiche des Puppentheaters dozieren. Ich gucke kurz in den ersten Vortrag über das ukrainische "Wertep-Theater" rein und denke, dass mich das gar nicht mal so sehr interessiert. Aber dann ist es total interessant und sehr inspirierend, so dass ich bleibe und auch die nächsten Beiträge ansehe.

Es wird ständig deutsch-ukrainisch-deutsch-ukrainisch hin und her übersetzt, womit etwas Zeit draufgeht, was es aber auch lebendig und spontan macht. Auch die harte Realität ist zwischendurch da. In einem Vortrag über das Bühnenbild eines ukrainischen Puppentheaters wird fast nebenbei erwähnt, dass der Erbauer dieser Bühne dazu momentan nicht befragt werden kann, weil er gerade in der Armee ist und sich an der Front befindet. Puh!

Da wir beim Mittagessen immer noch Selenskyj in seiner Serie "Diener des Volkes" ansehen, schwirrt gerade viel ukrainische Sprache durch das Wohnzimmer. Ich verstehe kein Wort, die Aussprache hört sich inzwischen aber sehr vertraut an. Wobei bei der Selenskyj-Serie wohl auch viel Russisch gesprochen wird, was ich aber so gar nicht von Ukrainisch unterscheiden kann. Es lohnt sich für die Feinheiten in den Emotionen aber unbedingt, die Serie in Originalsprache zu hören und dazu deutsche Untertitel zu lesen.

Um das endlich fertig angestrichene und getrocknete Unter-Oberschrankregal zu befestigen, müssen wir Löcher durch die Böden der Oberschränke bohren. Ich muss mutig sein, denn es wäre blöd, wenn mir das Regal nachher nicht gefällt und die Schränke dann unten durchlöchert sind. Zum Glück gefällt mir das Ergebnis sehr. Es ist tatsächlich praktisch und das klare, moderne Design der schwarz-weißen Küche wird altmodisch aufgebrochen. Ein bisschen sieht es jetzt wie in der Arztpraxis aus, in der es Apothekerschubladen für Spritzen und Tupfer gibt. Bei mir sind Trockenhefe, Backpulver und Vanillepudding in den Fächern. 

 

Vorher habe ich nie über eine Küche mit schwarzer Arbeitsplatte nachgedacht. Jetzt habe ich sie - und praktischerweise habe ich auch schwarze Stühle. Sogar zwölf Stück, denn die habe ich mir vor drei Jahren extra für das Theaterstück "Die zwölf Geschworenen" gekauft. Die vielen Trinkgläser, die im Stück auf den Tischen standen und die ich ebenfalls für das Stück angeschafft hatte - es sollte schließlich alles gut aussehen -, verwende ich seitdem auch. Wie praktisch: Erst auf der Bühne, jetzt in meiner Küche. 

Mein Vater ist 86 und trinkt fast an jedem Abend vor dem Fernseher zucker- und koffeinhaltige Cola und isst dazu Chips aus der Tüte. Ziemlich ungesund - und ich finde das super. Wann, wenn nicht jetzt? Außerdem demonstriert er mir, als ich bei ihm bin, wie er mit dem Infrarot-Temperaturmesser vor dem Herd steht und die Temperatur des Glühweines im Topf misst, damit der nicht zu heiß wird. Es ist keine Frage, woher ich es habe, dass ich immer wieder Sachen umfunktioniere und anders als gedacht nutze.

Ansonsten: Mein Hunger auf Kreativität wächst zunehmend. Im nächsten Jahr werde ich unbedingt wieder mehr Puppenspielen. Außerdem musste mein Ölmalen-Lernen seit Monaten ruhen. Da werde ich mir im Frühjahr eine Woche freimachen, um mal richtig dranzugehen. Die Coronazeit und die Krankheit meiner Mama haben mich ganz schön aus dem Tritt gebracht. Sonst so: Fipsi füttern in der Abendsonne. Auch schön.

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