Blog 758 - 06.11.2022 - Küchenteile, Schrauberei und Vollmond

Am Sonntag verlegen wir die letzten Reihen Laminat in der Küche. Seltsamerweise sehen sowohl der neue Boden als auch die weiße Holzdecke und das etwas andere Blau an der Wand völlig vertraut aus und als wäre es immer schon so gewesen. Es wird keine fremde neue Küche werden. Die Stücke des alten Laminatbodens und die vielen Teile der auseinandergeschraubten Küche stopfen wir ins Auto. Mit dem Sohn zusammen fahre ich früh am nächsten Morgen zur Mülldeponie, wo wir sie in die passenden Container werfen. Knappe 300 Kilo.

Am nächsten Tag verfuge ich die drei neuen Kachelreihen und streiche die vier Türen. Zwischendurch kommt ein Anruf der Hausarztpraxis: "Wir haben den neuen Corona-Impfstoff. Wenn Sie wollen, kommen Sie vorbei!" Wir wollen. Gerade jetzt, wo es wieder mehr Veranstaltungen in geschlossenen Räumen gibt, finde ich es beruhigend, nochmal eine Auffrischung zu bekommen. In den Tagen vorher stand als Schlagzeile in den News: "Coronaimpfung hilft nicht gegen Ansteckung!" Klein im Artikel, da, wo die Schlagzeilenleser, die oft keine weiteren Informationen benötigen, es nicht lesen, stand: "... aber sie schützt vor schweren Verläufen." Darum geht es.

Mein Vater wird von seiner Bank freundlich gezwungen, nach dem Tod meiner Mutter das Gemeinschaftskonto zu löschen und ein Einzelkonto zu eröffnen. Ich bin ziemlich sauer, denn das ist überhaupt nicht notwendig, die Bank will es aus Prinzip so haben und die Arbeit bleibt an mir hängen. Mitten im Kücherenovieren muss ich herausfinden, welche Firmen und Institutionen eine Einzugsermächtigung von meinem Vater haben. Mehr als dreißig Posten stehen nach dem Durchsehen der Kontoauszüge auf meiner Liste, angefangen von Versicherungen über Vereine, Zeitschriftenabos, Strom, Rentenstellen, Krankenkasse bis hin zu bofrost und dem Schornsteinfeger. Bei einigen kann ich anrufen, bei manchen hänge ich ewig in der Telefonwarteschleife, andere brauchen es schriftlich oder über ihre Internetseite online. Danke, Bank!

Auch Elon Musk ist unangenehm mit seiner Selbstüberschätzung und seinem fehlenden Respekt gegenüber anderen Menschen. Jetzt hat er Twitter übernommen, was für mich der Grund ist, meinen Account sofort zu löschen. Da ich seit Jahren sowieso nicht aktiv war, ist das keine große Umstellung, aber ich werde als Zahl in der Statistik auftauchen und das ist gut. Wenn es im wöchentlichen Report wenigstens heißt: "Eine Teilnehmerin hat ihren Account gelöscht", ist das ein Zeichen, das Elon Musk nicht übersehen wird. Aber auch ohne mich wird er das Projekt an die Wand fahren.

Am einem Morgen kommt Fipsi nicht zum Frühstück. Das ist ungewöhnlich, aber manchmal kommt sie eben etwas später. Ich gehe immer mal wieder raus und rufe, aber kein kleiner Vogel saust herbei. Nicht zum Vormittagssnack und auch nicht zum Mittagessen. Das macht mir dann schon ein ungutes Gefühl. Es gibt natürlich viele Erklärungen für ihr Ausbleiben, aber die meisten sind nicht so schön.

Um 16 Uhr wird es draußen kälter und wegen der zuziehenden Wolken schon ein wenig dämmerig. Letzte Chance, denn wenn es dunkler wird, bleiben alle Spatzen in den Büschen. Ich rufe nochmal, da fliegt ein Vogel blitzschnell nah an meinem Kopf vorbei und auf meine Hand. Fipsi ist da! Puh! Sie frisst hungrig, zuckt aber bei jedem Geräusch zusammen und guckt sich immer wieder prüfend um. Nicht nach oben, wo sie sonst nach Raubvögeln Ausschau hält, sondern nach unten. Oh je, da hat sie vorher wohl eine aufregende und vielleicht sogar gefährliche Situation erlebt. Ich freue mich sehr, dass sie da ist. Und natürlich weiß ich, dass es jederzeit passieren kann, dass sie nicht mehr kommt. Das Leben draußen ist riskant und für freilebende Spatzen oft nicht sehr lang.

Zwischendurch im Wohnzimmer: Ich bin fertig vor dem Computer und stehe, mit einer Kaffeetasse in der Hand, auf. Während des Aufstehens und Umdrehens trinke ich noch den letzten Schluck Kaffee und nehme dazu kurz den Kopf in den Nacken. Mit der Hand greife ich lässig nach der Stuhllehne, um mich abzustützen. Die Lehne ist aber nicht da, wo ich sie vermute. Ich fasse ins Leere, strauchel und kann mich gerade noch mit einer wilden Bewegung abfangen. Der Gatte, der auf dem Sofa kurz hochgeschreckt ist, guckt mich an und kommentiert trocken: "Vielleicht solltest du doch ins Comedy-Fach wechseln." Ich lache noch zehn Minuten später über diesen Spruch.

Ikea bringt uns am Freitagmittag 500 Kilo neue Küche in Einzelteilen. Wir haben erstmal zu tun. Es ist nicht schwierig, wer die Ikea-Anleitung lesen kann, kann auch die Möbel zusammenbauen. Das Lesen und Schrauben dauert bei einigen Teilen aber ganz schön lange, weil an Schubladen und Auszügen dann doch viel zu tun ist. Der berühmte Sechskantschlüssel wird bei den Küchenteilen übrigens nicht mehr benötigt.

Zwischendurch lassen wir alles liegen und holen den bestellten Ofen und die Kochplatte im Elektromarkt ab. Unser erwünschtes Ziel, dass wir am Sonntagabend fertig mit dem Aufbau der Küche sind, streichen wir schon am Freitagabend. Das kann nicht klappen. Das dauert alles viel zu lange und gerade die Ecke bei Spüle und Herd, bei der wir etwas improvisieren müssen, ist kniffelig. Außerdem haben wir am Sonntag noch andere Termine und werden stundenlang weg sein. Aber egal. Dann nehmen wir uns eben das nächste Wochenende als Ziel für "eine benutzbare Küche" vor. Die gefühlt 204 Schubladen habe ich bis dahin bestimmt zusammengeschraubt. Falls nicht, gibt es danach ein weiteres Wochenende. Entspannt bleiben!

In der Nacht ist draußen Vollmond, der zwischen weißen Wolken hell strahlt. Ein unwirkliches, schönes Bild und eine tolle Stimmung, die ich erlebe, weil ich vergessen habe, die Kaninchen zu füttern und nach 23 Uhr noch mit Möhren und Salat in den Garten zum Gehege gehe. Das kann sich lohnen.

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