Blog 756 - 23.10.2022 - Farbe, Putz und Rheinland Grapefruit

Den Sonntag verbringe ich mit dem Gatten in der Küche, wo wir Holzbretter messen, sägen, einpassen, rausnehmen, nachschmirgeln, einpassen, festschrauben, um die Holzdecke einzuziehen. Ich zähle nicht mit, wie oft ich die drei Leiterstufen hoch und runter gehe, wie oft ich mit erhobenen Armen ein Brett an der Decke einpasse, wie oft ich mit Muskelkraft raspel oder schmirgel und wie oft ich mich bücke, weil eine Schraube oder Klammer auf den Boden gefallen ist. Bis auf eine Mittagspause arbeiten wir durch und setzen um 22 Uhr das letzte Brett ein. Puh, fertig! Also zumindest mit dem Anbringen der Decke. Ich will sie ja noch weiß streichen.

Am nächsten Tag bleibe ich etwas zurückhaltender, denn ich habe Muskelkater, Gelenkschmerzen, fühle mich müde und würde bei jeder Art von Bewegung gerne leise vor mich hin stöhnen. Das waren gestern wohl einige Stunden zu viel und vor allem zu viel körperlicher Einsatz von seit längerem stillliegenden Muskelpartien. Erstaunlicherweise geht es von Stunde zu Stunde besser - vermutlich, weil mein Hirn den Muskeln klarmacht, dass noch einiges vor ihnen liegt und sie sich nicht so anstellen sollen. Und da Wäsche gewaschen, zum Baumarkt gefahren und die Biotonne gefüllt werden muss, bleibt genug Bewegung, um die Muskeln aktiv zu halten.

Draußen sind gerade wunderschöne Herbsttage und ich staube im Innenbereich herum. In einer Ecke haue ich Fliesen von der Wand und gehe dann mit Hammer und Meißel an den sich weiterhin an die Wand klammernden Fliesenkleber. Jetzt sieht die Küche wirklich nach Baustelle aus.

Der Mittwoch ist baustellenfrei. Erst bin ich im Baumarkt, wo ich eine übrig gebliebene Packung Bretter umtausche und sofort drei Dosen Farbe mitnehme, dann bei meinem Vater, bei dem ich auch Mittagessen koche. Am Nachmittag stehe ich erst etwas zäh im Stau, dann komme ich im Düsseldorfer Savoy-Theater an, wo Rainald Grebe aus seinem Buch "Rheinland Grapefruit. Mein Leben" liest. Das Buch habe ich gleich nach dem Erscheinen im Dezember 2021 an einem Abend gebannt, lachend, seufzend und sehr berührt durchgelesen.

Auch der Abend berührt. Klar, Rainald Grebe ist krank und die Krankheit mischt mit, wann sie will, aber viel beeindruckender ist, dass Rainald sie zwangsläufig akzeptiert, aber trotzdem mit Energie weitermacht. Er steht auch mit anderen Programmen auf der Bühne, erst vor vier Wochen war ich in seinem "Münchhausen"-Abend. Die zwischengeschobene Lesung ist ruhiger, aber ebenfalls gedankenblitzend und ganz und gar Rainald. Ich lasse mich gerne reinfallen und mitnehmen. 

Ein Rainald Grebe Abend wirkt bei mir immer lange nach, und so gehe ich am nächsten Tag pfeifend und wohlig gelaunt wieder in die Küche und streiche die Küchendecke mit Vorstreichfarbe. Der mitstreichende Sohn ist groß und streicht vom Boden aus mit einem Pinsel die Zwischenräume, ich kletter auf der Leiter hoch und runter und streiche die Bretter. Interessant ist, dass das Deckestreichen als Puppenspielerin gar nicht mehr so schlimm ist. Arme hoch über den Kopf halten und gezielt bewegen ist eine Berufshaltung. Den Muskelkater verursacht bei mir eher das viele Leiterklettern und Bücken. 

Ich reiße und befeuchte und schabe noch die Tapete in der Ecke ab, markiere und messe aus, wo die Stromleitungen in der Wand verlaufen, dann setze ich mich an den Computer und beginne mit einem Bericht über die Rainald-Lesung. Ich darf mit dem Schreiben nicht zu lange warten, sonst geht mir das Gefühl für den Abend verloren. Grob- und Feinmotorik, geistige und körperliche Arbeit - es ist gerade sehr ausgeglichen. Am nächsten Tag streichen wir die Holzdecke im ersten Durchgang mit Acrylfarbe, danach verputze ich die frühere Kachelstelle, damit die Wand wieder glatt ist.

Am Ende der Woche streiche ich die Decke im dritten Durchgang und damit ist sie fertig. Mir gefällt sie sehr, was gut ist, denn ansonsten wäre die ganze Arbeit ja ziemlich blöd gewesen.

Spontan tapeziere ich am Abend noch die Ecke, habe vorher aber seltsamerweise nicht geguckt, wie viel auf der Tapetenrolle drauf ist und komme nicht aus. Da muss ich tatsächlich noch eine zweite Rolle kaufen. Außerdem muss ich jetzt dringend zu IKEA fahren und die Küchenschränke bestellen. So wie es aussieht, könnten wir am nächsten Wochenende den neuen Boden legen und danach fertig zum Einrichten sein. Wenn die Küchenteile sieben bis zehn Tage zur Lieferung brauchen, käme das gerade hin.

Fipsi wird weiterhin draußen zugefüttert, ist sehr niedlich, sehr hübsch und immer noch erstaunlich zutraulich. Manchmal bleibt sie nach dem Füttern noch im nahen Gehölz sitzen und hört mir zu. Zwischendurch gähnt sie. Das sollte mir zu denken geben. Ich weiß aber, dass es das Vogelzeichen für "es ist so gemütlich, ich werde ganz schläfrig" und damit ein Ausdruck des Vertrauens ist. Als ich sie allerdings mit weißen Farbspritzern auf den Händen füttern will, ist sie nervös und flattert immer wieder auf. Weiße Tupfer kennt sie nicht, das könnte gefährlich sein. Als ich beim nächsten Füttern mit sauberen Händen komme, ist alles gut. Schlauer Vogel.

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