Blog 752 - 25.09.2022 - Motivation, Maybebop und Mordquote

Die Küche nervt. Nicht die Küche selber, sondern das Thema "Küche". Die alte muss nach mehr als dreißig Jahren durch eine neue ersetzt werden. Das sollte ja schon Anfang des Jahres geschehen, aber es war anderes zu tun und außerdem habe ich überhaupt keine Lust, mich mit einer neuen Küche zu befassen. Zum einen, weil ich weiß, dass das Erneuern viel Arbeit werden wird, zum anderen, weil ich meine jetzige Küche mag. Sie sieht nur eben nicht mehr gut erhalten aus und sie hat zu viele offene Regale, die nur für Hausfrauen geeignet sind, die gerne und regelmäßig putzen. Zu denen gehöre ich erwiesenermaßen nicht.

Die Zusammenstellung der neuen Schränke muss ich nun aber dringend planen, damit ich sie bestellen und irgendwann mit dem Umbau beginnen kann. Wegen der Corona-, der Ukraine- und der Weltkrise ist nämlich nicht sicher, wann Schrankteile, Türen und Scharniere geliefert werden können. Das kann schnell gehen, muss aber nicht. Lustlos schiebe ich Papierstücke über Papierpläne. Normal hohe Oberschränke oder deckenhohe? Wie hoch ist die Deckenhöhe, wenn ich vorher noch eine Holzdecke einziehe? Wohin mit der Mikrowelle und was wird mit den Teekannen und den Blechschildern? Ach, ich vermisse meine bunte, offene Küche jetzt schon. Aber es hilft ja nichts, die alte Küche hält nicht mehr lange durch, da muss ich jetzt ran. Vermutlich macht es auch wieder Spaß, sobald ich mich entschieden habe und es richtig mit dem Umbau losgeht.

Am Donnerstagmorgen fahre ich schon wieder nach Frankfurt. Aus beruflichen Gründen. Allerdings nicht aus meinen. Der Sohn sucht nach dem beendeten Studium eine Stelle, bekommt zu seinem eigenen Erstaunen aber gar nicht so schnell etwas, weil er im Regelfall entweder mehrere Jahre Berufserfahrung vorweisen soll oder wegen seiner Praktikumserfahrungen von vorneherein als überqualifiziert gilt. Wie soll er Berufserfahrung bekommen, wenn er nicht mal irgendwo anfangen kann? Jetzt ist er bei einer Firma in Frankfurt bis in die letzte Auswahlrunde gekommen. Das finale Gespräch läuft gut, es gibt aber noch einen zweiten Bewerber, der es bis dorthin geschafft hat. Erst in der nächsten Woche entscheidet sich, wer die Stelle bekommt. Es bleibt spannend. Viel zu spannend. Ich fühle mich nervös und wechsel gedanklich ständig zwischen "Umzug planen" und "Enttäuschung verarbeiten". 

Kaum bin ich am Nachmittag aus Frankfurt zurück, trinke ich eine Tasse Tee und fahre alleine gleich wieder los. Es geht genau in die andere Richtung, nach Düsseldorf ins Savoy-Theater zum Maybebop-Konzert. Während ich mich durch den Feierabendverkehr schiebe, denke ich, dass ich heute viel unterwegs bin und diese Anfahrt jetzt ganz schön viel Aufwand für ein Konzert ist. Es dauert, bis ich endlich im Parkhaus stehe. Zum Glück habe ich einen großen Zeitpuffer eingeplant, so dass ich im Foyer des Theaters noch sitzen und in Ruhe eine Tasse Kaffee trinken kann. Dann beginnt das Konzert, die ersten Töne erklingen - und ich bin wieder völlig fasziniert vom Live-Maybebop-Klang. Ich weiß ja, dass sie groß-, groß-, großartig sind, aber WIE großartig sie sind, erstaunt mich jedes Mal erneut. Wie kann man nur so schön zusammen singen?! Dafür lohnt sich jede Anfahrt im Feierabendverkehr! Aber warum bin ich jedes Mal wieder überrascht, wenn ich die ersten Töne höre, obwohl ich doch weiß, dass sie so großartig sind? Dieser Klang haut mich immer sofort um.

Der Abend ist ein "Best-of"-Konzert mit einer bunten Auswahl aus zwanzig Jahren Repertoire. Es macht großen Spaß und ich wippe mit, verziehe bei wundervoll jazzigen Akkorden begeistert das Gesicht, lache über witzige Textstellen, staune über wahnsinnige Arrangements und unglaublich hohe Töne, und kippe bei einem ganz sanften Billy Joel Lied fast vom Sitz, weil ich vergesse zu atmen. Jede der vier Stimmen ist auch als Solostimme sehr schön und ausdrucksstark. Beim gemeinsamen Singen kann sich jeder aber auch zurücknehmen, so dass es einen ausgeglichenen, ganz wunderbaren Akkordklang gibt, bei dem jeder aufmerksam auf den anderen hört und sofort reagieren kann. Es ist so, so gut! Die Arrangements sind außergewöhnlich gut, die Stimmen sind toll, und die Lockerheit und die Freude, die durchgehend zu spüren sind, machen alles zu großem Kino. Zu ganz großem Kino.

In der Pause gebe ich einen ausgefüllten Zettel für ein Gewinnspiel ab. Meine Chancen halte ich für verschwindend gering, aber trotzdem hätte ich gerne dazu gekritzelt: "Sollte ich den ersten Preis - "Maybebop kocht für dich" - gewinnen, würde ich ihn gerne gegen den zweiten - "Maybebop singt für dich" - tauschen." Nichts gegen ein selbstgekochtes Menü, aber ein Minikonzert könnte mich tatsächlich noch mehr erfreuen. Außerdem müsste ja vor einem Kochevent meine neue Küche aufgebaut sein und wer weiß, wann das bei meiner derzeitigen Motivation und den Lieferzeiten sein wird. Am Ende des Maybebop-Abends gibt es sehr langen Applaus und verdiente Standing Ovation von einem sehr begeisterten Publikum. Und von mir.

Zuhause kommt Fipsi an manchen Tagen mehrfach angeflogen, um jeweils ausgiebig Hirse zu fressen. Oft höre ich sie vorher rufen und kaum hört sie die Tür klappen, kommt sie schon angesaust. Morgens sitzt sie auch mal wartend im Busch vor der Tür. Manchmal befürchte ich, dass sie Hirse am liebsten mag und darum draußen gar nicht mehr so intensiv selber nach Fressbarem sucht. Über den Winter würde ich das aber mitmachen. Hauptsache, den überlebt sie gut, dann kann sie im Frühjahr langsam auf vorwiegend eigene Futtersuche umgestellt werden. Obwohl sie so viel frisst, ist sie immer noch ein schmaler Spatz, wirkt aber nicht mehr so dünn wie vor wenigen Wochen.

Die kontrastreiche Federzeichnung auf dem Spatzenrücken finde ich sehr hübsch. Hin und wieder fallen ihr Schwanzfedern aus und wachsen innerhalb von wenigen Tagen nach, aber immer so, dass entweder die mittleren oder die äußeren noch da sind und damit die Flugfähigkeit bleibt. Das kenne ich aber noch von Max, unserem langjährigen, zahmen Hausspatz. Der wohnte im Wohnzimmer und hat für mich im Frühling regelmäßig ein unordentliches Nest aus Gräsern und Zeitungsschnipseln im Bücherregal gebaut. Dann hat er pfeifend versucht, mich hineinzulocken. Vergeblich.

Am Wochenende gibt es das legendäre "Fußballsaufen" im Kölner Stadtwald. Früher waren mal alle Wise Guys plus viele gemeinsame Freunde dabei, inzwischen sind es nur noch einzelne Ex-Wise Guys plus deren Freunde und Bekannte, von denen ich die meisten nicht kenne. Zum Glück dann doch noch einige wenige. Ich gehöre zur sitzenden und quatschenden Zuschauergruppe, weil ich mein Knie nicht gefährden möchte. Die Kinder, die ich damals als Babys erlebt habe, sind inzwischen alle groß und spielen sportlich trainiert mit. Witzigerweise gab es Zeiten, in denen besprochen wurde, nicht so fest zu schießen, um die "Kleinen" ím Feld nicht umzunieten. Jetzt rückt wohl die Zeit näher, in der die "Kleinen" freiwillig nicht so fest schießen, um die "Senioren, die unbedingt noch mitspielen wollen" auf dem Spielfeld zu schützen.

Nachdem ich vor zwei Wochen Lust bekam, ein Krimi-Theaterstück zu schreiben, habe ich damit tatsächlich begonnen. Zuerst waren nur spontane Ideen da, daraus entwickelte sich ein Handlungsstrang und inzwischen weiß ich, wie es beginnt, wie es endet und um was es geht. Es wird lustig und blutig werden und ein überraschendes Ende haben. In der letzten Woche habe ich in Eupen während der Wartezeit vor dem Rainald Grebe Konzert weiter daran geschrieben, in dieser Woche in Düsseldorf während der Wartezeit vor dem Maybebop Konzert. Meine Hirnzellen freuen sich über die ungestörte Zeit und können, bei einem Kaffee und inmitten von anderen Leuten, sehr gut arbeiten. Die jeweiligen Künstler haben dabei keinerlei Einfluss auf die Handlung oder die Mordquote. Glaube ich.  

 

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