Blog 751 - 18.09.2022 - Hühnerfüße, die Queen und Rainald Grebe

Am Sonntagvormittag bin ich bei meinem Vater und ordne dort Papiere, hefte ab, nehme zwei neue Unterlagen mit, bei denen schon wieder etwas ab- oder umgemeldet werden muss, und koche Mittagessen. Zum Glück scheint viel von dem Papierkram, der nach einem Todesfall anfällt, inzwischen erledigt zu sein oder zumindest zu laufen. Gefühlt habe ich tagelang Warteschleifenansagen und Warteschleifendudelmusik angehört.

Am Nachmittag geht es mit Gatte und Sohn nach Düsseldorf, wo der andere Sohn wohnt. Wir wollen ein gemeinsames Brettspiel machen und danach etwas essen gehen. Spontan entscheiden wir uns für ein - nach Blick auf die Speisekarte - ziemlich authentisch chinesisches Restaurant, das "Lu Fung". Es gibt zwar die üblichen europäisierten Gerichte, aber auch eine große Dim-Sum-Karte, auf der Spezialitäten wie "Tausendjährige Eier", "Rettichkuchen" und "Hühnerfüße" stehen. "Dim Sum" heißt übersetzt "Die das Herz berühren“ und es sind chinesische Spezialitäten, die meist in kleineren Portionen serviert werden.

Das Restaurant befindet sich in einem heruntergekommenen Einkaufszentrum, das insgesamt nicht sehr einladend aussieht. Der Innenraum des "Lu Fung" ist sehr groß und ziemlich leer. Die wenigen Gäste sehen fast alle chinesisch aus, was ein gutes Zeichen für die Authentizität des Essens ist. Anstelle eines Hauptgerichts für jeden, wählen wir jeweils drei Dim Sums, so dass wir uns gemeinsam durch zwölf für uns ungewöhnliche Gerichte probieren können. Die werden nach und nach frisch zubereitet serviert.

Es ist spannend und macht Spaß. Außerdem gibt es Überraschungen. "Scharfe Tintenfischarme" und "Süßer Kürbisteig" sind total lecker, die "Dumplings mit Krabben" eher langweilig, die "Hühnerfüße in schwarzer Bohnensoße" gar nicht so schlimm wie wir dachten, und sogar die "frittierte Dorian", die wegen ihres Geruchs auch Stink- oder Kotzfrucht genannt wird, ist erstaunlich lecker und schmeckt wie samtiger Vanillepudding mit einem Hauch von Camembert. An die "Tausendjährigen Eier" trauen wir uns nicht. Nicht alles schmeckt allen von uns sehr gut, aber nichts schmeckt überhaupt nicht. Es ist eher eine Frage des persönlichen Geschmacks, nicht des Inhaltes oder der Zubereitung. Dass im Chrysanthementee kleine Chrysanthemen schwimmen, passt.

Die Bedienung ist sehr erfreut über unsere mutigen Bestellungen und dass wir die Gerichte dann nicht nur zögerlich probieren, sondern komplett aufessen. Spontan fragt sie am Schluss, ob wir noch eine kalte, süße Tapiokasuppe mit rotem Reis probieren möchten. Einfach so, als Geschenk aus der Küche. Ja, klar! Auch die haben wir noch nie vorher gegessen und finden sie sehr lecker. Was für ein Abenteuer! In Düsseldorf. Und beim nächsten Mal wählen wir auch mal die "Tausendjährigen Eier".

Im Fernsehen wird übertragen, wie in London der Sarg der Queen durch die Straßen geleitet wird. Es ist eine altmodische, aufgeblasene und doch beeindruckende Zeremonie. Sie passt nicht mehr in die Zeit, aber ich finde sie, zumindest während der wenigen Minuten, in denen ich sie betrachte, faszinierend. Es ist immerhin Zeitgeschichte. Nach wie vor überlege ich, ob im Sarg tatsächlich die Queen liegt, oder ob seit der Fahrt durch Schottland nur noch dem Sarg mit darauf abgestellter Krone applaudiert wird, während die Queen bis zur Beerdigung ganz woanders gut gekühlt liegt. Vielleicht gibt es auch Kühlakkus im Sarg. Da sieht man wieder, dass ich ziemlich pragmatisch bin.

Noch während die Queen - oder ihr Sarg - von sieben Pferden durch London gezogen wird, klinke ich mich als Zuschauerin aus und fahre los zum Rainald Grebe Konzert. Das findet in Eupen statt, das zu Belgien gehört, aber Teil der deutschsprachigen Gemeinschaft ist. Die Amtssprache und die mehrheitliche Sprache sind deutsch, es wird aber auch Eupener Platt, flämisch und französisch gesprochen. Bei Aachen fahre ich kurz über die Grenze, fühle mich inmitten der flämischen und französischen Schriften wie im Ausland und dann doch nicht richtig weit weg.

Ursprünglich war das Konzert für Juni 2020 geplant. Wegen Corona wurde es verschoben auf Februar 2021. Dann nochmal verschoben auf Februar 2022, dann verschoben auf September 2022. Da findet es jetzt tatsächlich statt. Gerade mal 27 Monate später. Hurra!

 

Hach, wie schön! Ich freue mich wirklich, denn ich bin so gerne bei Rainald Grebe Konzerten und war schon so lange nicht mehr da. Diesmal bin ich beim "Münchhausen-Konzert", das für mich neu ist, aber ich hätte mich auch über jedes alte Programm gefreut. Hauptsache Rainald.

Auch diesmal finde ich seine Gedanken und Zusammenstellungen zum Oberbegriff "Münchhausen" albern, inspirierend, schräg, berührend und - ach, Rainald Grebe passt einfach und trifft genau meinen Nerv. Als er "Der Tod" singt, habe ich Gänsehaut und Tränen in den Augen. Meine Mutter ist vor vier Wochen beerdigt worden, der nette Onkel des Gatten in der letzten, heute verließ die Queen zum letzten Mal ihren Palace, und Rainald hat Vaskulitis, eine Autoimmunkrankheit, die unberechenbar ist. Auch er muss sich mit einem möglichen Tod beschäftigen, was er, gründlich und analysierend wie er ist, auch macht. Er singt: "Der Tod hat nix mit mir zu tun ... Der Tod macht keine Termine, er kommt wenn's ihm passt ... Der Tod wippt sachte mit der Hüfte. See you soon, see you soon." Es dauert etwas, bis ich danach wieder befreit lachen kann.

Ach, menno! So eine Krankheit braucht kein Mensch! Ich möchte lieber, dass Rainald weiterhin ganz unbefangen und übersprudelnd Programme raushaut, die Waldbühnenkonzerte der nächsten 30 Jahre plant und seine Gehirnzellen wild springen lässt. Aber er geht schon ganz richtig und ziemlich pragmatisch damit um, und auch das passt zu ihm. Es hilft ja auch nix. Ich kann mich ganz gesund fühlen und morgen wegen Herz, Lunge oder Aneuyrisma umkippen. Mir geht immer öfter die Rilkezeile durch den Kopf: "Wenn wir uns mitten im Leben meinen ..."

Vor 18 Jahren war ich zum ersten Mal bei einem Konzert von Rainald. Vor 18 Jahren! Ich war sofort begeistert. Seitdem gehört er zu meinem Leben dazu. Es gibt zwei Lieblingsprogramme, die ich immer mal wieder auf CD anhöre, weil ich sie so sehr mag, ich summe hin und wieder Textzeilen vor mich hin und wir hauen Zuhause öfter mal ein Zitat von ihm raus. Er hat sogar mein Arbeiten beeinflusst - ich arbeite unabhängiger, mutiger und seit vielen Jahren vorwiegend für eigene Projekte. Als wir uns nach dem Konzert noch treffen und in kleiner Runde zusammensitzen, ist es sehr vertraut und entspannt. 18 Jahre - unglaublich.

Es regnet und regnet, aber Fipsi kommt regelmäßig zwei- oder auch dreimal täglich zum Essen vorbei. Vorwiegend in den Regenpausen. Sie liebt ihre rote Hirse immer noch sehr, deren Körnchen sie in rasender Geschwindigkeit abpickt und blitzschnell spaltet. Die Spelzen fliegen nur so zur Seite. Ich erinnere mich, wie ich ihr am Küchentisch die ersten Hirsekörnchen mit einem scharfen Messer angeknackt habe und wie lange sie sie einzeln im Schnabel hin- und herschieben musste, bis sie die Schalen entfernen konnte. Das Üben hat sich gelohnt.

Üben muss ich noch beim Outdoor-Kochen. "Wenn der Strom ausfällt, kann ich auch draußen auf dem Grill kochen!", behaupte ich immer lässig. "Das ist gar kein Problem!" Jetzt will der Sohn sich mit Freunden im Garten treffen und da passt eine Outdoor-Suppe auf der Feuerstelle gut. Testweise stelle ich vorher mal meinen Lagerfeuertopf, den ich noch nie benutzt habe, auf den Grill. Wenn er Wasser heiß kriegt, ohne dass die innere Emailschicht abplatzt, kann er auch für Suppe genutzt werden.

Der Topf steht auf der Grillstelle, das Feuer lodert, das trockene Holz knackt, das Wasser wird warm, die Emailschicht bleibt stabil - aber es qualmt als ob ein Teil des Hauses brennt. Ich befürchte tatsächlich, dass ein Nachbar die Feuerwehr rufen könnte. Ich stehe im Qualm, meine Augen tränen und meine Haare, meine Haut und meine Kleidung riechen schon nach wenigen Minuten penetrant und stechend nach offenem Feuer und verkohltem Holz. Na super. Ehe das Wasser wirklich heiß ist, lösche ich das Feuer mit der Gießkann aus, weil ich die Situation nicht einem zur Hilfe geeilten Löschzug erklären möchte. Ich denke, bei Stromproblemen kann ich auch sehr gut Knäckebrot und einen Apfel essen. 

 

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