Blog 750 - 11.09.2022 - Windlicht, Queen und Menschenverstand

Den Sonntag verbringe ich noch in der Eifel beim Steinhauwochenende in Weibern. Es ist wunderbar. Den ganzen Tag über regelmäßige Klopfgeräusche, viel Staub, nette Teilnehmer, leckere Verpflegung und das tolle Team der Leute vom Steinhau-Verein. Ganz abgesehen vom Arbeiten mit dem Stein, das mir immer ein großes Vergnügen ist. Am Sonntagnachmittag ist Schluss und der Stein wieder nicht fertig geworden. Diesmal gibt es aber nur an den Rändern und beim Aushöhlen noch Nacharbeit. Grob geplant hatte ich ja eine Art "römischen Stein mit kleinem Schafskopfrelief und genug Platz für Kerzenlicht", jetzt passen zwei kleine Teelichter rechts und links hin und der große Widderschafkopf sieht eher schottisch aus. Ich nenne das Ergebnis am besten "Schottisches Windlicht".

Zuhause schleppe ich den Widderstein mit dem Sohn zusammen ganz hoch in den Garten. Am Ende der Treppe finde ich einen perfekten Platz für ihn. Als es dunkel ist, stelle ich probeweise zwei Teelichter rein - oh, wie schön! Ich glaube, ich möchte noch mehr Windlichter aus Stein klopfen.

Schon mehrfach wurde in den letzten Tagen Regen angekündigt, aber nie kam er in meinem Garten an. In der Nacht zum Mittwoch dann endlich. Mit Blitzen, grollenden Donnern, Wind und Regen. Einerseits freue ich mich sehr über den dringend benötigten Regen, andererseits haben wir jetzt Fipsi, die draußen sitzt und für die es das erste Regengewitter ihres Lebens ist. Noch dazu im Dunkeln. Mit Gewitter. Als Vogelmutter darf man sich da schon mal Sorgen machen. Ich wüsste ja gerne, wie die Spatzen solche Nächte erleben. Hocken sie ängstlich aneinander gekuschelt und zucken bei jedem Donner zusammen? Oder sitzen sie auf ihrem schaukelnden Ast, haben die Augen geschlossen, lassen das Regenwasser abperlen und warten lässig ab?

Am nächsten Morgen gehe ich wie üblich mit Futter raus. Kaum hat das Gartentor gequietscht, kommt Fipsi schon quer über die Straße geflogen, um zu frühstücken. Sie hat großen Hunger, wirkt ansonsten aber ganz normal und nicht ungewöhnlich aufgeregt. Anscheinend ist eine Gewitternacht gut zu überstehen.

Sehr niedlich ist inzwischen, dass sie bei plötzlichen Geräuschen, Warnrufen und Situationen, die sie nicht sofort beurteilen kann, schnell in den nächstgelegenen Busch fliegt. Von dort aus äugt sie vorsichtig durch die Blätter nach draußen und fliegt, wenn ihr alles wieder gut erscheint, zurück auf die Hand. Alles kann gefährlich sein, nur nicht ihre Adoptivfamilie und deren Hände. Was für ein Vertrauen!

Außerdem ist die dunkle Verdickung an ihrem Zeh verschwunden. Einen kurzen Moment lang denke ich, dass ein anderer Spatz auf meiner Hand sitzt, aber das Verhalten und der Rest des Aussehens stimmen, inklusive der Schwanzfedern, die über den letzten alten gerade mal wieder neu wachsen. Anscheinend war es eine feste Verkrustung über einer Verletzung am Zeh, die jetzt abgefallen ist. Pragmatisch wie ich bin, hatte ich gedacht, dass ich, falls ich mal einen toten Spatz finde, an der Verdickung am Zeh sofort erkennen kann, ob es unsere Fipsi ist oder nicht. Tja, geht nicht mehr.

Am Donnerstagabend stirbt die Queen. Sie war 96 Jahre alt, aber schon immer da und gefühlt unsterblich. Vielleicht sind darum so viele Leute betroffen, weil sie völlig selbstverständlich Tugenden wie Zuverlässigkeit, Pflichtbewusstsein, Moral und Anstand repräsentierte. Vor acht Jahren habe ich sie besucht, beziehungsweise ich konnte mit meiner Familie einen kleinen Bereich ihrer Wohnung, des Buckingham Palace, ansehen. Natürlich ohne Queen, die in der Zeit in Schottland weilte. Was für ein gemütlicher Palast! Bis heute sind wir froh, dass wir uns die für Besucher freigegebenen Räume ansehen und die Atmosphäre erleben konnten. Und ganz nebenbei erkennen wir jetzt auf offiziellen Fotos oder Filmaufnahmen oft die Stellen, an denen sie gemacht wurden, weil wir dort auch schon standen. Ebenfalls ohne Queen.

Jetzt wird Prince Charles tatsächlich im Rentenalter noch König. Da hätte ich auch fast nicht mehr dran geglaubt. Interessanterweise konnte er jetzt einen seiner Vornamen - Charles, Philip, Arthur, George - als Königsnamen wählen. Wir gut, dass er nicht Arthur gewählt hat, denn dann würde ich ständig an König Artus denken, der als Knabe vom Zauberer Merlin aufgezogen wurde, ein Schwert aus dem Felsen zog und mit den Rittern an der Tafelrunde saß. Prinz König Charles hat es auch so schon schwer genug.  

Ich fand ja schon immer, dass meine Mutter Ähnlichkeit mit der Queen hatte. Nicht wie eine Doppelgängerin, aber vom Typ her.

Am nächsten Tag ist Beerdigung. Nicht die der Queen - der total nette Onkel des Gatten ist verstorben. Er war immer sehr witzig und brachte, sogar als er schon dement war, alle zum Lachen. Als er in der Notfallambulanz war und seine Frau in den Raum kam, sagte er zu den Notärzten: "Sie können jetzt gehen, meine Frau ist da!" Ich kann mir sein verschmitztes Gesicht dabei genau vorstellen. Jetzt liegt er nur einige Meter von meiner Mutter entfernt, die wir vor drei Wochen auf demselben Rasenstück, aber an der anderen Seite beerdigt haben.

Das Wetter bleibt nass. Fipsi scheint es nicht viel auszumachen und der Garten kann es mehr als brauchen. Im Haus ist es trocken und gemütlich. Noch muss nicht geheizt werden. Wie die Situation mit Gas und Strom im Winter wird, kann man nicht voraussagen. Ein paar Decken mehr können wohl nicht schaden. Und ansonsten Gelassenheit, keine Panik und Energiesparen, wo es möglich ist. Im Internet scrolle ich immer häufiger schnell weiter, weil mich die selbstgefällige Dummheit in Bezug auf Corona, Putin und die Ukraine zunehmend nervt. Impfen schadet mehr als es nützt. - Öffnet Nord Stream 2 und alles ist gut. - Putin wurde immer provoziert. - Russland hat gewaltige Reserven in der Hinterhand. - Die Ukraine kann nicht gewinnen. - Man darf nicht mehr sagen, was man denkt. ...  Ähm, nein! - Gerade die Leute, die keine Ahnung haben, sind am lautesten. Es fehlt an Bildung und Menschenverstand.

Am Samstagabend sehe ich mir bei "Szene 93" "Das Geheimnis der alten Mühle" an, bei dem es lustig um die Aufführung eines pannenreichen Live-Hörspiels geht. Mit fast allen Darstellern habe ich schon mal auf der Bühne gestanden, und sogar die Bühnentische waren bei den "12 Geschworenen" dabei. Ich denke, im nächsten Jahr ist es soweit, dass ich mal wieder selber irgendwo mitspiele. Oder dass ich ein eigenes Stück schreibe. Oder beides. Es kribbelt.

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