Blog 749 - 04.09.2022 - Alte Meister, Guildo Horn und römisches Schaf

Der Sohn hat einen Termin in Frankfurt und ich fahre mit und gehe unterdessen ins Städel-Museum, um mir dort die "Alten Meister" anzusehen. Mir gefällt sofort das Licht und die konzentrierte Stimmung in "Der Geograf" von Jan Vermeer, das er 1669 gemalt hat. 1669! Das ist sehr lange her. Jetzt hängt es hier und ich sehe jeden Strich, den Vermeer vor mehr als 350 Jahren selber gemalt hat. Sein bekanntestes Bild ist wohl "Das Mädchen mit dem Perlenohrring". Überhaupt zeigen sich die "Alten Meister" als bildliche Chronisten, so wie es heute Fotografen sind. Auch Fotografen schönen und idealisieren Szenen häufig, aber trotzdem zeigen sie einen Einblick in ihre Zeit.

In einem der Räume gibt es das "Bildnis von Hans Urmiller mit seinem Sohn". Den kenne ich doch! Also den Vater. Der blickte früher von den 50-DM-Scheinen - allerdings ohne Sohn. Ich hätte niemals gedacht, dass er oben so ernst und seriös aussieht und unten ein Kleinkind hält. Neben der Frage, ob sich im Jahr 1540 Karriere und Kinder besser vereinbaren ließen, kommt die Neugier, ob auch andere Geldschein-Persönlichkeiten unterhalb des Geldscheinrandes unerwartete Sachen in den Händen halten?

Insgesamt macht mir der Besuch des Museums und der Blick auf die Details der Arbeiten wieder viel Lust, mit den Ölfarben weiterzumachen. Zeitlich war das in den letzten Wochen gar nicht möglich, aber ich werde mir demnächst schon ein Zeitfenster aufmachen.

Zuhause überarbeite ich den Rest des Berichtes über die Wise Guys Totalnacht 2006. Er ist sehr lang und ausführlich und wird mit den vielen Fotos fast ein Bilderbuch. Als er komplett fertig ist, freue ich mich und denke doch plötzlich: "Das war's." Alles, was ich über die Wise Guys geschrieben und dazu fotografiert habe, ist jetzt überarbeitet und auf der reihedrei-Homepage wiederveröffentlicht. Es ist ein komisches Gefühl. Ich werde nie wieder an einem Wise Guys-Bericht schreiben oder ihn überarbeiten. Dieses Kapitel ist jetzt endgültig beendet. 

Umso schöner finde ich, dass es so viele alte Berichte aus einer Zeit gibt, in der sich die Wise Guys noch als eng verbundene Gruppe fühlten und wirklich viel Spaß zusammen hatten. Beim Lesen der Berichte ist das noch zu spüren und der Spaß kommt durch die Zeilen gehüpft. Für mich sind gerade die frühen Wise Guys Zeiten voll mit Jubel, Gelächter und spannender Aufbruchsstimmung.  

Fipsi kommt jeden Morgen zum Frühstück. Inzwischen sitzt sie zwischendurch auch mal wieder länger auf meinem Kopf oder der Schulter, knabbert kurz an meinen Haaren und scheint sich wieder an ihre Kleinvogelzeit zu erinnern. Trotz der Extra-Fütterung sieht sie schmal aus. Vielleicht muss ich mal versuchen, ob sie Sonnenblumenkerne und Aufzuchtfutter zusätzlich zur Hirse und den Heimchen nimmt.

Und dann sitze ich plötzlich wieder mal in einer Situation, in der ich denke: "Wie komme ich in so was? Und warum muss ich das machen??" In diesem Fall schraube ich den Innenteil einer Steckdose los und bohre, während das ganze Zeugs noch aus der Dose baumelt, im Inneren des Steckdosenloches ein Loch bis zur anderen Wandseite. Der Strom ist währenddessen nicht abgestellt, weil ich ihn ja für die Bohrmaschine brauche, "Das geht schon!", behauptet mein Vater, der Elektrikermeister ist und vom Sofa aus Handlungsanweisungen gibt. Sein Rücken lässt nicht zu, dass er selber allzu lange auf dem Boden hockt. Ich kenne mich mit Strom überhaupt nicht aus und vermute nur, dass man niemals unmittelbar neben funktionierenden Stromkabeln bohren sollte, wenn die Maschine abrutschen und in die Kabel hauen könnte. Als ich das meinem Vater zu bedenken gebe, meint er: "Dann darfst du eben nicht abrutschen. Fest mit der Bohrmaschine drücken, dann geht das schon."

Und so sitzt der Meister auf dem Sofa und macht wechselnde Angaben - "Schwarzes Kabel rechts einstecken!" "Rechts?" "Ja" "OK, ist drin." "Ach, nee, links! Jetzt ist es falsch." - und der Lehrling schraubt an der Verkabelung und hat keine Ahnung - "Als erstes die Erde? Was davon ist denn die Erde?" "Die Erde ist das Wichtigste!" "Papa, ich habe keine Ahnung! Du musst mir sagen, was davon die Erde ist!" "Erde immer zuerst!!" - Immerhin ist während des Verkabelns dann doch der Strom abgestellt. Am Ende ist alles zusammengeschraubt und sowohl die Steckdosenleiste als auch der neue Anschluss an der anderen Wandseite funktionieren. Ich atme auf und fühle mich trotzdem nicht wie eine Elektrikerin. Nicht mal wie eine Elektrikerin-Auszubildende. Eher wie eine Überlebende.

Am Donnerstagabend macht Guildo Horn im örtlichen Kulturhaus eine Lesung aus seiner Autobiographie "Doppel-Ich - Die andere Seite des Horst Köhler". Bei Guildo Horn denke ich immer sofort an kalte, nasse Waschlappen auf dem Kopf. Als Guildo Horn nämlich 1998 beim "Grand Prix" auftrat, war ich am späten Nachmittag von mehreren Bienen in den Kopf gestochen worden. Ich weiß nicht mehr, wie viele Stiche es waren, aber mehr als zehn. Alle in den Kopf. Weil ich nicht gestorben war, wollte ich auf jeden Fall am Abend Guildo im Fernsehen ansehen. Und so saß ich mit mehreren Waschlappen auf dem Kopf, die ich immer wieder in kaltem Wasser ausspülte und erneut auflegte, auf dem Sofa. Als Guildo auftrat, vergaß ich kurz die schmerzenden Schwellungen und lachte ich mich über seinen erfrischenden und lustigen Auftritt fast weg. Mein Anblick mit den Waschlappen auf dem Kopf war vermutlich ebenso skurril wie sein Auftritt.

Danach habe ich sogar Guildo-Horn-Konzerte besucht, bei denen ich, obwohl ich so überhaupt nicht auf Schlager stehe, lauthals die Schlager meiner Kindheit mitsang und einen Riesenspaß hatte. An diesem Abend liest er, was gut zu ihm passt. So spaßig und bunt er auch aussieht - er ist ein ernsthafter und konzentrierter Musiker und spielt den Clown mehr als er es ist. Ungewöhnlich an der Lesung ist nur, dass das Buch schon 2008 erschienen und gar nicht mehr zu kaufen ist. Er liest also wirklich nur daraus vor und macht keine Verkaufstour, weil ein Buch neu erschienen ist.

Weil er ein Doppel-Ich hat, läuft er vorher ziemlich normal lässig gekleidet als Horst Köhler durchs Treppenhaus, tritt aber bunt als Guildo Horn auf. Das ist in Ordnung. Zum einen erwartet das Publikum das, zum anderen kann er damit vermutlich gut sein Privat- von seinem Bühnenleben trennen. Sehr begeistert und schwungvoll erzählt und liest er aus seiner Horst-Köhler-Zeit, in der er ein soziales Jahr in der Trierer Werkstatt für Behinderte machte. Das hat sein weiteres Leben und seine Persönlichkeit geprägt.

Das Buch ist von ihm lebendig und lustig geschrieben, er selber ist locker und witzig, so dass viel gelacht wird, aber trotzdem kommen die Ernsthaftigkeit, seine klare Einstellung, die Offenheit und sein liebevoller Respekt den Behinderten gegenüber sehr gut rüber. Wer vorher vielleicht noch dachte, dass Guildo Horn schräg und oberflächlich ist, merkt schnell, dass er nachdenkt, handelt und über sein Leben gerne selber bestimmt. Wenn er sich in eine Schublade legt, wie zum Beispiel in die bunte Guildo-Horn-Schublade, dann hat er sie selber gezimmert. Ich mag das sehr.

Vermutlich hat Guildo Horn vorher nicht mehr probeweise gelesen, was er am Abend vorliest, denn nach zwei Stunden schaut er auf die Uhr, ist erstaunt, dass die Vorstellung damit schon rum ist und hat noch einige Marker an den weiteren Buchseiten kleben. Unter viel Beifall hört er trotzdem auf. Dabei hatte er vorher noch angekündigt, dass er so lange liest, bis der Letzte vom Stuhl kippt. Es ist aber gar keiner gekippt. Alle haben aufmerksam zugehört und sogar bei einem kleinen Mitmachlied den Körper nach vorne, nach hinten und zur Seite gebeugt. Was man bei Lesungen mit Guildo Horn eben so macht.

Am Samstag geht es zum Steinhaukurs nach Weibern in der Eifel. Zum zweiten Mal in diesem Jahr. Ich bin selber überrascht, dass der Termin schon da ist und muss ganz schnell überlegen, was ich denn dort machen möchte. Kurzentschlossen entscheide ich mich für "etwas Römisches mit einem kleinen Schafs- oder Ziegenkopfrelief im oberen Teil und unten Platz für ein Windlicht. Oder so". Das "oder so" ist ganz wichtig, denn schon beim Aussuchen des Steins plane ich anstelle eines viereckigen Windlichts eins mit spitzem Dach.

Dann haue ich viel Steinzeugs weg, möchte plötzlich doch lieber keinen kleinen, sondern einen großen Schafskopf mit gedrehten Hörnern haben und demzufolge nur zwei kleine Ausbuchtungen für zwei kleine Windlichter. Man muss flexibel bleiben und auch darauf hören, was der Stein werden möchte. Am Samstagabend ist schon zu erkennen, wie es ungefähr werden wird. Ein vorbeikommender Besucher erkennt das Schaf sicher als den Geißbock des 1. FC Köln. Ich bin ziemlich staubig, sehr entspannt und kann am Sonntag einen ganzen Tag lang weiterklopfen. Wunderbar!   

 

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