Blog 747 - 21.08.2022 - Schnitzen und Trauerfeier

Am Sonntagnachmittag endet der Vorbereitungskurs zum Holzkopfschnitzen. Die "Schnecke in der Mulde" ist noch nicht an allen Stellen sauber geschnitzt, aber die wichtigsten Voraussetzungen zum Schnitzen sind gelernt. Die Theorie kann noch nicht überall überzeugend in die Praxis umgesetzt werden, aber, wie Jürgen Maaßen es zuversichtlich versichert, nach tausend geschnitzten Köpfen können wir es. Das gibt Hoffnung.

Am Montag beginnt anschließend der Fünf-Tage-Kurs "Vom Holzklotz zum Holzkopf", in dem das erworbene Wissen eingesetzt werden kann. Jürgen Maaßen, der selber wunderschöne Figuren schnitzt, ist der beste Lehrmeister für Figurenköpfe aus Holz. Ich kann am ersten Kurstag nicht dabei sein, weil Zuhause noch einiges vor der Beerdigung zu erledigen ist. Aus der Schnitzwelt im Bochumer Figurentheater-Kolleg, die weg von der normalen Welt und nicht ganz real ist, kehre ich in die wirkliche Welt zurück, die allerdings ebenfalls sehr unreal ist. Alles scheint verschoben und muss einen neuen Platz suchen. Aber die Absprachen und Termine klappen gut und am Abend ist alles erledigt.

Am Dienstag kann ich zurück ins Kolleg fahren. Dort erwartet mich schon ein vorgesägter Kopf, für den ich am Sonntagabend noch schnell einen Entwurf gemacht habe, damit er während meiner Abwesenheit gesägt werden konnte. Spontan habe ich mich für einen schmalen Frauenkopf mit Bubikopffrisur entschieden. Jetzt muss ich sehen, wie ich den herausgeschnitzt bekomme. Dass ich keine witzige Figur mache, liegt vermutlich an meiner persönlichen Situation. Ich kann sehr vernunftbetont und pragmatisch mit dem Tod meiner Mutter umgehen und auch locker und gerne lachen, aber eine ernste Figur liegt mir bei der Gestaltung jetzt näher.

Jürgen Maaßen erklärt für alle Kursteilnehmer mit einer anschaulichen Zeichnung, wie beim Schnitzen eines Kopfes auf die Faserrichtung des Holzes geachtet werden muss. Es ist ähnlich wie bei der Schnecke, nur etwas schwieriger. Mit dem Schnitzeisen am Scheitelpunkt hier hoch, da runter, dort quer, da aber wieder hoch und hier runter und dabei gleichzeitig quer. Ähm ... ja.

Ich lege einfach mal los und versuche wegzuschnitzen, was nicht bleiben soll. Oft frisst sich das Schnitzeisen fest, weil die Maserung anders reagiert als ich annehme oder auch, weil das Schnitzeisen in eine bestimmte Richtung schneiden müsste, ich dort aber gar nicht im passenden Winkel hinkomme. Es ist nicht einfach, aber ich nähere mich langsam dem Ergebnis.

Während ich immer noch mit widerborstigen Fasern in kleinen Ecken kämpfe und einige Stellen mehr gehackt als geschnitzt aussehen, schabt Jürgen Maaßen sehr lässig mit einem breiten Schnitzmesser feinste Scheibchen an einem grazilen Holzkopf ab und hat selbst in den unzugänglichsten Winkeln sofort ein perfektes Ergebnis. Hin und wieder geht er in der Werkstatt herum, nimmt sich einen der hakeligen Holzköpfe und schnitzt ihn an einer Hälfte hilfreich glatter. "Die andere Seite machst du gegengleich!", sagt er danach, was logisch klingt, aber nur schwer zu schaffen ist. Aber seine vielen Tipps, sein großes Wissen und seine Freude am Schnitzen sind klasse und bringen ganz viel.

Nach zwei Tagen in Bochum fahre ich am Abend schon wieder nach Hause, weil am nächsten Tag meine Mama beerdigt wird. Das ist ein schwieriger und trauriger Tag, der nur darum leichter wird, weil es gut für sie war, dass sie sich ein längeres Leben mit immer schneller sinkender Qualität erspart hat. Abgesprungen, bevor sie ein schwerer Pflegefall und immer trauriger wurde - das ist schon gut. Es kommen unerwartet viele Menschen zur Beerdigung, und sowohl die Trauerfeier auf dem Friedhof als auch das Treffen danach sind harmonisch, fühlen sich richtig an und sind genau so, wie es ihr gefallen hätte.

Am späten Abend falle ich müde und erschöpft ins Bett. Gefühlt beginnt erst jetzt, nach der Beerdigung, eine neue Zeit. Mal sehen, wie alles wird. Meine Mutter muss nicht mehr so viel betreut werden und ich mache mir nicht mehr so viele Sorgen, dafür ist mein Vater jetzt alleine und muss sich erstmal in die neue Situation einfinden. Plötzlich fällt mir ein, dass es nun niemanden mehr gibt, dem ich eine Wunschliste für meinen Geburtstag in die Hand drücken kann. Mit dem Gatten habe ich mich schon seit längerer Zeit auf "etwas Nettes unter 10 Euro" geeinigt, von anderen bekomme ich im Normalfall nichts mehr geschenkt. Meine Mutter war die Einzige, die gerne eine Liste hatte, von der sie etwas aussuchen konnte. Das war schon in den letzten Jahren nicht mehr richtig möglich, aber da habe ich dann eben selber etwas von meiner Liste besorgt, das sie mir schenken konnte. Ab jetzt muss ich zum ersten Mal im Leben keine Liste mehr beginnen, denn es gibt niemanden mehr, der sie verwenden möchte. Diese Erkenntnis lässt mich dann doch schwer schlucken, auch wenn es gar nicht wichtig für mich ist, Geschenke zu bekommen. 

Früh am nächsten Morgen starte ich wieder nach Bochum. Der letzte Tag des Kurses ist dran. Es tut mir so gut, dass ich in die Werkstatt gehen und an meinem Kopf schnitzen kann. Die letzten zwei Wochen waren so voll und emotional, dass das Abtauchen in eine kreative Arbeit ohne sonstige Verpflichtungen eine große Erholung ist. Dass auch Daniela und Katy da sind und wir uns unkompliziert und sehr gut verstehen, macht es noch besser.

Am Freitagnachmittag endet der Kurs und ich bin nicht ganz fertig mit dem Kopf, weil ich von fünf Tagen zwei gefehlt habe. Das ist aber nicht tragisch. Es ist schön, dass ich trotzdem so viel schnitzen konnte und so viel gelernt habe. Der Holzkopf wird von Jürgen Maaßen noch mit einem Hackebeil gespalten und ich höhle ihn aus, das Zusammensetzen und Bemalen kann ich auch Zuhause machen. Ich bin froh, dass ich den Kurs, der sehr klasse war und einen wunderbaren Dozenten hatte, besuchen konnte.

Zuhause ist Fipsi in den letzten Tagen immer vorsichtiger geworden. Von unten drohen Katzen, oben kreisen Raubvögel, Autotüren schlagen, Hunde bellen - so ein Spatzenleben ist recht nervenaufreibend. An einigen Tagen sehen wir sie gar nicht, an anderen kommt sie an, ist aber sehr nervös und fliegt bei der kleinsten Störung sofort in den nächsten Busch. Von dort beäugt sie, verdeckt von Blättern, die Umgebung und kommt dann vorsichtig wieder raus und auf die Hand. Sie sieht etwas struppig aus, was von einem ersten Federwechsel, aber auch von kleinen Auseinandersetzungen mit anderen Spatzen kommen kann. Vor meiner Hand hat sie aber weiterhin keine Angst und manchmal bleibt sie noch etwas auf ihr sitzen, wenn sie schon satt ist. Dann genießt sie anscheinend die Nähe und Ruhe. Oder sie will einfach warme Füße haben.

Wir haben nichts dagegen, dass Fipsi sich auswildert und irgendwann gar nicht mehr kommt, aber es ist schon beruhigend, wenn wir sie erkennen und sehen, dass es ihr gut geht. Wenn alles ruhig ist, kommt sie aber immer noch gerne, um sich ihre Extraportion Hirse und morgens auch aufgetaute Heimchen abzuholen. Dabei zeigt sie nie den Wunsch, doch lieber wieder zu uns ins Haus zu kommen. Im Gegenteil. Wenn sie fertig ist mit Fressen und Sitzen, stößt sie sich von der Hand ab und fliegt blitzschnell und mit rasantem Schwung mitten zurück in die Büsche auf der anderen Straßenseite und zwischen die anderen Spatzen.

Am Abend klebe ich die beiden Holzkopfhälften sorgfältig zusammen und fixiere sie mit Gummiringen. Es sieht aus wie große Kunst, ist aber nur ein Hilfsmittel, um die Teile fest zusammenzupressen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich sie noch fester hätte pressen müssen, denn ein winziger Spalt ist noch zu erkennen. Vielleicht verschwindet der aber bei der Überarbeitung.

 

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