Blog 746 - 13.08.2020 - Planen, Sorge und Schnecke in der Mulde

Die Woche vergeht mit Schnelltests, Fahrten ins Krankenhaus und vielen Stunden bei meiner Mutter, die einen schweren Schlaganfall hatte. Welcher Wochentag gerade ist, muss ich lange überlegen und durchzählen, denn alles ist unwichtig und die Alltagsmarker fehlen. Nach einer Woche im Krankenhaus mit palliativer Betreuung stirbt meine Mutter und hat es geschafft. Es ist traurig - so viel ist plötzlich Vergangenheit. In der Zukunft, und sogar schon in der Gegenwart, ist sie nicht mehr mit dabei.

Trotzdem sind wir auch erleichtert, denn mit ihrer schnell zunehmenden Demenz wurde das Leben für sie immer verwirrender und schwerer, und ihr Weg ins Pflegeheim und zu einem für sie vollends unglücklichem Zustand war absehbar. Bei aller Traurigkeit freuen wir uns für sie, dass sie bis zum Ende ihres Lebens gut versorgt Zuhause wohnen, noch relativ mobil war und auch noch viel Spaß haben konnte. Also auch: "Gut gemacht, Mama!", denn dass sie so schnell aus ihrem mühsam gewordenen Leben flutschen konnte, das immer weniger Qualität gehabt und sie immer unglücklicher gemacht hätte, ist schon sehr schlau.

Danach muss ungeheuer viel gemacht werden. Davon habe ich immer schon gehört, aber ich musste es noch nie selber machen. Wie viele Stunden ich im Internet, in Warteschleifen oder am Telefon hänge, ist unglaublich. Und dabei sind die Unterlagen bei meinen Eltern schon recht gut sortiert. Über einem bunten Hochglanzkatalog zu sitzen und Särge anzusehen - "Der '309 Kiefer, honig' ist schön. '378 Linde' würde ihr auch gefallen" - will ich gar nicht. Und mache es natürlich trotzdem.

Während ich beim Termin mit dem Bestatter sitze, gibt es bei mir Zuhause große Aufregung und Sorge. Als mein Sohn unseren kleinen Spatz Fipse füttert, fliegt sie nach den letzten Hirsekörnern plötzlich vor ihm in einen niedrigen Busch. Wie ein Blitz schnellt von dort ein schwarzer Schatten hoch - der Kater! Mein Sohn brüllt und stürzt auf den Busch zu, rennt dann ins Haus, um Wasser zu holen und die Katze, die weiterhin unter dem Busch sitzt, zu vertreiben. Als sie wegrennt, sucht er die Umgebung höchst besorgt nach Federchen und Blut ab. Es ist nichts zu finden, aber das heißt nicht, dass nichts passiert ist. Weil es früher Abend ist, ist ein erneuter Besuch von Fipsi nicht zu erwarten, denn die Spatzen ziehen sich dann in die Büsche zurück, wo sie die Nacht verbringen. Oh nein, jetzt auch noch Fipsi zu verlieren, wäre hart. Wir machen uns Sorgen.

Am nächsten Morgen gehe ich schon früh raus. Kein Spatz ist zu sehen. Ich höre sie auf der anderen Straßenseite in den Büschen laut miteinander quatschen, aber sie sind noch nicht unterwegs. Aber da: Ein einzelner Spatz sitzt auf einmal ganz nah in einem hohen Busch, und als ich rufe, kommt Fipsi auf den Finger und stürzt sich auf die Hirsestange. Sie ist völlig unverletzt, die Federn liegen alle glatt und sie wirkt nur etwas nervös. Wie toll! Wir freuen uns so. Glück gehabt! Hoffentlich hat sie daraus gelernt und fliegt nicht mehr in niedrige Büsche.

Bis zum Ende der Woche bin ich ziemlich mit Planungen, Vorbereitungen und Telefonanrufen beschäftigt. Dabei streiche ich mehr und mehr auf meiner erst unübersichtlich langen To-do-Liste ab und habe irgendwann alle 'sehr wichtigen', dann 'wichtigen' und sogar schon einige der 'später'-Punkte abgehakt. Es läuft alles oder es läuft zumindest an. Darum packe ich einige Sachen zusammen, um über das Wochenende im Bochumer Figurentheater-Kolleg die Wochenend-Einführung zum Schnitzkurs zu besuchen. Nach der anstrengenden und aufwühlenden Zeit kann mir eine Auszeit an der Werkbank nur gut tun. Am Wochenende passiert bei Behörden und Versicherungen sowieso nichts.

Jürgen Maaßen, DER Puppen-Holzkopfschnitzer überhaupt, ist Kursleiter, und er erklärt die Spiegel- und Fasenseite der Schnitzeisen, Krümmungen und Breiten, Abziehmaschinen und Schleifsteine. Eigentlich empfiehlt er, alle Größen von Schnitzeisen und eine Schleifmaschine zu haben, um problemlos arbeiten zu können. Zum Glück bin ich nicht nur auf meine fünf eigenen Schnitzmesser angewiesen, sondern wir können uns an diversen anderen Eisen bedienen, ohne sofort eine komplette Schnitzausrüstung zu besorgen.

Eine, wie Jürgen es nennt "bösartige Übung" ist unsere Aufgabe: "Schnecke in der Mulde". Die soll aus einem Stück Holz herausgeschnitzt werden, wobei auf die Faserrichtung des Holzes geachtet und sowohl Hügel als auch Mulden, weiche und harte Kanten geformt werden müssen. Wer das kann, kann auch Holzköpfe.

Es ist nicht einfach. So ein Schnitzeisen rammt sich gerne mal zu tief ins Holz, Fasern sträuben sich widerborstig hoch, das Schnitzeisen passt nicht zur Krümmung und manchmal entstehen Rillen, die nicht geplant waren. Wer denkt, das Messer sei stumpf und müsse neu geschliffen werden, denn das Schnitzen klappt nicht richtig, bekommt von Jürgen meistens demonstriert, dass ER mit dem "stumpfen" Messer ganz glatt und perfekt arbeiten kann. 

Das konzentrierte Arbeiten in einer völlig anderen Atmosphäre tut mir gut und ich merke, wie ich innerlich runterfahre. Ich werde aber auch müde, denn das ungewohnte Schnitzen verlangt viel Aufmerksamkeit und gelingt nicht mal ganz so gut. Für den Anfängermodus sehr akzeptabel, aber es ist eben doch schwieriger, als ich mir das dachte. Aber wie gut, dass ich es bei Jürgen Maaßen lernen kann, der nicht nur fachlich ganz großartig ist, sondern auch ein äußerst netter, liebevoller, lustiger Mensch. Wenn alles klappt, kann ich in der nächsten Woche zwei, oder sogar drei Tage lang den Schnitzkurs besuchen. Es ist eine seltsame Zeit. Traurig, erleichtert, konzentriert, hellwach, müde. 

 

Blogübersicht nächstervorheriger