Blog 745 - 07.08.2022 - Pausetaste

Zirkusreif und mit schlangengleichen Bewegungen - als Schlange eher so vollgefressene Python, aber immerhin - klettere ich im vollgestopften Anbau über die gestapelten Umzugskisten und auseinandergebauten Schrankteile des Sohnes, quetsche mich durch enge Lücken und durchbreche Spinnennetze, um in der hintersten Ecke an den Stapel mit den Restfliesen zu kommen. Entgegen meiner Erwartung klappt das, und ich finde dort, neben vielen Küchenfliesen, tatsächlich noch drei weiße Fliesen von unserem Badezimmer. Zwei brauchen wir, um die durchbohrten Fliesen zu ersetzen, an denen vorher die alte Armatur angebracht war. Weil wir die neuen Wasserleitungen anbringen mussten, während die alten noch benutzt wurden, konnten wir nicht denselben Platz für die neue Armatur nehmen.

 

Nach dem Austausch der Fliesen und dem Anbringen der neuen Armatur an die neuen Leitungen sieht alles wieder ganz normal aus. Als wäre nie etwas geändert worden. Sehr klasse ist, dass mit diesem Schritt alle neuen Wasserleitungen gelegt und angeschlossen sind, dass sie funktionieren und damit die alten Leitungen alle leer oder entfernt sind. Das Projekt: "Neue Wasserleitungen" ist erfolgreich abgeschlossen. Das Nachfolgeprojekt: "Wände zumachen, Verkleidungen bauen, Regale zurückschieben und alles wieder sortieren und einräumen" wird uns noch eine Weile beschäftigen. Das ist aber bei weitem nicht so spannend, frickelig und risikobehaftet wie das vorherige.

Mein im Garten gepflasterter Weg mit Treppe gefällt mir in der jetzigen Phase schon sehr. Plötzlich bekommt der Garten einen mediterranen Touch, den ich gar nicht vorgesehen hatte. Wenn ich von dort auf das türkisblaue Mittelmeer an der Cote D'Azur gucken würde, würde es mich nicht wundern. Und nein, die übergelaufene Erft, die im letzten Jahr die ganze Ebene überschwemmt hat, ist keine Option. Dann sehe ich von meinem Weg aus doch lieber Wiesen und Weiden.

Unser freigelassener Spatz "Fipsi" wird merklich nervöser. Sie hat immer noch Vertrauen und kommt zu mir und meinem Sohn, der sie ebenfalls oft füttert, aber unerwarteter Lärm, Wind und alles Plötzliche erschreckt sie. Das war vorher nicht so. Da kam ihr vermutlich nie der Gedanke, dass ihr etwas passieren könnte, wenn sie bei mir auf der Schulter saß. Jetzt guckt sie sich ständig um und achtet auf alle Bewegungen. Die Katze macht ihr Angst und sie hält Abstand, wenn sie sie entdeckt. Das freut uns sehr. Das Draußenleben verlangt Vorsicht, und wer weiß, was sie schon erlebt hat. Schön ist, dass sie immer noch kommt, auf Rufen reagiert, vertrauensvoll auf dem Finger sitzt, piepst und sich Hirse und aufgetaute Heimchen holt. Schön ist aber auch, dass sie mit dem Leben draußen gut zurechtkommt und sich auswildert.

Lustig ist, dass die anderen Spatzen oft Warnrufe ausstoßen, wenn sie mich im Garten entdecken. Wenn Fipsi gerade bei mir sitzt und frisst, zuckt sie dann zusammen, hört auf zu fressen und guckt sich um, was für eine Gefahr denn da sein könnte. Dass die Spatzen mich meinen, kommt ihr wohl nicht in den Sinn.

Einmal fliegt sie plötzlich von meinem Finger auf, landet neben mir auf einem Beet und pickt nach einer kleinen, grünen Raupe, die ich für einen keimenden Grashalm gehalten hatte. Mit der im Schnabel kommt sie zurück, landet auf meiner Schulter und frisst sie dort, wobei sie sie praktischerweise halb ausgequetscht immer wieder auf meinem T-Shirt ablegt. Zum Glück frisst sie sie komplett auf. Rote Hirse ist ansonsten aber ihr Lieblingsfutter.

Weil ein Schnitzkurs im Bochumer Figurentheaterkolleg bevorsteht, fahre ich zwischendurch nach Köln, um bei "Bildhau" Schnitzmesser zu kaufen. Ich mag das Geschäft sehr. Ton zum Modellieren, Meißel zum Steinhauen, Hämmer, Klöpfel und Schnitzmesser - es ist ein kleines Paradies. Zumindest für mich. An Schuhläden gehe ich blicklos vorbei, aber hier könnte ich stundenlang gucken und stöbern. Drei eigene Schnitzmesser möchte ich mir kaufen, damit ich im Kurs nicht nur von den dort vorhandenen abhängig bin, von denen die besten Größen oft belegt sind. An der Kasse stehe ich dann mit fünf. Auch gut. Und ebenfalls gut, dass es kein Schuhgeschäft ist, denn was soll ich mit fünf Schuhen? 

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Und dann stehe ich in der Wohnung meiner Eltern, sage dem Notarzt auf die Frage, wie alt die Patientin sei: "82", und höre, wie er in sein Handy spricht: "Patientin ist 82, Verdacht auf Schlaganfall, Hemiparese rechts." Und ich denke: "82, da denkt man an eine alte, magere, kleine Seniorin, die in hohem Alter eben einen Schlaganfall hatte. Aber es ist doch meine Mutter, und die war letztens erst Mitte 40, vielleicht auch mal 60. Ich kenne sie doch noch in fit und aktiv, und sie ist doch nicht irgendeine Zweiundachtzigjährige mit altersüblichem Schlaganfall." Puh.   

Danach ist alles anders, und während die Zeit gefühlt schneller abläuft, weil so viel durcheinander ist und so viel geregelt werden muss, ist trotzdem eine Pausetaste gedrückt. Termine absagen, Covid-Schnelltests, Besuche im Krankenhaus, Patientenverfügung, Besprechungen, Autofahrten, Teebeutel auf der Station, Erinnerungen, abwarten und Entscheidungen treffen.

 

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