Blog 743 - 24.07.2022 - Spatz - Fliegen, Körner, Freiheit

Die letzten Spatzen-Trainingstage brechen an, denn das Spatzenmädchen soll in den Garten umziehen. Es wird Zeit, denn sie wird immer selbständiger, aber auch zutraulicher und gewöhnt sich schon zu sehr an das Leben im Haus und unseren Alltag. Weil ich sie so häufig im Haus fliegen lasse, damit sie gut üben kann, suchen wir sie ständig. "Wo ist der Vogel?" "Keine Ahnung, eben saß sie noch auf der Tür." Blitzschnell saust sie aus der Küche ins Wohnzimmer, setzt sich aufs Fensterbrett oder ins Regal oder auf den Computer und ist plötzlich doch wieder in der Küche, flattert wild in ihrer Badeschüssel und schüttelt sich danach im Wohnzimmer trocken.

Sie sitzt häufig auf Schultern, Köpfen, Armen oder kuschelt sich unter meinen Zopf. Sogar wenn ich aufräume, kommt sie neugierig an und will alles mitkriegen. Frech werden kann sie auch, wenn sie etwas nicht darf, es aber doch wieder versucht. Immer wieder fliegt sie dann hin und hackt wild auf die Finger, die sie wegschieben wollen. Sie ist unglaublich süß, manchmal aber auch ganz schön nervig. Wenn sie beim Aufräumen auf der Hand mit dem Spüllappen landet und am Spüllappen zerren will, ist sie kaum davon abzuhalten. Verlassen kann ich die Küche in der Zeit auch nicht, denn sie könnte im Spülwasser landen und ertrinken. Ihr ist alles zuzutrauen. Es ist fast wie mit einem Kleinkind, das immer beaufsichtigt werden muss.

Jeden Tag gibt es für sie verschiedene Körner, bei denen ich die großen aus der Schale hole oder kleinschneide, wenn sie sie alleine noch nicht bewältigen kann. Neugierig probiert sie alles und ich muss aufpasssen, dass sie ihren Schnabel nicht gerade zwischen den Schneiden der Schere hat, wenn ich kleinschneide. Auf dem Tisch verteilt liegen ständig Körner für sie, dazwischen Salat, Obst und aufgetaute Heimchen. Heranführen an ein Leben draußen, in dem es nicht alles in der Schale gibt. Auch die Badeschale steht da. Inzwischen hüpft sie oft auf dem Tisch herum, knabbert, pickt, schleppt Papierschnipsel herum, lässt Gräser vom Tisch fallen und guckt hinterher und beschäftigt sich eine ganze Weile mit allem, was sie entdeckt. 

Der Mittwoch soll der "Freiheits"-Tag sein. Mir ist es wichtig, dass ich danach einige Tage Zeit habe, um eventuell zu helfen, da zu sein und jederzeit eingreifen zu können. Vielleicht will sie ständig zurück auf meine Schulter, womöglich auch wieder rein ins Haus, vielleicht bekommt sie keinen Anschluss an die anderen Spatzen oder sie flattert unsicher im Hof herum und wird von der Katze erwischt. Ich mache mir ganz schön Sorgen.

Der Mittwoch kommt, ist aber viel zu heiß. Bei 38 Grad lasse ich den kleinen Vogel nicht raus. Nach der Hitze kommt am Donnerstag der Regen. Außerdem wird beim Nachbarn mit einem hohen Kran gearbeitet - auch keine guten Bedingungen für den ersten Tag draußen. Also sitze ich weiterhin oft vor dem Computer, weil ich mich mit dem Spatz auf der Schulter sowieso nicht wild im Haus bewegen kann. Es ist kaum zu glauben, aber der Spatz kann auf meinem tippenden, wackelnden Unterarm schlafen. Hauptsache, immer dabei. Immerhin schaffe ich so unerwartet viele Überarbeitungen der Wise Guys Berichte. Ein Tanzbrunnenkonzert und zwei Totalnächte fehlen noch, dann bin ich komplett durch.

Am Freitag ist der große Tag. Die Katze bekommt zur Sicherheit für den Vormittag Hausaufenthalt verordnet und verzieht sich erstaunlich zufrieden ins obere Stockwerk, und im Garten öffnen wir den Käfig, in dem unser Spatzenmädchen die Nächte verbringt. Sie kommt piepsend raus, fliegt eine schnelle, kleine Runde und landet auf meiner Schulter. Von dort fliegt sie einen Meter bis zur Stange mit den Meisenknödeln. Ganz anders als in der letzten Woche, als sie fast nur auf uns fixiert war, blickt sie sich unternehmungslustig um. Zwei Spatzen fliegen nah an uns vorbei und - wusch, ist sie hinterher und weg. Ups. Ich hatte damit gerechnet, dass sie mehrfach auf uns landet, ehe sie sich weiter weg wagt, aber nun ist sie sofort verschwunden und kommt auch nicht zurück.

Die nächsten Stunden verbringe ich im Garten, um zur Stelle zu sein, falls sie wiederkommt. Aber kommt sie? Wenn ich Spatzen sehe, rufe ich "Fipsi!", oder "Fritzi, komm!" - einen richtigen Namen hat sie nicht bekommen -, aber kein Spatz fühlt sich angesprochen. Im Gegenteil. Als zehn Spatzen an den Meisenknödeln hängen, rufe ich: "Fipsi!" und alle Spatzen springen fluchtartig von den Knödeln und hauen sofort ab. Ach je, findet sie überhaupt zurück oder sitzt sie zwanzig Gärten weiter in einem Baum und kennt sich nicht aus? Ich mache mir ein wenig Sorgen und baue, weil ich den Garten nicht verlassen will, an meinem Pflasterweg weiter. Da ist an den Rändern noch viel Erde aufzuschütten und ich bin gut sichtbar für jeden Spatz, der vorbeikommt.

Nach vier Stunden piepst es auf einmal laut und vertraut aus einem Baum. Ich rufe: "Fipsi!" und sie kommt mit Schwung angeflogen, setzt sich auf meine Schulter und piepst sehr aufgeregt. "Piep, piep, piep, piep!" Dazu wackelt sie bettelnd mit den Flügeln.

Ich lasse sie auf meinen Finger hüpfen, gehe mit ihr bis zum offenen Käfig, der nicht nur innen mit Futter gefüllt ist, sondern auch oben drauf ihre gefüllte Futterschale und die Badeschüssel stehen hat. Sie hopst zum Futter und beginnt schnell und hastig zu fressen, trinkt zwischendurch etwas und knabbert viele Hirsekörner. Dabei wirkt sie total gut gelaunt.

Kaum ist sie satt, fliegt sie mit Tempo wieder weg. Wusch! Ich bin sehr erfreut. Es geht ihr gut. Und sie findet unseren Garten, wo es Körner und Wasser gibt. Sogar einen Schlafplatz, falls sie den am Abend braucht.

Am Nachmittag kommt sie noch weitere vier Mal von irgendwoher angeflogen und landet auf mir, piepst immer aufgeregt, frisst, trinkt, und badet auch einmal. Das versucht sie zuerst im hängenden Vogeltrinkbehälter, der dafür nicht geeignet ist. Der Sohn holt ihre Badeschale vom Käfig und hält sie hin. Sofort springt sie rein und badet in der hochgehaltenen Schale.

Danach ist sie klatschnass, fliegt sie zu mir und kriecht unter meinen Zopf. Dort schläft sie zwanzig Minuten ganz ruhig, sich sicher fühlend und vermutlich ziemlich erschöpft. Ich bleibe ruhig auf einem Gartenstuhl sitzen und gebe ihr die Zeit. Danach fliegt sie wieder weg.

Am Abend bleibt ihr bereithängender Käfig leer. Kurz vor der Dämmerung war sie nochmal da, hat mich begrüßt und Körner gefressen. Vermutlich sitzt sie mit anderen Spatzen gegenüber in den hohen Büschen, wo die Spatzenschlafplätze sind. Das sieht alles sehr, sehr gut aus.     

Auch am Samstag kommt sie mehrmals angeflogen, landet auf dem Finger und wirkt zufrieden und fröhlich. Ich komme mir vor wie eine Mutter, die das Kind in der Ferienfreizeit besucht. Ein Kind rennt aus der Masse von Kindern auf die Mama zu, kurze, freudige Begrüßung, das Kind nimmt ein paar Kekse mit und rennt wieder zu den anderen, um zu spielen. Und wie eine Mutter bin ich stolz, dass alles so gut klappt und dass das Kind so groß, selbständig und glücklich ist.

Diese Woche hat sich fast komplett um die kleine Spatzenmaus gedreht. Gedanklich sowieso, örtlich erst im Haus, dann im Garten. Dort bin ich während der Wartezeiten mit den Rändern an meinem Weg ziemlich gut vorangekommen. Vorher habe ich viele Wise Guys Berichte geschafft. Was erzähle ich eigentlich, dass ich mit einem kleinen Spatzen nicht konzentriert arbeiten könnte?

Am besten ist aber, dass unser Spatz so gut draußen zurechtkommt. Vor fünfeinhalb Wochen war sie klein und hilflos, war frisch aus dem Nest gefallen und lag in der knalligen Sonne. Jetzt ist sie ein hübsches Spatzenmädchen, das anscheinend sehr gut mit dem Leben draußen zurechtkommt. Sie besucht uns noch freudig, saust dann aber mit Tempo und als hätte sie nie etwas anderes gemacht, quer über die Straße in die gegenüberliegenden Büsche, wo die Spatzen sind.

 

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