Blog 742 - 17.07.2021 - Stapel, Spatz und spätes Jugendtreffen

Ich fühle mich urlaubsreif. Nicht so, dass ich packen, irgendwohin in Urlaub fahren und Neues erleben, sondern dass ich gerne einige komplett freie Tage haben möchte. An allen Ecken ist zurzeit etwas zu tun und ich arbeite gefühlt mehr hinterher, als dass ich wirklich wegarbeite. Die neuen Wasserleitungen liegen und funktionieren einwandfrei, jetzt müssen Wände wieder geschlossen und dann zum Teil tapeziert und gestrichen werden. Die Regale müssen davorgestellt werden, aber bevor ich sie einräume, möchte ich alles, was jetzt in Kisten und Stapeln überall herumsteht, durchsehen und aussortieren. Im Keller ist ein Raum wieder OK, in den beiden ist noch eine Menge zu tun.

In der Dusche müssen zwei Fliesen mit den Löchern der alten Armatur rausgehauen und durch neue Fliesen ersetzt werden. Weil die alten Wasserleitungen bis zum Schluss genutzt werden mussten, konnten die neuen nicht die alten Armaturlöcher übernehmen. Die passenden Ersatzfliesen liegen hinten im Dachanbau, aber davor steht in Brettern und Kisten dicht gestapelt die Wohnung des Sohnes, die seit seinem Umzug dort zwischengelagert ist. Wenn ich bis hinten durchkommen will, muss ich vorher einen großen Teil des Umzugskram rausräumen. Für zwei Fliesen?

Vor genau einem Jahr gab es die hohe Flut. Im Fernsehen laufen Dokumentationen und ich merke, wie sehr mich alles noch beschäftigt. Wir waren nicht selber betroffen, weil das Haus hoch genug steht, aber wir hatten alles in Sicht- und Hörweite. Das unheimliche Rauschen und die Gewalt der unglaublich breiten Wasserfläche vor dem Haus, die Sirenen, das Knattern der Hubschrauber, die Rufe, die Ungewissheit, was noch kommt, und die wirklich gar nicht schöne Katastrophenatmosphäre, die wie im Film war, in "echt" aber so überhaupt keinen Spaß macht. Ich war damals ruhig und überhaupt nicht in Panik, aber wenn ich jetzt die Bilder sehe, merke ich, dass es mich doch ganz schön belastet hat. Wie mächtig kann so eine Unwetterkatastrophe sein und wie sehr hilflos und klein steht man ihr gegenüber.

Das Spatzenkind wird immer selbständiger. Momentan lasse ich sie nur im Haus aus dem Käfig, weil ich denke, dass sie draußen jetzt tatsächlich wegfliegen könnte. In der letzten Woche habe ich ihr die Möglichkeit mehrfach gegeben, aber da blieb sie immer in unserer Nähe. Jetzt denke ich, dass es vielleicht etwas zu früh war und sie noch ein paar Tage braucht, um dann deutlich sicherer fliegen zu können, selbständig Körner zu fressen und sich weniger von uns abhängig zu fühlen. Das übt sie jetzt intensiv im Haus.

Es gibt ja noch die Katze, die weiterhin eine Gefahr bleibt, aber bei guten Flugkünsten und souveränen Verhalten besser zu überleben ist. Da ich in dieser Woche mehrfach für mehrere Stunden nicht da bin, ist es sowieso keine gute Zeit, um einen Spatzen in den Garten zu setzen. Da muss ich bei Bedarf schon stunden- oder sogar tagelang in der Nähe sein können, um einzugreifen oder zu unterstützen. Im perfekten Fall fliegt sie auf den Baum, trifft andere Spatzen, befreundet sich sofort mit ihnen und wird direkt in die Gruppe aufgenommen. Schon jetzt nimmt sie von innen Kontakt zu außen lebenden Spatzen auf, die ihrerseits sehr interessiert sind.

Meine Überlegungen mit der Übungszeit für die Perfektionierung scheinen zu stimmen. Nachts und stundenweise tagsüber hängt ihr Käfig draußen an der Wand, wo sie alles beobachten und mit Spatzen Sicht- und Tschilpkontakt aufnimmt. Den Rest des Tages verbringt sie drinnen und wird dabei einen großen Teil der Zeit aus dem Käfig gelassen. Sie entwickelt sich deutlich weiter. In hohem Tempo fliegt sie Runden in Wohnzimmer und Küche und kann sehr sicher Kurven fliegen und dort ankommen, wo sie hinmöchte. Sie landet auf Türen, Schränken, Regalen, zwischen Gewürzdosen, auf der Gardinenstange, auf dem Fernseher, auf dem Handy, mit dem ich sie gerade fotografiere, oder auf einem Kopf.

Zwischendurch sitzt sie auf dem Küchentisch und beschäftigt sich komplett selber. Sie pickt nach den dort liegenden Körnchen, zieht Zellstofftücher über den Tisch, knabbert an Papier und badet in ihrer kleinen Badeschale. Oft sitzt sie am Fenster und guckt interessiert hinaus. Das ist ein großer Unterschied zur letzten Woche, als sie nie alleine bleiben wollte und ständig jemanden bei sich haben musste.

Natürlich bremst sie mich auch total aus. Immer muss ich gucken, wo sie gerade sitzt, muss auf geschlossene Türen achten, kann nicht mal schnell den Abfall zur Mülltonne oder Kartons in den Hof bringen, ohne dabei auf Türschleusen zu achten. Beim Tippen auf der Tastatur treffe ich häufig Vogelzehen, weil sie währenddessen nicht nur auf den Händen herumklettert, sondern auch blitzschnell über die Tasten und zwischen meinen tippenden Fingern herumhüpft.

Zwischendurch will sie beschäftigt werden, beziehungsweise aktiv sein. Dann frisst sie Körnchen aus der Hand, hüpft über die Finger, lässt sich Sonnenblumenkerne knacken und pult die Kerne aus den Schalen, klettert neugierig in aus der Hand gebildeten Höhlen, zupft an Haaren, oder pickt an kleinen Wunden, Leberflecken oder Nagelhäutchen und kommt dabei immer schneller zurück, je energischer sie weggeschoben wird. Aber es ist schon sehr schön, wie vertrauensvoll sie ist.

In ihren Ruhezeiten sitzt sie aber weiterhin unter meinem Zopf im Nacken und piept manchmal leise vor sich hin. Ich spüre dann hin und wieder ihre kleinen spitzen Zehennägel, aber oft vergesse ich sie auch für eine Weile. Dann sitze ich am Computer oder stehe spülend in der Küche oder laufe herum und habe einen Vogel.

Beschäftigt bin ich auch, weil es am Samstag eine kleine Gartenfeier von meinen Eltern mit einigen ihrer Freunde, die ich mit meiner Schwester zusammen vorbereite. Es ist nicht wahnsinnig viel Aufwand, aber es braucht natürlich trotzdem Zeit. Salate machen, Zubehör transportieren, Tische schieben, Sonnenschirme aufbauen, Kaffee kochen, Rollatoren über Schwellen helfen, Nachschub bringen, Teller räumen ...

Aber dann ist es so rührend, wie sich meine Eltern und die Gäste, die sich zum Teil seit ihrer Jugendzeit kennen, freuen, dass sie endlich mal wieder zusammensitzen können. Corona hat das lange verhindert. Mein Vater hat für 15 Uhr eingeladen, aber nicht erwähnt, dass es nach dem Nachmittagskuchen am fühen Abend noch Rollbraten mit Beilagen geben wird. Das überrascht die Gäste, aber sie bleiben alle und freuen sich. Das geschätzte Durchschnittsalter ist 83, alle haben Spaß, es wird gut gegessen und getrunken, mein Vater holt sein Akkordeon raus, alle singen zusammen und das Wetter ist perfekt.

"Dass wir uns nochmal treffen können!", heißt es, und "Wie ist das schön heute!" Für die Freude, die alle haben, lohnt sich die ganze Arbeit.

 

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