Blog 741 - 10.07.2022 - Sitzender Spatz und frühe Wise Guys

Der kleine Spatz wird groß, ist neugierig und frech, und verlangt zwischendurch immer wieder lautstark nach Zuwendung. Der Spatz ist eine Sie und wird zwar mehrfach am Tag aus dem Käfig gelassen, um fliegen zu üben, will aber lieber an den Hals gekuschelt auf der Schulter sitzen. Als sie die extra bereitgestellte Schale mit Wasser auf dem Küchentisch entdeckt, zögert sie allerdings nicht, sitzt erst auf dem Rand und trinkt einen Schluck, steigt mit einem, dann mit dem zweiten Fuß rein und badet wild spritzend.

Danach merkt sie, dass sie mit nassen Federn nicht gut fliegen kann und flattert mit lautem, heftigem Flügelschlag angestrengt bis auf meinen Finger. Sie schüttelt sich, putzt sich und reibt sich dann auf meinem T-Shirt trocken.

Weil das Wetter gut ist, hänge ich den Käfig draußen an eine Wand. Nur zwei Meter entfernt kommen immer wieder Spatzen zu den Meisenknödeln und sie kann sie beobachten und ihnen antworten. Zwischendurch hole ich den Käfig für eine Weile rein, damit sie fliegen üben kann - auch wenn sie das kaum will -, oder auf dem Küchentisch herumhüpfen und hingestreute Körner aufpicken. Sie muss noch einiges lernen, ist aber auch neugierig und probiert viel aus.

Am Abend lasse ich den Käfig mit dem Spatz draußen an der Wand. Sie muss sich unbedingt an die Nächte draußen gewöhnen, wie es langsam dunkel wird und was für Geräusche es gibt, damit sie nicht an ihrem ersten Tag in Freiheit davon überrascht wird. Als ich zum letzten Mal in der Dämmerung zu ihr gehe, fängt sie laut an zu piepsen und springt im Käfig hin und her. Sie will mit mir rein. Kaum bin ich aus ihrer Sichtweite, wird sie ruhig. Ich habe das Fenster in der Nacht weit auf und könnte hören, wenn sie sich meldet, aber sie bleibt bis zum Morgen ruhig und begrüßt mich dann freudig. Gut gemacht, Spatz!

Tagsüber kommt der Käfig immer länger raus. Wenn sie dort Hunger hat und ich nicht auf ihr lautes Rufen komme, frisst sie auch alleine aus ihrem Napf. Zu den Spatzen guckt sie sehr interessiert und tschilpt mit ihnen, sie scheint sich aber immer noch viel näher zu uns gehörig zu fühlen. Wenn ich den Käfig abhänge und wieder in die Küche trage, freut sie sich. Sobald sie dann dort rauskommt, fliegt sie erstmal auf die Schulter kuschelt ausgiebig. Sie frisst neben den Insekten jetzt auch geknackte Sonnenblumenkerne, Erdnussstückchen und gekeimte Hirse und pickt die selber auf.  

Baden mag sie gerne jeden Tag, danach sitzt sie klatschnass auf der Hand und putzt sich ausgiebig. Ich bin sehr zufrieden, weil sie so gut wächst und schon ganz groß ist, aber sie muss bald auch raus und dann selbständig sein. Dass sie immer zutraulicher wird, ist nicht gut. Frecher wird sie auch, und wenn sie Hunger hat und nicht sofort etwas bekommt, verlässt sie die Schulter und fliegt piepsend vor meinem Gesicht herum, flattert wild und versucht auf meiner Stirn oder Nase zu landen. Das ist wegen ihrer spitzen Krallen gar nicht angenehm. Wenn sie sich später so bei ihren Spatzenkollegen verhält, wird sie sich keine Freunde machen.

Zwischendurch sitze ich - meistens mit Spatz auf der Schulter - am Rechner und bearbeiten die alten Wise Guys Berichte. Weil ich wegen des Vogels sowieso in den Aufenthaltsorten und Bewegungen eingeschränkt bin, sitze ich öfter als normal vor dem Rechner und schaffe deswegen zwei bis drei Berichte am Tag. Die Texte selber sind recht schnell durchgesehen, korrigiert und umformatiert, aber sobald Fotos dazugehören, dauert es wesentlich länger. Die müssen alle einzeln abgespeichert, bearbeitet und in jeweils mehreren Schritten in den neuen Bericht eingefügt werden. Das wird noch ein zeitfressender Spaß, wenn ich zu den reich bebilderten Tanzbrunnen- und Totalnachkonzerten komme! Ich mag es trotzdem, mich mit den alten Konzerterlebnissen zu beschäftigen, lache viel über Däns Moderationen, über den Unsinn, der manchmal auf der Bühne passierte, und träume sogar in manchen Nächten von der Zeit.

Zufällig ist es in dieser Woche genau fünf Jahre her, dass die Wise Guys ihr letztes Konzert hatten. Wie seltsam, aber auch sehr interessant, dass ich jetzt nachlesen kann, in welcher spannenden Aufbruchsstimmung die Gruppe vor zwanzig Jahren war, was für Lieder im Programm waren und wie alles immer größer wurde. Inzwischen ist alles schon Vergangenheit und vorbei. Ich bin immer noch froh, dass ich viele Jahre dabei war und so viel erlebt habe. Nachzulesen sind die Berichte auf: www.reihedrei.de

In dieser Woche ziehe ich meinen Kreativnachmittag durch. Ich mache ein Übungsbild mit Ölfarben, weil ich mit denen noch gar nicht sicher umgehen kann. Wann nutze ich wie viel Malmittel, wann Leinöl, wie dick muss die Farbe sein, was entsteht bei meinen Pinselstrichen absichtlich, wann ist es Zufall, dass ein Farbfleck genau richtig ist? Ich bin immer noch nicht locker genug, beziehungsweise mein Anspruch ist wesentlich höher als mein Ergebnis. Nach zwei Stunden höre ich auf, habe wieder dazugelernt, hatte auch Spaß, breche aber ab, ohne das Bild fertig zu malen. Nein, das ist nicht das, was ich haben möchte. Vielleicht probiere ich beim nächsten Mal übungsweise eine Landschaft. Ich muss erstmal mit den Ölfarben warm werden, die durchaus viele Vorteile haben, mir aber noch gar nicht vertraut sind. 

Wann ist der richtige Zeitpunkt, das Spatzenmädchen rauszulassen? Sie fliegt immer noch nicht freiwillig größere Strecken in der Wohnung und bettelt mir noch zu viel nach Futter. Aber sie wirkt so fertig und soll sich nicht noch mehr an uns gewöhnen. Besser wäre, wenn sie mit einer Spatzengruppe unterwegs wäre und von der lernt. Aber was ist, wenn sie draußen nicht genug Futter findet? Wenn sie dann ständig zurückkommt, um gefüttert zu werden, ist die Gefahr groß, dass unsere Katze sie erwischt. Die ist sowieso ein ständiges Risiko.

Am Donnerstag ist das Wetter gut, es sind viele Spatzen im Garten unterwegs, und ich entscheide spontan, dass ich draußen ihre Käfigtüre öffne. Ist die Entscheidung richtig? Oder ist es zu früh? Hach, ich weiß es nicht. Vielleicht fliegt sie los und ist sofort für immer weg. Vielleicht kommt sie bei Hunger und am Abend in ihren Käfig zurück? Ich öffne die Käfigtür. Das Spatzenmädchen kommt sofort an das offene Tor, guckt interessiert und fliegt los - auf meine Schulter. Von dort auf den Finger des Sohnes. Dann auf meinen ausgestreckten Arm, dann auf die Schulter des Sohnes. Zwar sind die Bäume interessant, die Büsche, die Weite, die Rufe der Spatzen - aber nur von unseren Fingern oder Schultern aus. Sie fliegt die kleinen Strecken zwischen uns und will sich nicht von uns entfernen. Wir geben ihr in dieser ungewohnten Umgebung Sicherheit.

Ich setze sie in einen Baum, aber auch da guckt sie sich nur neugierig um, knabbert an den Blättern und fliegt kurz danach wieder zu mir.

Auf uns sitzend guckt sich um, putzt sich dann ausgiebig und plustert sich schläfrig auf. Ihr gefällt es draußen. Aber nur, wenn die zugehörigen Menschen dabei sind. Nach einer Weile setze ich sie wieder in den verschlossenen Käfig. Alleine kann sie so nicht draußen im Garten bleiben.

Ab da lasse ich sie jeden Tag für eine kurze Zeit aus dem Käfig, damit sie im Garten sein kann. Dort fliegt sie nur kurze Strecken und meistens eine Kurve, nach der sie wieder auf mir oder dem Sohn landet. Einmal fliegt sie neben mir über den großen Efeubusch und kommt nicht zurück. Sie ist weg. Ups. Ich laufe in die Mitte des Gartens und rufe nach ihr, falls sie mich nicht sieht und nicht weiß, wo sie landen kann, da kommt sie von einer großen Runde über das Hausdach zurück und landet sofort auf meinem Finger. Anscheinend froh, dass sie den wieder gefunden hat.

Das ist alles niedlich und auch schön, aber mir wäre ein selbständiger Vogel, der nur noch kurz hallo! sagen will, lieber. Wenn ich doch nur unsere Katze mal für zwei Wochen in Urlaub schicken könnte! Die macht die Flugstunden mit dem Spatz für mich anstrengend, denn ich muss immer darauf achten, dass sie nicht plötzlich ankommt. Tagsüber schläft sie meistens im Hof auf ihrem Sessel, aber unser Spatz könnte auf der Lehne landen und dann wäre sie sofort hellwach. Einen noch unsicheren Vogel Runden fliegen zu lassen, und wenige Meter entfernt liegt eine schlafende, aber jagdbereite Katze - das ist nicht schön.

So wie es aussieht, kann es noch etwas dauern, bis der Spatz alleine draußen unterwegs ist.

 

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