Blog 740 - 03.07.2022 - Spatz, Weg und historische Wise Guys

Die Aufzucht eines jungen Spatzens erfordert ganz schön viel Zeit. Nicht Stunden am Stück, aber viele Minuten und viele Viertelstunden, immer wieder über den ganzen Tag verteilt. Einfach mal mehrere Stunden nicht Zuhause zu sein, geht nicht, denn der kleine Vogel hat Hunger. Schön ist, dass jeden Tag Fortschritte in der Entwicklung zu entdecken sind. Inzwischen kann das kleine Spatzenmädchen schon ziemlich gut fliegen, macht es aber gar nicht so gerne. Wenn ich sie aus dem Käfig lasse, fliegt sie auf meine Hand oder meinen Kopf und von dort recht schnell auf die Schulter, wo sie sich nahe am Hals unter meinem Zopf einkuschelt. So lässt sie sich gerne herumtragen und genießt die Nähe und Wärme. Ich möchte gar nicht, dass sie eine engere Bindung an mich bekommt, aber sie braucht eben nicht nur Futter, sondern auch ein Sozialleben in der Gruppe. Die Gruppe bin zwangsläufig ich.

Zum Ausgleich stelle ich sie möglichst täglich mit dem Käfig eine Weile im Garten oder ans offene Fenster, wo sie nicht nur die vielen ringsherum wohnenden Spatzen hört und sieht, sondern auch die Umgebung ansehen kann. Ich hoffe, das hilft, damit sie sich demnächst draußen schnell zurecht und Anschluss findet. Schon jetzt antworten sich die anderen Spatzen und unser Spatz gegenseitig, aber ich weiß nicht, was sie sagen. Drohen die da draußen: "Hau bloß ab!" und unser Spatz ruft: "Ich seid doof und ich wohne in dem großen Haus und bekomme mein Essen gereicht!" und macht sich gerade unbeliebt?

Wenn unser Spatzenmädchen Hunger hat, springt sie im Käfig herum und ruft laut, damit ich ihr etwas gebe. Meistens lasse ich sie dazu raus. Wenn es ihr dann nicht schnell genug geht, fliegt sie laut rufend vor mir herum und springt mir sogar flatternd ins Gesicht. Mit den kleinen, spitzen Krallen ist das nicht mal ungefährlich und sie meint es tatsächlich auffordernd und aggressiv. Es ist nicht nett, aber es ist von Vorteil, wenn sie draußen rabiat und durchsetzungsfähig ist. Ohne Hunger ist sie sehr freundlich und anschmiegsam. Zu unserer großen Freude meckert sie zum ersten Mal laut keckernd wie ein großer Spatz, als ich sie zurück in den Käfig setzen will und sie lieber noch auf meiner Schulter sitzen möchte. Eine selbstbewusste, junge Dame. Oder ein verwöhnter Fratz.

Seitdem ich das Futter immer öfter nicht sofort in den bettelnden Schnabel stecke, sondern auf meiner Hand oder in einem Schälchen anbiete, kann sie inzwischen auch schon ganz gut alleine fressen. Vor allem, wenn sie hungrig ist und lieber selber danach pickt, als auf mich zu warten. Manchmal kann sie aber nicht anders, als mit zitternden Flügeln und weit offenem Schnabel nach Futter zu betteln. Sie ist eben noch ein Kind. Aber sie wird immer neugieriger, pickt an allem und probiert. Die ersten Hirsekörnchen werden geknackt, Gräser mit Samenköpfen durchgearbeitet, ein Stück Apfel probiert und von Haferflocken werden winzigen Stückchen abgebrochen und im Schnabel hin und her geschoben. Vom reinen Insektenfresser muss sie jetzt auch zum Körnerfresser werden.

Auf dem Insektenplan stehen neben Heimchen jetzt auch gekochte Maden und Mehlwürmer. Es gehen erstaunliche Mengen in diesen Vogel. Der gelbe Schnabelrand ist verschwunden, normalerweise wäre sie schon draußen unterwegs, würde dort lernen, was essbar ist und von ihren Eltern nur noch zugefüttert werden. Da ich nicht weiß, ob jemand aus der Spatzengruppe sich um sie kümmert, wenn sie draußen ist, muss sie drinnen bleiben, bis sie im Fressen ziemlich fit ist.

Es ist eine duchaus anstrengende, aber sehr schöne Zeit mit unserem zutraulichen, sehr niedlichen Spatzenmädchen, das uns alle ans Herz wächst.

Auch wenn ich an allen Ecken zu tun habe, will ich in dieser Woche wieder meinen Kreativnachmittag durchziehen. Das ist gar nicht so einfach, wenn ein Spatz immer wieder gefüttert und getragen werden muss und es sinnvoller wäre, an den Restarbeiten der Wasserleitungen zu arbeiten, damit die Regale demnächst mal wieder an die Wand geschoben und die Kartons aus dem Wohnzimmer entfernt werden können. Auch im Musikzimmer muss die Decke neu verkleidet und gestrichen werden, ehe die gestapelten Sachen wieder verteilt werden können. Ganz abgesehen von der Küche, die einen neuen Boden, eine neue Decke und völlig neue Schränke bekommen soll, aber immer noch nicht über das grobe Planungsstadium heraus ist. Es gibt viel zu tun, aber ein Kreativnachmittag muss jetzt wieder sein, denn kreatives Werkeln gehört doch unbedingt zu mir und meinem Leben.

Ein schmaler Nachmittag - was mache ich denn da? Ölmalen oder an der Kinderbuchgeschichte arbeiten oder das Frosch-Puppenstück zu einer simpleren Form umschreiben? Eigentlich bin ich für alles zu müde und müsste für richtige Ergebnisse auch deutlich mehr Zeit haben. Was schaffe ich denn in vier oder fünf Stunden? Aber das ist kein Argument. Es SIND vier bis fünf Stunden, und das ist ein guter Anfang. Meine aktuelle Tendenz geht zum Ölmalen, aber dann sehe ich, dass im sowieso engen Arbeitszimmer inzwischen die Filmschneidesachen stehen und auf dem Tisch die Aquarellfarben und das Manuskript für ein Handpuppenstück liegen. Überhaupt ist einiges nur eilig abgelegt. Damit ist klar: Ich räume an diesem Kreativnachmittag erstmal auf und schaffe mir Platz. Und in der nächsten Woche habe ich alles griffbereit und kann sofort mit dem Ölmalen beginnen. Bis dahin habe ich mich auch für ein Motiv entschieden. 

An zwei Abenden muss ich mich bewegen, pflastere meinen Gartenweg ein bisschen weiter und mache einen vorläufigen Abschluss. Für die Weiterfühung muss erst ein alter Betonweg weggehauen werden, und außerdem muss ich mir überlegen, wie ich die Weganschlüsse nach oben und nach unten hinbekomme. Das hat aber Zeit und kann auch erst im nächsten Jahr geschehen. Zunächst muss ich den neuen Weg an der abfallenden Seite noch etwas stärker abstützen. Das wirkt zwar alles sehr stabil und fest, aber das soll es ihn zehn Jahren ja auch noch sein. Zu benutzen ist er aber jetzt schon gut und vor allem viel bequemer als das schräge, trockene Rasenstück, das dort vorher immer war.

Als hätte ich nicht genug zu tun, fällt mir plötzlich ein, dass ich etwa dreißig alte Wise Guys Konzertberichte seit dem Wechsel auf die neue Seite immer noch nicht überarbeitet und zum Lesen auf die reihedrei-Homepage gesetzt habe. Das wird mal Zeit! Unglaublich, dass einige der Berichte jetzt zwanzig Jahre alt sind! Faszinierend ist, wie ich beim Lesen vor mich hin lächle und schnell wieder in der damaligen Zeit bin. Was war das für eine wilde, spannende und lustige Zeit! Die ersten fünf Berichte habe ich im Schwung schnell fertig, aber es warten auch noch Berichte von Totalnächten, die wegen ihrer Länge und den vielen Bildern arbeitsaufwändig sein werden. Vielleicht wird es Herbst, bis ich alle drin habe. Oder Winter. Aber egal, Hauptsache, sie sind alle mal wieder lesbar.

Am Ende der Woche fliegt der Spatz deutlich mehr und auch gerne Kurven, guckt öfter aus dem Fenster nach draußen, versucht Fliegen zu fangen - noch vergeblich -, knabbert ausgiebig an reifen Gräsern, frisst, wenn er im Käfig ist, problemlos aus den Schälchen, hüpft gezielt zum Wasserspender und trinkt, ist am liebsten überall mit dabei, und transportiert Taschentuchstücke hüpfend und fliegend durch die Gegend. Vor zwanzig Tagen war es ein winziges, hilfloses Ding mit millimeterkleinen Federansätzen. Groß werden im Schnelltempo.

 

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