Blog 739 - 26.06.2022 - Spatzenaufzucht, kein Rassismus und Wasserspiele

Am Vortag sitzt der kleine Spatz schon wippend auf der Hand und merkt, dass er irgendetwas machen könnte, um irgendwohin zu kommen, weiß aber noch nicht, was. Am Sonntag fliegt er dann tatsächlich zum ersten Mal los. Ganz spontan einen Meter geradeaus, bis an die Wand und flatternd daran herunter. Ich hebe ihn hoch und er startet gleich nochmal, diesmal bis zum Regal, auf dem er gut landet.

Er will nur hin und wieder mal fliegen, aber am Nachmittag kann er schon eine leichte Kurve machen, um gezielt vom Schrank bis zur Gardinenstange zu kommen. Dort sitzt er und guckt interessiert nach draußen. Es drängt ihn aber noch nicht dorthin.

Aus der kleinen Transportbox, in der er in den ersten Tagen warm und geschützt saß, zieht er um in einen Vogelkäfig. Mit dem setze ich ihn auch mal in den Hof, wo einige Spatzen sofort Tschilpkontakt mit ihm aufnehmen und immer wieder bis nah an den Käfig fliegen. Sie könnten zu seiner Familie gehören, zumindest aber zur Spatzenkolonie, die hier wohnt. Ich hoffe, dass sie weiterhin in Ruf- und Antwortkontakt bleiben und der kleine Spatz schnell Anschluss findet, wenn ich ihn rauslasse. 

Momentan ist er noch völlig auf mein Füttern angewiesen, ruft, sperrt den Schnabel auf und lässt sich die Heimchen hineinstopfen. Auf die Idee, dass er den Kopf beugen und vor ihm liegendes Futter selber aufpicken kann, kommt er noch nicht. 

Am nächsten Tag kann er sich am Ohr kratzen. Das ist kompliziert, denn dazu muss ein Flügel leicht vorgestreckt, das Bein hinter ihm entlang gehoben und bis zum Kopf geführt und dort hoch und runter bewegt werden, während das Gleichgewicht auf dem anderen Bein gehalten wird. Ein kompliziertes Verfahren, das unser Spatz inzwischen - genauso wie das Ordnen der Brust-, Rücken- und Schwanzfedern - gut kann. Und auf einmal kann er auch auf einem Ast sitzend, mit dem Kopf unter dem Flügel schlafen. Der gelbe Baby-Schnabelrand verblasst langsam.

Leider wird er auch zutraulicher. Einerseits ist das nicht schlecht, wenn er in seiner Freiheit noch ein wenig zugefüttert werden muss und dann zu mir fliegt, andererseits möchte ich nicht, dass er zu mir fliegt, wenn die Katze neben mir sitzt. Die ist sowieso ein Problem, und ich versuche Spatz und Katze möglichst getrennt und wenn, dann ohne Sichtkontakt zu halten. Die Katze hat längst kapiert, dass auf dem Fensterbrett, in dem mit einem Handtuch abgedeckten Kasten, ein Vogel sitzt und sie deswegen immer schnell wieder rausgeleitet wird, aber der Vogel soll den Anblick einer schwarzen Katze nicht mit Streicheln und Sorglosigkeit verbinden. Ich will aber auch nicht wie übliche Spatzeneltern nervig tschilpen, wenn ich die Katze im Blick habe.

 

Die örtliche Erich-Kästner-Grundschule wird zur "Schule gegen Rassismus und mit Courage". Das wird man nicht einfach so. Im Vorfeld müssen sich mindestens 70% der Schüler*innen und Pädagog*innen verpflichten, sich gegen jede Form von Rassismus an der Schule aktiv einzusetzen, und das muss in der Schule auch umgesetzt und gelebt werden. Eine wichtige und sehr tolle Sache! Jede Schule braucht bei diesem Projekt auch eine Patin oder einen Paten, und als ich vor einigen Monaten gefragt wurde, ob ich das übernehmen möchte, habe ich gerne zugesagt. Als Kinderbuchautorin aus dem Ort passt das gut und zu meiner persönlichen Einstellung sowieso. Und dass meine Kinder auf dieser Grundschule waren und ich damals eine aktive Mutter bei allen möglichen Aktivitäten war, bringt eine weitere Verbindung.

Vor der Übergabe und Anbringung der offiziellen Plakette gibt es ein kleines, schönes Programm, das hauptsächlich von den Kindern gestaltet wird. Es findet draußen statt, die Sonne scheint und die Kinder sind aufmerksam und gut gelaunt. Am Ende reden einige Erwachsene - die Schulleiterin, der Landrat, die Vertreterin von "Schule gegen Rassismus" und ich - kurz und kindgerecht. Es folgt die Anbringung des offiziellen Schildes - der Hausmeister hat schon die Löcher gebohrt, der Landrat und einige Kinder schrauben das Schild fest, dann gibt es "Partyzeit", die aus Apfelsaft, Sprudel, Brezeln und fröhlichem Herumrennen und Spielen auf dem Schulhof besteht. 

Die Kinder sind locker, offen, lachen viel und es ist ihnen anzumerken, dass sie sich an dieser Schule wohlfühlen. Wie wichtig, dass hier niemand "falsch" ist und dass sie sensibilisiert für Vielfalt und die Gefahren von Mobbing sind. Sie können davon ausgehen, dass von den anderen Kindern, aber auch von den Lehrerinnen eingegriffen wird, wenn es unfair zugeht, jemand ausgegrenzt oder beleidigt wird. Das gibt ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit. Ich freue mich, diese Grundatmosphäre als Patin zu unterstützen.

Im Garten baue ich nun doch zwei Stufen in den neuen Weg ein, um den Höhenunterschied auszugleichen. Noch fehlen mir die anthrazitfarbenen 80 cm breiten Stufenplatten, aber ich kann übergangsweise zwei 40er-Terrassenplatten drauflegen. Schon jetzt ist der vorher sehr schräge Rasenweg viel einfacher zu begehen. Die anstrengenden Schlepp- und Bauarbeiten lohnen sich. Sie machen nicht wirklich Spaß, aber wenn ich das Ergebnis haben will, muss ich was dafür tun.

Am Donnerstag beginnt der Spatz zum ersten Mal neugierig an Futterkrümeln zu picken, die ich ihm auf meiner Hand hinhalte. Am Abend pickt er die ersten Heimchen selbständig von meiner Hand, jongliert ein bisschen, bis sie richtig im Schnabel stecken und schluckt sie runter. Der Anfang ist gemacht.

Nach einem starken Regenschauer hüpft mir draußen unbeholfen ein völlig durchnässter, junger Spatz über den Weg, der wegen der komplett nassen Federn nicht fliegen kann. So ist er eine schnelle Beute für jede Katze. Ich nehme ihn kurzerhand hoch und stecke ihn erstmal in den Käfig zu unserem Spatz. Der nasse Spatz sitzt schockstarr da und nur die Augen bewegen sich. Immerhin trocknet er.

Als er trocken ist, nehme ich ihn in die Hand, was er ebenso starr über sich ergehen lässt. Unser Spatz ist wenig an ihm interessiert. Er guckt mal, nimmt aber keinen merkbaren Kontakt auf. Auch nach Stunden sitzt der "neue" Spatz stocksteif in der Ecke und weigert sich, irgendeine Nahrung oder Wasser zu sich zu nehmen. Ansonsten wirkt er fit und kräftig, und so denke ich mir, dass es wohl besser für ihn ist, wenn er wieder rauskommt, wo er alles gewohnt ist und sich seiner Familie anschließen kann. Hoffentlich fliegt er wirklich schon so gut, wie ich denke.

Ich trage ihn nach draußen, er bleibt noch kurz ruhig auf meiner Hand sitzen, dann stößt er sich kräftig ab und fliegt schnell und in gerade Linie quer über die Straße und dort in einen dichten, hohen Busch, in dem viele Spatzen sitzen. Prima! - Zwei Stunden später bricht ein gigantischer Wolkenbruch los, der unglaubliche Wassermassen herunterklatschen lässt. Hoffentlich sitzt der kleine Spatz jetzt im Busch und wird zwar schon wieder klatschnass, hüpft danach aber nicht erneut hilflos über die Straße, sondern wartet auf dem Ast, bis er trocken ist. Wenn ich das geahnt hätt, hätte ich ihn doch noch etwas im Haus behalten.

Am Samstag gehen wir wieder an das Projekt "neue Wasserleitungen" und müssen diesmal die letzten alten Verbindungen durchtrennen und komplett entfernen. Spannend - und ein bisschen besorgniserregend. Vom Keller müssen neue Leitungen durch die schon vorbereiteten Löcher bis in die Küche und das Badezimmer ausgemessen, geformt, gepresst und verbunden werden. Wenn da etwas schief geht oder wir Denkfehler machen und dann nicht mehr genug Material zum Ersetzen haben, stehen wir erstmal ohne Wasserzufuhr da. Vor allem müssen wir jetzt so lange durcharbeiten, bis die neuen Leitungen funktionieren und wir das Wasser wieder anstellen können.

Bis 23 Uhr werkeln wir, dann sind wir ziemlich erschöpft, aber die neuen Wasserleitungen liegen, die Verbindungen sind dicht und an den Waschbecken von Badezimmer und Küche fließt wieder Wasser. Wie gut! Die Toilette ist noch nicht zu benutzten, weil wir den Anschluss des neuen Wasserspülkasten angesichts unserer Erschöpfung auf den nächsten Tag verschieben, aber die kleine Gästetoilette funktioniert und kann genutzt werden. Da wir in der Dusche noch Kacheln entfernen und ersetzen müssen, machen wir die auch noch nicht fertig, sondern duschen weiterhin in der Kellerdusche, die sowieso viel gemütlicher ist. Aber die Hauptarbeit ist geschafft und das Wasser fließt überall durch neue Leitungen. Hurra, hurra, hurra!

Bei den vielen Tätigkeiten, die mich rundum beschäftigen, fehlt mir immer stärker meine Kreativzeit. Ich muss dringend versuchen, in der nächsten Woche wieder damit anzufangen.

 

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