Blog 738 - 19.06.2022 - Spatzenkind und Widerhaken

Die Weg-Bauarbeiten im Garten gehen voran, zunächst nur langsam, dann stocken sie. Es ist viel zu heiß. Am liebsten würde ich mir einen treppenstufenlosen, bequem zu gehenden Weg mit nur leichtem Gefälle bauen. Ich stelle aber fest, dass es ohne Stufen zu schräg wird. Also müssen doch zwei oder auch drei rein, um den Höhenunterschied gut auszugleichen. Aber erst, wenn es nicht mehr so heiß ist.

Als ich zu Beginn der Woche abends im Vorgarten die Blumen gieße, sehe ich plötzlich vor mir auf der Erde eine kleine Kröte, die sich langsam und unbeholfen bewegt. "Nanu, eine Kröte? Wo kommt die denn her?", denke ich noch, da erkenne ich, dass es ein ganz junger Spatz ist. Er muss kurz vorher aus einem der Spatzennester gefallen sein, die unter unseren Dachpfannen gebaut werden. Nach dem vielen Gepiepse zu urteilen, müssen es mehrere Familien sein, die dort wohnen. Ein sehr kleines Mitglied einer der Familien befindet sich jetzt fünf Meter tiefer. Zum Glück hat es den Sturz gut überstanden. Ein ebenfalls glücklicher Umstand ist, dass die Katze es nicht vor mir gesehen hat.

Der Spatz bekommt ein warmes Nest gebaut und ich rühre einen Notbrei aus etwas gekochtem Ei, ein wenig Quark und Vogelfutter mit getrockneten Insekten an, um ihn erstmal zu füttern. Allerdings brauchen junge Spatzen nur Insekten als Futter, erst später werden sie zu Körner- und Insektenfressern. Aber wo soll ich so schnell genügend Insekten herbekommen? Vor den Fenstern haben wir Fliegengitter, so dass sich auch nur selten eine Fliege durch eine offene Tür ins Haus verirrt. Na, für heute wird es gehen.

Am nächsten Tag stehe ich im Garten und locke mit Katzenfutter Fliegen an, die ich bewusstlos klatsche, um sie zu verfüttern. Ein ekeliger Job, aber das Ergebnis ist für kleine Spatzennestlinge prima Futter. Der Spatz ist schön warm, meldet sich tschilpend, wenn er Hunger hat - was erstaunlich oft ist -, frisst gut und kackt gut - alles wichtig und richtig. Ich durchforste das Internet nach Quellen für Heimchen, einer kleinen Grillenart, die für die Aufzucht von Spatzen perfekt sind.

Am nächsten Morgen fahre ich 55 km weit zu einem Insektenhandel, der auf Reptilienfutter spezialisiert ist, um auf dem schnellsten Weg gefrorene Heimchen zu bekommen. Ich könnte sie dort auch ungefroren bekommen, aber sie selber zu töten, ist mir momentan zu viel. Dann lieber auftauen. Der kleine Spatz soll alle 30 Minuten gefüttert werden, darum habe ich ihn auf der Fahrt neben mir in der Transportbox, um zwischendurch anzuhalten und ihn mit dem Übergangsbrei zu füttern. Er kennt aber noch keine Uhr. Fünf Minuten nach der Fütterung beginnt er wieder im Sekundentakt zu piepsen. Wegen Straßensperrungen und vielen langsamen LKW auf der Landstraße brauche ich mehr als eine Stunde für die Hinfahrt. Mindestens eine Stunde davon mit einem fast ununterbrochen tschilpenden Mitfahrer, der mehrfach gefüttert werden will. Zwischendurch denke ich, dass er gar nicht wegen Hunger piepst, sondern wegen "Mir ist warm", "Ich habe Durst", "Mir ist langweilig" und "Wann sind wir endlich da?"

Als wir endlich beim Insektenhandel sind, erhalte ich zwei Plastikboxen mit gefrorenen, kleinen Heimchen. Was für eine Erleichterung - endlich gutes Futter! Ich packe sie in die mitgebrachte Kühltasche und fahre wieder zurück. Mit einem tschilpendem Spatzenkind auf dem Beifahrersitz. Zuhause muss ich vor dem Verfüttern die langen Hüpferhinterbeine der Heimchen entfernen, weil die Widerhaken haben. Die meisten harten Hüpferbeine sind im Gefrierzustand schon abgebrochen, was die Sache erleichtert, aber trotzdem sitze ich wie eine Briefmarkensammlerin, die sorgfältig prüft, ob alle Zacken an den Marken sind, mit Brille und Pinzette über kleinen Portionen von aufgetauten Heimchen und ziehe Hinterbeine ab. Was man im Leben nicht alles macht. 

Es lohnt sich aber, denn der kleine Spatz frisst mit großer Energie bei jeder Fütterung ziemlich viele Heimchen, tschilpt und tschilpt, und wird immer lauter und kräftiger. Manchmal denke ich, dass seine Eltern nie im Leben so viel Futter für ihn hätten anschleppen können. Der Erfolg ist zu sehen: Die vor zwei Tagen noch pieksigen Federansätze werden länger und weicher und aus dem Nacktfrosch wird schnell ein kuscheliges Vogelkind.

Zwischendurch ist Kirschernte angesagt. Die ist aber in wenigen Minuten komplett geschafft. Der Süßkirschenbaum steht erst seit drei Jahren und eigentlich möchte ich ihn wieder entfernen, weil er von Beginn an Probleme hatte und jetzt schon abzusehen ist, dass er nicht gut wachsen wird. Ein typisches Mängelexemplar aus dem Billigbereich des Baumarktes. Im ersten Frühjahr hatte er nur an den Enden der Äste einige Blätter und blieb ansonsten kahl. Nachdem ich den kahlen Baum beschnitten hatte, wurde es etwas besser mit dem Laub, aber die Grundform ist verkorkst. Jetzt allerdings schmecken seine Kirschen so extrem lecker und haben ganz genau den Geschmack der Süßkirschen unseres früheren Kirschbaums, dass ich den Baum doch behalten möchte. Mjammi! Er bekommt eine Chance.

Kaum kann ich den alten Marktschirm, den ich frisch repariert habe, bei der strahlenden Sonne dringend brauchen, reißt das Zugseil, mit dem er aufzuspannen ist. Es ist eben nicht mehr neu und dementsprechend abgenutzt. Blöderweise verläuft das Seil innerhalb der Holzstange und wird mit der Kurbel auf- oder abgewickelt. Ich schraube los, was loszuschrauben ist, aber die Holzstange ist aufgequollen und lässt sich nicht mehr auseinanderziehen, und an der Kurbel ist ein Metallstift so verbogen, dass sie sich nicht komplett zerlegen lässt. Aber bei so was bin ich pragmatisch. Ich schraube oben eine Öse in die Stange, durch die ich das Seil fädle, schraube unten einen Haken an, und ab jetzt wird der Schirm eben am Außenseil aufgezogen und mit einer Schlaufe unten eingehakt. Sieht nicht mehr so elegant aus, funktioniert aber. Wenn ich möchte, kann ich ein paar Runden kurbeln, was allerdings völlig ergebnislos bleibt, außer dass es irgendwelche Kurbelmuskeln trainiert.

Beim Wasserleitungsprojekt haben wir inzwischen viele Löcher in verschiedenen Mauern, einige schon gelegte neue Leitungen und das Ziel kommt langsam in Sicht. Ich hatte grob gedacht, dass wir um diese Zeit fertig wären und auch die neue Küche vielleicht schon eingebaut wäre, aber das zieht sich alles noch. Und erst wenn die neuen Wasserleitungen in Betrieb sind, kann ich mit dem Komplettrenovieren der Küche beginnen. Mit einem Vogel, der ständig gefüttert werden und demnächst Flugstunden erhalten muss, geht es nicht schneller. Aber der braucht gerade viel Zuwendung, damit er demnächst auch gut wieder raus zur Spatzentruppe kann.

 

Die unfassbar schnelle Entwicklung des Spatzenkindes in fünf Tagen: 

 

 

 

 

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