Blog 736 - 05.06.2022 - Feinklopfen, Marktschirm und Filmpremiere

Der Sonntag, der zweite Tag bei den Steinhauern in der Eifel, beginnt mit einer wunderschönen Frühmorgenstimmung. Traumhaft. Die Vögel zwitschern ringsherum in den Bäumen und die ersten beiden Teilnehmer klopfen schon rhythmisch auf ihren Steinen herum. Wegen der Holzklöppel klingt das gedämpft und ist mehr meditativ als laut. Dopp-dopp-dopp-dopp. Optik und Akustik lösen bei mir sofort Urlaubsstimmung aus.

Ich freue mich sehr, dass ich mal wieder ein ganzes Wochenende zum Steinhauen habe. Nachdem ich am Samstag mit der Feinarbeit an meinem Affen lange nicht fertig geworden bin, arbeite ich auch am Sonntag an ihm weiter und mache mir selber keinen Stress mit einem eventuell noch neuen Stein, den ich anfangen könnte. Ich will endlich mal eine meiner unfertigen Figuren fertig klopfen und auch wenn das länger als gedacht dauert, mache ich das jetzt.

Allerdings stelle ich weiterhin fest, was mir schon am Samstag vermutete: Die Feinversion wird zwar deutlich anders als die Grobversion, aber nicht zwangsläufig besser. Auch die unfertige, massige Figur hatte ihren Reiz und ihren ganz eigenen Charakter. Fast finde ich es am Ende ein bisschen schade, dass mein ursprünglicher Affe nicht mehr da ist. Andererseits ist es gut zu wissen, dass ich die Figuren auch feiner arbeiten kann, wenn ich will, das aber gar nicht brauche. Ich komme entspannt und sehr gelassen nach Hause, setze den Affen wieder an seinen Platz und gewöhne mich schnell an sein neues Aussehen.

Am Montag melden die nervigen Montagsspaziergänger im Ort eine Demo mit 50 Teilnehmern an - und laufen dann mit 16 Leutchen zwischen zwei blinkenden Streifenwagen im gemächlichen Schlenderschritt die Hauptstraße entlang. Hinter sich den gestauten, blockierten Autoverkehr. Die zwei Streifenwagen nehmen fast mehr Platz ein als die wenigen Personen. Demokratie muss schon viel aushalten. 

Vor zwei Jahren war die Dernière der "12 Geschworenen", jetzt ist erst die DVD mit dem Mitschnitt der Vorstellung komplett fertig. Ich hatte Zeit, denn Corona hat ein Treffen der Theatergruppe mit einem gemeinsamen Gucken des Videos lange verhindert. Der Gatte kopiert Doppel-DVDs für alle Mitspieler und ich schneide die Cover zurecht. Diese Arbeit habe ich früher häufig gemacht, aber seitdem wir nicht mehr filmen, ist das nicht mehr notwendig. Die Griffe sitzen alle noch, aber es ist lange her, dass ich Cover geschnitten habe.

Kaum sind alle Cover in die Hüllen geschoben, entdeckt der Gatte, dass ich bei einem Datum anstelle der "2020" eine "2019" geschrieben habe. Das ist aber auch schwierig, wenn wir Vorstellungen Ende 2019 und Anfang 2020 hatten und alles schon über zwei Jahre her ist! Na gut, mit ausreichender Konzentration wäre das nicht passiert, aber mein Kopf ist gerade zu voll, weil ich auf zu vielen Baustellen baue. Und jetzt? Ich überlege, ob ich vorsichtig einen kleinen Aufkleber mit der richtigen Zahl über den Fehler kleben soll, da entdecke ich eine weitere, versehentlich doppelt geschriebene Zeile. Konzentration!, ich sag es ja immer. Seufzend korrigiere ich das Cover am Bildschirm und lasse es im Copyshop erneut ausdrucken. Und wieder sitze ich an der vertrauten Tätigkeit des Coverschneidens. Anscheinend brauche ich etwas mehr davon.

Nicht unerwartet, aber trotzdem erschreckend, stirbt im niederländischen Friesland unser langjähriger Familienfreund Jan. Das ist sehr traurig. Acht Wochen vorher hat er erst erfahren, dass er so schwer krank ist und hatte gerade noch Zeit, seine Sachen zu regeln, ehe er für alles zu schwach wurde. Die Reise nach Norwegen in diesem Sommer mit dem neuen Camper war fest geplant, für die nächsten Jahre stand noch viel auf dem Programm. "Mitten im Leben" eben. Wie schnell das gehen kann. Ich wollte in diesem Jahr nach Friesland, um das Grab meiner Tante zu besuchen und natürlich auch bei ihm vorbeizufahren. Jetzt wird er, nicht mal drei Jahre nach ihr, in ihrem Grab mit beigesetzt. "Dann sind sie wieder zusammen", sagt seine Nichte am Telefon. Es ist nur schwer zu verstehen, dass der so selbstverständliche Anlaufpunkt in Friesland, der ruhige, lustige, hilfsbereite Jan, jetzt nicht mehr da ist.   

Der Garten wächst weiter zu. Einige Stellen habe ich im Blick und in mehr oder weniger regelmäßiger Betreuung, aber abgelegene Ecken sind, kaum dass ich sie mal ein Jahr lang nicht angeguckt habe, sofort grün überwuchert. Die Arbeit hört nicht auf. Schön ist, dass ich mitten im Efeuentfernen recht viele Walderdbeeren finde, die sich dort gerne ausbreiten dürfen. Die gehören so ziemlich zu den leckersten und geschmackintensivsten Früchten, die es gibt.

Im Hof drapiere ich einige Pflanzen vor dem sich ansammelten Sperrmüll, der sich beim Aufräumen anfindet und stetig anwächst, bis ich ihn zur Müllkippe bringen kann. Irgendwo muss ich ihn zwischenlagern. Die Pflanzen und ein kleiner Tisch verdecken den Blick auf den Müll ein wenig und machen einen kurzen Aufenthalt im Hof trotzdem angenehm. "Jetzt hätte ich noch gerne einen großen Marktschirm", denke ich, finde den aber zu teuer, um ihn versuchsweise zu kaufen. Der ist Luxus und wirklich nicht notwendig, denn am Nachmittag ist es im Hof sowieso schattig. Er wurde die Ecke nur noch etwas gemütlicher machen.

Als ich zwei Tage später bei meinen Eltern bin, weist mein Vater auf das in der Garage liegende Holzgestell seines alten Marktschirms hin und erwähnt, dass der kaputt ist und zum Sperrmüll soll. Eine der Speichen ist bröselig gebrochen und die anderen sehen zum Teil schon etwas verzogen und ramponiert aus. "Oh, den könnte ich mal versuchen zu reparieren", überlege ich beim Blick auf das Gestell, woraufhin mein Vater freudig auf den danebenliegenden, zusammengeknüllten Schirmbezug zeigt: "Der ist noch ziemlich in Ordnung!" Ich packe mir den Schirmständer, die gebrochene Speiche und den Bezug ins Auto, gucke mir zuhause alles genau an, säge, schraube, verbinde, baue eine grobe Speichenüberbrückung zusammen, ersetze die Niete im Gelenk durch eine Schraube mit Mutter - und habe einen Marktschirm. Nicht mehr ganz neu, wer weiß, wie lange er hält, aber er ist genau richtig!

Am Samstagnachmittag findet das Treffen der "12 Geschworenen" mit Filmpremiere statt. Ein Mitspieler und die Regieassistenz können leider nicht dabei sein, weil sie in Urlaub sind, wobei mir unverständlich ist, warum sie Sonne, Strand und Meer einem Videonachmittag vorziehen. Na gut, ich verstehe es doch. Wir anderen treffen uns im Probe- und Theaterraum, packen Chips und Brezeln aus und gucken per Beamer und Leinwand gemeinsam den Videomitschnitt der letzten Vorstellung an.

Ich bin vorher ein wenig besorgt, ob das eine gute Idee ist, oder ob sich meine Mitspieler durch zweieinhalb Stunden eines Stückes langweilen, das sie alle kennen und mehrfach gespielt haben. Aber ganz im Gegenteil. Es ist für alle sehr faszinierend das Stück zum ersten Mal aus der Sicht der Zuschauer zu sehen und die Reaktionen und Details der anderen Mitspieler auf der Bühne zu entdecken. "Das habe ich so nie gesehen", ist ein häufiger Ausspruch, ein anderer, nicht ganz ernst gemeinter: "Jetzt verstehe ich das endlich!" Nach zwei Jahren ist der Abstand groß genug, um das Stück mit guter Distanz und Neugier anzusehen.

Vom Ergebnis des selber gespielten Stücks scheinen alle überrascht zu sein. Dass es gut war und das Publikum begeistert reagiert hat, haben vor zwei Jahren alle gemerkt, aber wie gut sie miteinander gespielt haben und wie spannend und mitreißend es war, erleben sie erst jetzt. Kaum ist der dramatische Schluss vorbei, sind wir in der Stimmung, dass wir das alle nochmal spielen sollten. Wie schön!

Zum Abschluss gehen wir noch in den Biergarten und fühlen uns miteinander wohl. Es ist eine rundum gute Gruppe, die sich vertraut und ungezwungen fühlt und bei der alle Mitglieder sich sehr schätzen und immer miteinander lachen können. Die Basis stimmt, es passt einfach. Und ja: Am liebsten würde ich mit genau dieser Gruppe sofort wieder ein Stück machen. 

 

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