Blog 735 - 29.05.2022 - Rind im Wald, Torsten Sträter und Ohr im Staub

Zu Beginn der Woche ist weiterhin Starkregen angesagt - mit Gewittern, Hagel und sogar möglichen Tornados. Ich ärgere mich, dass in den Wetternachrichten nicht häufig genug von "örtlich" und "punktuell begrenzt" gesprochen wird. Natürlich will niemand später den Vorwurf bekommen, dass nicht früh genug gewarnt wurde, aber wer weiß, wie viele Leute übernervös werden, wenn generell Katastrophenwetter angekündigt wird.

In klein begrenzten Gebieten schlägt es zu, wie Ende letzter Woche in Paderborn mit einem Tornado, aber in unserer letztjährigen Überschwemmungsregion bleibt es bei einigen sehr kurzen, ungefährlichen Platzregen und viel gemächlichem Landregen, der nach wochenlanger Trockenheit endlich wieder Wasser auf Wiesen und Felder bringt und die Wassertonnen recht gut füllt. Der schlaue Kater klettert bei einem starken Schauer in einen vom Wind umgeworfenen Gartenabfallsack und sitzt dort an der frischen Luft trocken und relativ gemütlich.

Das vorher wegen der Hitze noch zurückhaltende Unkraut wächst nach dem gründlichen Wässern so schnell, dass ich beim Wachsen zusehen kann. Zumindest kommt es mir so vor. Aus dem feuchten Boden ist es allerdings auch gut rauszuholen, so dass ich mich mit Hacke und körperlichem Einsatz vor einem völlig Überwuchtertwerden innerhalb der nächsten Tage retten kann.

Überall grünt es dicht und saftig. Beim Spaziergang entdecken wir Rinder, die in einem kleinen Waldstück auf einer Lichtung liegen und das Leben genießen. Sie sind nicht ausgebüxst, sondern wohnen dort, was durch einen in den Boden gesteckten, lächerlich wackeligen Netzzaun gezeigt wird. Eine kleine Stromsicherung ist eingebaut, die angesichts der Größe und Wuchtigkeit der Tiere aber nicht überzeugt. Vielleicht soll sie eher Spaziergänger vom Betreten der Waldweide abhalten, damit die Tiere in Ruhe mitten im Wald liegen und wiederkäuen können.

Nachdem wir schon so lange mal Torsten Sträter live sehen wollten und seine Veranstaltungen erst immer ausverkauft waren - beziehungsweise ich immer zu spät war, um noch rechtzeitig Karten zu bekommen -, und dann wegen Corona nichts stattfand, klappt es endlich. Ich freue mich so! Torsten Sträter, der treffsichere Erzähler und wunderbare Wortspieler. Als er die Bühne betritt, beginne ich vorfreudig zu grinsen und bekomme dann die Mundwinkel bis zum Ende des Programmes nicht mehr in ihre neutrale Position zurück. Ein Feuerwerk der guten Laune und der Wortspielereien - es explodiert in meinem Kopf.

Torsten Sträter erzählt Geschichten, macht spontane Bemerkungen, schräge Assoziationen und schlaue Wortdrehungen. Durchgehend und gleichzeitig. In rasantem Tempo. Außerdem hat er einen guten Blick für skurrile Situationen, kann sie treffend schildern, ist warmherzig, hat trockenen Humor und auch noch eine sehr schöne Stimme. Ich grinse, lache, kichere und wische mir immer wieder Lachtränen weg. Mehrfach merke ich, wie ich einfach nur mit offenem Mund debil grinsend auf Torsten Sträter starre und völlig fasziniert von seiner Sprache und dem gewandten Umgang mit ihr bin. Großartig!

Nach guten zwei Stunden Programm bin ich erschöpft vom Lachen, Mitdenken, Kapieren, dem Tempo, den Formulierungen und der Wortüberflutung. Die etwa tausend Leute um mich herum in der Rhein-Sieg-Halle japsen ebenfalls lachend und hängen sackartig auf den Stühlen. Als Torsten Sträter von der Bühne abgeht, wird sehr laut geklatscht und gejubelt, aber es wird nicht nach Zugabe gerufen. Die Zuhörer-Gehirne wissen, dass sie keinen weiteren Input mehr verarbeiten können und jetzt Schluss sein muss. Hach - was für ein toller Abend und was für ein grandioser Wortakrobat! Da muss ich unbedingt nochmal hin. Mehrmals.

Am nächsten Morgen geht es in den Urlaub. Für zwei Tage. Ab in die Eifel zum Steineklopfen - ein komplettes Wochenende zur zwar staubigen, aber völligen Entspannung. Am Abend vorher noch das Gehirn mit Torsten Sträter schön gebritzelt, danach zwei Tage lang regelmäßige Klopfgeräusche und Vogelgezwitscher - das ist für mich ganz wunderbar.

Im letzten Jahr hatte ich mir fest vorgenommen, bis zum nächsten Steinhaukurs eine der nicht ganz fertigen Figuren der letzten Jahre fertig zu klopfen, oder - wenn ich das nicht mache -, beim nächsten Steinhau-Wochenende eine der Figuren wieder mitzubringen und dort endlich fertig zu machen. Einen Platz zum Steinhauen habe ich mir im Garten vor einigen Monaten eingerichtet, genutzt habe ich ihn aber noch nicht. So sehr es mich auch freuen würde, jetzt eine neue Figur zu beginnen, ich erinnere mich selber an mein Versprechen und packe den vor zwei Jahren nicht fertig gewordenen Affen ins Auto. Nicht ohne ihm vorher noch einiges überflüssiges Material am Sockel abzuschlagen, um ihn leichter zu machen. Schätzungsweise 5 Kilo nimmt er ab, bleibt aber immer noch geschätzt bei 30.

Auf dem Gelände des Steinhauvereins Weibern stelle ich mir den Affen auf einen Sockel und beginne damit, Überflüssiges abzuklopfen. Vieles soll filigraner und ausgearbeiteter werden. Dazu ist am ersten Wochenende, an dem die Figur zunächst aus dem Stein gehauen werden muss, nicht genügend Zeit. Ich klopfe und hämmere - und schlage dem Affen versehentlich ein Ohr ab. Ich bin wirklich nur ganz vorsichtig dran, aber plötzlich gibt es einen Riss und während ich noch erschrocken gucke, kippt das Ohr auf den Boden. Ach, wie schade, ich mochte die abstehenden Ohren sehr.

Weil Heulen und Jammern bei abben Ohren nicht hilft, haue ich das andere Ohr auch ab, mache das Gesicht mit dem Meißel vorsichtig etwas schmaler und klopfe zwei neue Ohren aus dem verbliebenen Stein. Jetzt leider eng anliegende, aber immerhin. Auch der restliche Affe wird zunehmend schmaler und feingliedriger. Ich stelle fest, dass die Feinarbeit viel länger dauert als jede Grobarbeit. Mein Plan, am Samstag mit dem Affen fertig zu sein und am Sonntag lässig mit einer neuen Figur zu beginnen, geht nicht auf. Ich bin mir auch gar nicht sicher, ob ich den fertig gearbeiteten Affen am Ende wirklich besser finde als die Grobversion, die durchaus ihren Reiz hatte. Vielleicht bleibe ich demnächst bei unfertigen Figuren, die halb aus dem unbearbeiteten Stein gucken. Egal - es macht grob oder fein Spaß beim Arbeiten und ist genau richtig für mich. Und das Steinhau-Wochenende in Weibern in der Eifel ist grundsätzlich klasse. Den Affen mache ich heute jedenfalls fertig und klopfe mich dabei tief in die Entspannung.

 

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