Blog 732 - 08.05.2022 - Schnelle Meisen, Lesung und Rückenansichten

Trotz der Mehl-Engpässe backt der Sohn weiterhin Brot. Dinkel-Vollkornmehl ist in den Supermärkten oft zu bekommen und wir haben noch einen ganz guten Vorrat anderer Mehle. Selbstgebackenes Vollkornbrot bleibt erstmal normal. Und wenn wir mal eine Weile kein Mehl mehr haben sollten, gibt es eben kein Brot. Relativ gesehen geht es uns doch trotzdem total gut.

Die Montagsspaziergänger fangen an, Spaß zu bringen. In dieser Woche sind es gerade mal zwanzig Leute, die ihr Treffen nicht als Demonstration angemeldet haben und darum "privat und unpolitisch" unterwegs sind. Damit dürfen sie nicht die Hauptstraße bei ihrem Spaziergang blockieren. Wir Gegendemonstranten sind schon immer eine zahlenmäßig kleinere Gruppe, aber der rasante Schwund bei den Spaziergängern ist auffällig. Zuerst wissen wir gar nicht, ob die Spaziergänger überhaupt ihren Weg durch die Stadt machen, weil wir lange warten und nichts passiert, aber dann sehen wir das Grüppchen in sehr langsamem Tempo durch den Park auf uns zukommen. Wir machen uns an unserer Ecke bereit, greifen nach Plakaten und Schildern und warten, dass sie an uns vorbeigehen. 

Es dauert und dauert. Auf einmal blickt jemand von uns um die Ecke und sagt: "Sie sind umgedreht!" Tatsächlich. Vermutlich hatten sie keine Lust an uns und an dem bei uns wartenden Streifenwagen vorbeizugehen, sind mitten auf dem Weg umgedreht und wählen eine andere Richtung durch ein leeres Wohngebiet. Wir haben große Freude an dem Anblick der immer kleiner werdenden Rückenansichten und lachen kopfschüttelnd. Das ist schon eine hohe Komikstufe.

Gut gelaunt begeben wir uns an unseren angemeldeten Endpunkt auf dem Marktplatz und warten auch dort. Kurz danach muss die Gruppe auf dem Weg zu ihren Autos tatsächlich an uns vorbei, und sie wirkt ziemlich anders als sonst. Leise, still, kaum einer guckt uns an. Es gibt keine Fahnen, kein Gepfeife, kein breites Grinsen, keine demonstrativen Herzchen - sie sehen aus wie ein stiller, müder Wanderclub ohne Energie. Ihre Motivation gegen das Impfen, die Coronalüge und die Diktatur zu kämpfen, scheint etwas schwach geworden zu sein. Wäre wirklich schön, wenn es so bliebe. Es ist ja sowieso bescheuert, dass sie angeblich immer noch gegen Impfzwang und für Freiheit auf die Straße gehen. Den Impfzwang gibt es nicht und ihre Freiheit haben sie.

Im Garten füttert ein Meisenpaar seine frisch geschlüpften Küken und ich versuche, ein hübsches Meisenfoto vom häufigen Ein- und Ausfliegen zu machen. Nach etwa 50 Versuchen habe ich eins mit einer Meise, die den Kopf im Loch hat und eins mit einer verwischt wegfliegenden Meise. Ansonsten noch 48 Bilder von einem Nistkasten ohne jeden Vogel. Meisen sind einfach zu schnell für mich.

Nach mehr als zwei Jahren habe ich endlich wieder meine ersten Lesungen - zufällig an der örtlichen Grundschule. Ich kann mal wieder Stühle und Bänke rücken, den Beamer aufbauen und meine Bücher bereitlegen. Schon das Vorbereiten in der Aula macht mir Spaß, woran ich merke, wie gerne ich Lesungen mache. Während der Pause gucken einige Kinder in die Aula und fragen: "Sind Sie die Autorin?" Ich bejahe. "Auch für uns, für das dritte Schuljahr?" Ich bejahe wieder und sie strahlen, jubeln los und rennen mit lautem "Jaaaaa!" und "Juchhuuh!" auf den Schulhof. 

Die Giraffenlesung läuft fast von alleine, so vertraut ist sie mir. Während der dritten Lesung merke ich allerdings, dass ich stundenlanges Alleinunterhalter-Reden nach der langen Coronapause nicht mehr gewohnt bin und die Stimme etwas rauer wird. Das fällt aber vermutlich nur mir auf. Als ich im Gespräch mit den Kindern sage, dass ich im Ort wohne, werde ich gefragt: "In welcher Straße?" Als ich sie nenne, ruft ein Kind begeistert: "Da wohne ich auch!" und ein weiteres: "Und ich auch!!!"

Weil ich zwischendurch eine kleine Zeichnung für jemanden mache, sitze ich einfach mal im Garten, illustriere ein bisschen, höre die kleinen Meisen zwitschern und genieße die abendliche Frühsommerluft. Pure Erholung. 

In dieser Woche wird stundenlang gebohrt. An einem einzigen Loch. Keine Ahnung, aus was für einem Beton unsere Kellerwände gemacht sind, aber dass der Erbauer sich nach den Erfahrungen des zweiten Weltkrieges einen Bunkerkeller bauen wollte, wie sein Sohn uns erzählte, und dazu noch ein sehr guter Maurer war, hat zu einem extrem festen Ergebnis geführt. Mit dünnen Bohren kommen wir noch einigermaßen durch, aber der dicke Bohrer, den wir für die Größe der Wasserleitung brauchen, schabt in der Mitte der Wände nur noch Staubpartikel ab. Nach zehn Minuten Schlagbohren auf höchster Stufe ist die Bohrmaschine heiß und wir sind im allerbesten Fall einen Zentimeter weitergekommen. Oft nur fünf Millimeter. Es ist superanstrengend. Die Wand ist mehr als 30 cm dick.

Am Ende der Woche haben wir endlich den Durchbruch geschafft und wagen es: Wir trennen einen Teil der alten Wasserleitungen durch und machen sie damit unbrauchbar. Stattdessen leiten wir das Wasser über neue Wege. Das ist schon spannend. Wir stellen das Wasser komplett ab, pressen Übergänge, bauen Sperrhähne ein, legen alte Leitungen still, verknüpfen den neuen Teil übergangsweise mit den letzten Metern des alten - und wissen erst beim Wasseranstellen, ob es klappt oder ob es undichte Stellen gibt - vielleicht sehr viele - oder die neuen Leitungen gar nicht funktionieren. Dann ist es allerdings unmöglich, wieder auf das alte System zurückzugreifen, denn das ist zerstört.

Zu dritt stehen wir im Keller verteilt, Eimer und Handtücher griffbereit, als das Wasser wieder aufgedreht wird und mit Druck in die Leitungen schießt. Es gurgelt und zischt, dann wird es still. Alles bleibt trocken. Hurra! Nur aus den Wasserhähnen kommt vorschriftsmäßig das Wasser. Ach, wie toll! Endlich sind die letzten alten Stahlleitungen stillgelegt, die, wie wir jetzt sehen, schon kritische Stellen haben, die nicht mehr lange gehalten hätten. Wie gut, dass wir jetzt so gezielt und geplant an das Auswechseln gehen können und nicht in einer überstürzten Notaktion!  

Auch mein Fair-Isle-Pullover Nummer Zwei wächst. Er bleibt überraschend, weil ich selber nicht weiß, wie es nach jeder Musterreihe weitergeht. Dieser Pulli soll weit, kurz und mit dreiviertel-Ärmeln sein, viel Blau und irgendwie Blumen haben. Bisher entspricht er meinen Erwartungen. Durch die Shetlandwolle ist er sehr leicht, aber auch warm. Wenn er schön weit und luftig ist, kann er trotzdem ein kleiner Überziehpulli auch im Sommer sein.

Im Vorgarten sind alle Tulpen nach ihrem prachtvollen Erscheinen zu kopflosem Grünzeug geworden. Das ist schade, aber genauso muss es sein. Ich hoffe sehr, dass ich sie im nächsten Frühjahr alle wieder sehe. Stattdessen grünt und wächst der Wein im Vorgarten jetzt sehr schön. Auch prima. 

 

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