Blog 731 - 01.05.2022 - Deko-Zaun und Manfred Maurenbrecher

Gerade beginnen nach mehr als zwei Jahren Coronazeit die Anfragen für Lesungen wieder, da werde ich nach einem Termin für 2023 gefragt. Zuerst denke ich, es sei ein Fehler, aber die Planung der Schule läuft tatsächlich sehr weiträumig. Gut ist, dass ich im Jahr 2023 noch alles frei habe und sofort zusagen kann. Etwas ungünstig ist, dass ich noch gar keinen Kalender für das nächste Jahr habe und jetzt eine improvisierte Terminplanung anlegen muss. Das geht aber - ein Zettel reicht. Außerdem gehe ich meinen Lesungskoffer durch und gucke, ob alles da ist und der Beamer noch funktioniert. Tut er, es kann mit dem Termin in der nächsten Woche losgehen.

Am Montagabend ist unsere Teilnahme an der Gegendemo der Spaziergänger schon fest geplant, da kommt der Sohn so verspätet von seiner Praktikumsstelle zurück, dass die Demo schon halb vorbei ist, als ich ihn am Bahnhof abhole. "Jetzt noch dahin, das ist mir zu viel", meint er und seufzt: "Als sie noch rumliefen, haben sie die nervigen Reden dabei selber hören müssen, aber seitdem sie rumstehen, werden wir auch davon beschallt." Schon wieder ein Montagabend ohne Querdenker und ihre Parallelwelt - auch schön.

Aus dem Teich meiner Eltern guckt mich ein nettes Geschöpf an. Vor dem Küssen taucht es allerdings unter. Vielleicht hat es mein Buch gelesen und weiß, was passieren kann. Nicht jeder Frosch möchte Landschaftsgärtner werden.

Der Mittwochnachmittag wird ein Kreativnachmittag - plane ich und überlege, ob ich Ölmalen oder Schreiben oder Puppen bauen möchte. Beim Ölmalen steht das Kurs-Portrait noch an, aber ich fürchte, dass mir das nach der längeren Malpause zu anstrengend ist. Vielleicht doch lieber Schaumstoff kleben? Aber dann habe ich den ganzen Tag über leichte Kopfschmerzen, die nicht schlimm sind, mich aber nerven und mir wenig Lust auf Sitzen und Kleinteilkonzentrieren machen. Stattdessen gehe ich in den Garten und werde dort kreativ: Ich baue einen Zaun. Einen Dekozaun. Von einem früheren Jägerzaun habe ich noch alte Zaunlatten, und ich habe eine große, unschöne Altholz-Stapel-Stelle, auf die ich von der Terrasse aus gucke. Wenn ich zwischen Terrasse und Holzstapel einen Zaun setze, lenkt der den Blick vom unordentlichen Holz dahinter ab. Die Alternative wäre, den Holzmüll zu entfernen, aber das ist sehr viel Arbeit über Tage mit Motorsäge und Anstrengung und Schleppen. Och, nö.

Mehrere Stunden lang arbeite ich alleine vor mich hin, säge Holzreste, klopfe alte Nägel krumm, schraube Latten fest und ramme mir, als eine Schraube unerwartet zur Seite knickt, den Akkuschrauber fest in den Handballen. Aua, aua, aua! Mir wird kurz übel, aber als ich die drei dick herausquellenden Bluttropfen wegwische, muss ich lachen, denn die Wunde hat genau die Kreuzschlitzform des Bit-Einsatzes. So etwas hatte ich auch noch nie. Am Abend steht der Zaun, sieht malerisch aus, lenkt den Blick vom gestapelten Holz wunderbar ab, macht die Terrasse noch gemütlicher und die Kopfschmerzen sind weg. Stattdessen schmerzt der Handballen, aber egal, ich bin sehr zufrieden.

Am gleichen Abend teste ich mit meinem Co-Tester "Katzi", ob die Terrasse mit dem angrenzenden Zaun wirklich gemütlich für eine Tee-Lese-Entspannungsrunde ist. Ist sie. 

Die Tulpen im Vorgarten verblühen nach und nach, stattdessen treibt jetzt der Wein aus und zeigt schon die ersten, minikleinen Trauben. Nachdem ich im letzten Jahr sechs bis acht Austriebe stehengelassen habe, belasse ich es in diesem bei vier pro Pflanze. Mal sehen, ob das Auswirkungen auf den Ertrag oder die Süße der Trauben hat. Das hängt allerdings auch vom Wetter ab.

Am Ende der Woche fahre ich nach Grevenbroich zu einem Lesungs/Konzert-Abend von Manfred Maurenbrecher. Er singt Lieder von seiner neuen CD und liest aus seinem neuen Buch - "Der Rest ist Mut", über seine Erlebnisse in der Liedermacherszene der Achtziger. Mit seiner rauen Stimme, dem überkräftigen Klavierspiel und den gesungenen Geschichten ist er unverwechselbar. Kraftvoll, laut, zart, leise, berührend. Aber auch auf eine Lesung ganz ohne Lieder würde ich sofort gehen, denn er schreibt, liest und erzählt äußerst feinfühlig und gut.

Am Ende singt er eines meiner Lieblingslieder: "Hafencafé". Das kannte ich Jahre vorher zuerst in der wunderschönen Version von "Queen B.", dem Duo von Edda Schnittgard und Ina Müller. Seitdem höre ich immer, wenn Manfred das "Hafencafé" singt, im Kopf auch Edda und Ina laut mitsingen. Tatsächlich. Es ist verrückt. Aber wunderschön.

Die Weltlage ist schief, Putin hat irrsinnige Machtvorstellungen, die Ukraine kämpft um das Überleben - und ein sehr lieber, aktiver, immer hilfsbereiter Freund der Familie ist ganz unerwartet schwer krank. Es gibt wenig Hoffnung. Wie traurig. Seit zwei Jahren wollen wir einen Kurzurlaub in den Niederlanden am Meer machen und ihn dabei besuchen, aber wegen Corona haben wir es immer verschoben. Nun ist er zu krank, um noch Besuch zu bekommen. Ich unterhalte mich kurz mit ihm am Telefon, was er nur noch mit Mühe und wenigen Wörtern kann, und wir beide wissen, dass wir wohl zum letzten Mal miteinander sprechen. Das tut schon weh. Ach, menno. Im letzten Jahr habe ich ihn kurz nach dem Hochwasser gesehen, als er auf dem Weg in den Urlaub eine Zwischenübernachtung auf dem nahegelegenen Campingplatz machen wollte und ich ihn durch die gesperrten Straßenabschnitte hinlotste. "Im Frühjahr kommen wir bei dir vorbei, da klappt das bestimmt wieder!", verabschiedete ich mich. Ach, Jan.

 

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