Blog 729 - 17.04.2022 - Tulpenmix und Wäsche auf der Leine

Meine Tulpen sind inzwischen ein sehr, sehr bunter Mix aus Farben, Sorten und Größen geworden. Sie leuchten als bunte Farbtupfer bei Sonne und bei Regen und machen gute Laune. Wirklich toll. Inzwischen mache ich mir leichte Sorgen, dass die Zwiebeln in sehr heißen Sommern austrocknen und absterben könnten. Das wird im Vorgarten bei knalliger Sonne schon sehr trocken - was die ebenfalls dort stehenden Weinstöcke mit ihren tiefen Wurzeln gut vertragen. Andererseits habe ich nur etwa drei Quadratmeter im Garten, die bei Sonne nicht sofort austrocknen, und da stehen schon andere Pflanzen. Ich werde es also abwarten müssen.

Die wöchentlichen Montagsspaziergänger im Ort werden von Woche zu Woche weniger. Das hält sie nicht davon ab, weiterhin unter Polizeibegleitung einmal die Hauptstraße hoch und runter zu laufen und dabei einen Stau zu verursachen, weil Autos und Busse nur im Schritttempo hinter ihnen herfahren können. Dass bei der schon wieder laut abgespielten Rede vom Band bei dem Satz: "Wir leben in einem totalitären System!" eine Querdenkerin klatscht, die ich kenne und vorher mal als nette, intelligente Frau eingeschätzt hatte, lässt mich seufzen, zeigt aber auch, dass das Leben der Querdenker in irgendeiner Parallelwelt ablaufen muss. In einer totalitären Parallelwelt, in der ihnen alle Grundrechte entzogen wurden und Menschen mithilfe von Nasenmundschutzmasken ermordet werden. Herrje. Wie mühsam, wenn man denen erstmal Grundlagen, Definitionen und Zusammenhänge erklären müsste, damit sie verstehen, von was sie reden und was sie beklatschen.

"Das erste Mal im Jahr die Wäsche draußen aufhängen. Das Angrillen der Hausfrau." - Ein Satz, der nicht von mir ist, an den ich aber grinsend denke, als ich zum ersten Mal in diesem Jahr die Wäsche wieder draußen aufhänge. Tatsächlich macht mir das Aufhängen der Wäsche draußen wirklich Spaß, während es drinnen Arbeit ist. 

Im Garten gieße ich, topfe um, streiche Holz, steche Unkraut aus dem kleinen, zugewucherten Rasenstück, häcksel Äste und freue mich, dass alles täglich grüner wird. Seltsamerweise verbringe ich viel mehr Zeit werkelnd im Garten, als gemütlich rumsitzend und lesend. Das sollte ich in ein besseres Verhältnis bringen. Als ich mich mal für eine halbe Stunde mit einem Buch hinsetze, ist das ein inzwischen sehr ungewohntes, aber äußerst gutes Gefühl.

Ein Arbeitskollege des Sohnes, mit dem er jeden Tag zu tun hat, fühlt sich nicht gut, geht nach Hause und meldet am Nachmittag seine Corona-Infektion. Ähm ja. Dann erfahre ich, dass eine der acht Kaffeeklatsch-Frauen, mit denen ich am Samstag zusammensaß, ebenfalls aktuell Corona hat. Zwei sehr nahe Corona-Kontakte in nur einer Woche. Daraufhin gibt es am Mittwoch und nochmal am Samstag jeweils Termine im Schnelltestzentrum für Sohn, Gatte und mich, die aber alle negativ sind. Ostern im relativ kleinen Familienkreis kann kommen, das Risiko bleibt.

Die Ukraine kämpft, Putin wird immer brutaler und Deutschland zögert mit klaren Entscheidungen. Waffenlieferungen und Aufrüstung sind natürlich nicht die Lösung für eine friedliche Welt, aber Putin ist mit Vernunft und Diplomatie nicht zu beruhigen. Ich fände es im Übrigen prima, wenn alle, die hier für Putin Autokorsos machen oder ihn auch sonst toll finden und seinen Angriffskrieg bejubeln, sofort und ohne Rückfahrticket nach Russland gebracht werden, um in Zukunft dort zu leben, während im Gegenzug alle Russen, die lieber im Westen leben möchten, sofort ausreisen können.   

Gerade in solchen Zeiten tut es mir gut, ländlich zu wohnen. Wobei ich mir gar nicht vorstellen kann, jemals wieder in einer Stadt zu leben. Das Stadtleben hat Vorteile, die ich sehe, und vermutlich wäre ich da viel öfter im Theater, aber so als Landmaus bin ich eben viel öfter mal im Grünen. Aus der Haustür raus und mittendrin. Für mich fühlt sich das richtig an.

Von der Flut im letzten Juli ist in der Landschaft auf den ersten Blick nicht mehr viel zu sehen. In einigen Zäunen hängt noch trockenes, verfilztes Gras und zeigt, wie erschreckend hoch das Wasser stand, an einigen Mauern ist der Wasserstand an braunen Streifen zu erkennen, aber die Bäume blühen und das Gras wächst in kräftigem Grün. Inzwischen stehen auch überall wieder Schafe, Ziegen, Pferde und Hühner auf den Parzellen und erwecken den Anschein von heiler Welt. Sie wissen nicht, das ihre Vorgänger an dieser Stelle in einem bis zwei Meter tiefem Wasser ertranken. An der Erft und dem kleineren Mühlbach werden die zerstörten und aufgerissenen Bereiche repariert. Das Wasser fließt vorübergehend durch Hilfsröhren, damit die Baufahrzeuge hin und herfahren können. Es wird sorgfältig gearbeitet, aber es wird nicht neu gedacht, sondern nur wiederhergestellt. Auch die hübsche Lagune, die sich einen Bogen ins Land geströmt hatte, ist wieder auf Erftbreite begradigt. Bei der nächsten Flut - die nicht erst in hundert Jahren kommen muss - wird alles wieder genauso weggerissen werden.

Bei allen Sorgen über den gewalttätigen, verbohrten Putin, den Idioten im eigenen Land und der Ungewissheit, ob die nächste, vielleicht viel schlimmere Coronamutante schon Anlauf nimmt, kann ich trotzdem den Frühling genießen und glauben, dass alles gut wird. Sogar die Kreativzellen melden sich leise wieder.

 

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