Blog 728 - 10.04.2022 - Audrey, Zünsler und Möhrenmedizin

In meinem bunten Tulpenfeld entdecke ich eine ... ähm ... Tulpe? Oder doch eher eine fleischfressende Audrey in einem frühen Entwicklungsstadium? Der Gatte kommentiert: "Wenn du in den Garten gehst und nicht mehr reinkommst, dann hat sie dich gefressen." Das zeigt sein gut kombinierendes Denken, aber hätte er nicht auch dringend davon abraten können, in den Garten zu gehen, weil ich dort gefressen werden könnte? Wir sind schon sehr lange verheiratet. Das könnte eine Erklärung für seine Lässigkeit sein.  

Die Ähnlichkeit zu der Blumentopf-Audrey, die ich mal gebaut habe, ist wirklich nicht zu leugnen. Die habe ich allerdings weitgehend im Griff.

Das Tulpenmeer leuchtet bei Sonne und Regen und ist eine große Freude.

Beim Kabarettisten Jürgen Becker, der im Nachbarort auftritt, ist der Saal fast voll. Die wenigen freien Plätze gibt es vermutlich nur, weil die Kartenkäufer wegen Corona noch vorsichtig sind oder weil sie die Veranstaltung, die vor zwei Jahren stattfinden sollte und dreimal verschoben wurde, schlicht vergessen haben. Beim Einlass tragen alle Leute noch eine Maske, was mich bei den momentan hohen Ansteckungszahlen beruhigt. Aber natürlich legen dann doch einige Zuschauer am Platz ihre Maske ab. Ich empfinde das als unangenehm, denn an Abstand ist in diesem vollen, geschlossenen Innenraum nicht zu denken. Sind die Leute, die vor mir ohne Maske sitzen, die reden, lachen und ihre Atemluft ungefiltert in den Raum geben, geimpft, vorsichtig, zuverlässig? Dass die Maskenpflicht an vielen Stellen aufgehoben ist, heißt nicht, dass Corona weg ist. Die Möglichkeit, dass Infizierte im Raum sind, ist nicht mal unwahrscheinlich.

Der Abend mit Jürgen Becker tut trotz dieser Einschränkung gut, ist aber auch bedrückend, denn er hat nicht nur lustige Themen, sondern spricht auch über den Krieg gegen die Ukraine und über die schlechten Aussichten des kaum noch zu stoppenden Klimawandels. Die Fakten so knallhart vorgeführt zu bekommen, ist schon erschreckend. Erschreckend ist ebenfalls, wie auch ich gerne verdränge, wie schnell alles schlechter wird und wie schnell der Punkt da sein wird, an dem wir einen Klimawandel nicht mehr stoppen können. Am Ende des Abends freut sich Jürgen Becker, dass er endlich wieder auftreten kann und das auch noch vor einem vollen Saal. "Hoffentlich ist alles gut gegangen!", sagt er am Schluss, und ich weiß genau, was er meint.

Am Montagabend hole ich den Sohn von der Bahn ab und wir fahren sofort weiter zur Gegendemo gegen die Montagsspaziergänger. Der Sohn hat einen langen, anstrengenden Praktikumstag hinter sich, ist müde und hungrig, und stellt sich jetzt noch bei kaltem Wind auf die Straße, um zu zeigen, dass "das Volk" verschiedene Meinungen hat. "Das muss man für die Demokratie tun", meint er. Respekt! - Momentan habe ich allerdings keine Lust, mich danach noch gedanklich mit dieser nervigen Truppe aus Impfgegnern, Herumfaslern, Falschbehauptern, Putin-Fans und "Keine-Waffen-an-die-Ukraine"-Rufern, die von einem selbstgefällig grinsenden AfD-Mann angeführt werden, zu beschäftigen. Es reicht, wenn ich sie als Gegendemonstrantin erleben muss und danach noch eine Stunde lang über ihre Äußerungen mit den Augen rolle.

Im Garten schießen die frischgrünen Blätter aus den Zweigen, plötzlich öffnen sich überall weiße Blüten und ich bin - wie in jedem Frühjahr - erstaunt, wie schön das aussieht. Auch die Buchsbäume treiben kräftig aus und sehen dicht grün und gesund aus.

Und trotzdem entdecke ich an einem Buchs, der mir durch einige magere Zweige auffällt, schon drei Zünsler. Vermutlich fressen dann auch schon Zünsler in anderen Buchsbäumen. Ab diesem Jahr werde ich alle Pflanzen, die heftig befallen sind, raushacken und wegwerfen, habe ich mir vorgenommen. Es kann sein, dass ich mir das bei großen Exemplaren noch anders überlege, aber der erste Buchs ist jetzt leider dran. Von der Behauptung mancher Leute, dass die Spatzen die Zünsler gerne wegfressen, haben die Spatzen in meinem Garten leider noch nie gehört.

Mein Kaninchen Hanni hasst mich. Zu Recht. Ich muss ihr nämlich zehn Tage lang einmal täglich Medizin einflößen, die vermutlich nicht nach Möhren und Salat schmeckt. Sie wird auch nicht gerne eingefangen. Und nicht gerne festgehalten. Wie schade, dass sie sich seit einiger Zeit endlich am Rücken streicheln ließ und das genießen konnte. Daran ist jetzt nicht mehr zu denken. Wenn ich komme, beobachtet sie mich genau und versucht einen Sicherheitsabstand einzuhalten. 

Sie ist außerdem nicht so süß und zurückhaltend wie sie aussieht, sondern eine ziemlich dominante Dame, die weiß, was sie nicht will. Medizin zum Beispiel. Da kann sie auch plötzliche Angriffe starten und brummend auf mich zurennen. Vor einigen Tagen hätte sie mich fast mit Absicht in den ausgestreckten Finger gebissen, wenn ich nicht zufällig ein Leckerli gehalten hätte, in das sie unerwartet ihre Zähne schlug. Faszinierenderweise lief sie mit dem Leckerli ein Stückchen weg, legte es zu ihren Füßen ab und beobachtete mich ganz konzentriert weiter. Ich finde sie sehr mutig und tapfer.

Wenn ihre Aufmerksamkeit kurz nachlässt, greife ich sie mir trotzdem, denn ich bin schlauer als sie. Dann knurrt sie und zappelt und versucht mit den Hinterfüßen meine Hände und die Medizin wegzutreten, was ihr oft genug gelingt. Es ist überhaupt nicht einfach, ihr 1 ml Flüssigkeit ins Maul zu bringen. Sie ist zwar klein, aber kühn, entschlossen und heldenmutig. Ich vermute, dass sie ukrainische Kaninchen in ihrer Abstammungskette hat.  

Bei meinem Fair-Isle-Pullover Nr.2 wird es eine große einfarbige Strecke geben. Einfarbig zu stricken geht viel schneller als Musterstricken. Aber es ist auch deutlich langweiliger. Es fällt mir richtig schwer, nicht doch schnell noch Reihen mit Mustern einzufügen. "Ich könnte hier doch ..." beginne ich immer wieder und ermahne mich dann: "Wenn du den Pulli in der Mitte nur blau haben möchtest, darfst du da keine Muster stricken!" Dass ich da tatsächlich mit mir diskutieren und mich selber von meiner Meinung überzeugen muss, liegt nur daran, dass ich keine Vorlage oder ein festes Ziel habe, sondern während des Strickens entscheide. Mal sehen, ob die Passe am Oberkörper wieder Muster bekommt oder nur der Halsausschnitt bunt wird. Das muss ich noch mit mir ausdiskutieren. 

Der erste Geburtstagskaffeeklatsch mit acht Frauen, zu dem ich eingeladen bin, ist nach zwei Coronajahren noch etwas ungewohnt, bringt aber Normalität zurück. Einfach so um einen Tisch zu sitzen, Kuchen zu essen und sich zu unterhalten, ist wie aus einer früheren Welt. Aber auch der Gedanke: "Wenn es mal mit den Lebensmitteln nicht so klappt, haben wir immer Mehl, Salz und Wasser, um uns Brot zu backen", ist angesichts der leeren Mehlregale in den Supermärkten nicht mehr stimmig. Beim Kaffeeklatsch höre ich: "Ich hatte zum Glück noch etwas Mehl, darum konnte ich den Kuchen machen." Das sind Gedanken, die wir uns im reichen Europa seit der Kriegszeit nicht machen mussten. Aber es ist trotzdem Pipifax im Vergleich zu dem, was die Ukrainerinnen und Ukrainer mitmachen müssen. Da werden bei uns jetzt eben Mehl und Öl knapp und wir müssen ein wenig umplanen. Viel wichtiger ist, dass Putin mit seinen Großreichsphantasien gestoppt wird und ein starkes Europa in Frieden lebt.

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