Blog 727 - 03.04.2022 - Kartoffeln, Schraubübergänge und Polizistin

Der Frühling ist da und in meinem Tulpenmeer tauchen zunehmend verschiedene Farben und Formen auf. Das wird jetzt tatsächlich zum "bunten Mix". Sehr schön. Mehrfach am Tag gucke ich meine Tulpen an und freue mich so sehr darüber, dass sich das ganze mühsame Eingraben im Herbst schon gelohnt hat.

Die Montagsspazierer in Erftstadt ziehen in dieser Woche nicht über die Straßen, - gerüchteweise haben sich viele von ihnen über das zu lange Laufen beschwert -, sondern stehen auf dem Marktplatz. Wie schade, wo sie doch so ausgesprochen gerne Spazieren gehen! Ist schon blöd, wenn der Kampf für Freiheit und Demokratie so anstrengend wird. Zwei Stunden lang stehen sie herum, vom Band erschallen markige Reden, hin und wieder unterbrochen von Musikstücken, in denen "Volk" und "Freiheit" die Themen sind, und schwenken Fahnen. Das hat akustisch und optisch etwas von Parteitag, aber das lieben sie ja.

Viel ist von den halligen Reden nicht zu verstehen, aber wenn mal einige Sätze durchkommen, sind das meist komplett falsche Behauptungen, bei denen ich denke: "Die können doch nicht so dreist die Unwahrheit sagen!" Doch, können sie. Und machen sie einfach. Als würden sie auf ein weißes Schaf zeigen, das Gras mümmelt, und dabei behaupten, dass dieses blaue Pferd nur Äpfel frisst. Als geradeausdenkender Mensch steht man davor und kann es nicht fassen. Merken die das nicht selber? Witzig wird es auch, zum Beispiel wenn die Rednerstimme reißerisch verkündet: "Wir werden jeden Tag mehr!!", und die Gruppe, die ja zu sehen ist, von Woche zu Woche deutlich kleiner wird. Aber so ist das eben in ihrer Parallelwelt, wo hemmungslos falsch behauptet und dreist gelogen wird. 

Zufällig steht ein Plakat "Reibekuchen aus frischen Kartoffeln" auf dem Marktplatz, das die Gruppe in ihre Reihen integriert. Wegen der Größe der Tafel wirkt das wie die Hauptaussage der Versammlung. Das gefällt mir sehr. Vermutlich ist das auch die einzige Aussage, die komplett stimmt.

Insgesamt ist das Reden-Unterhaltungsprogramm so lahm, dass nicht nur wir Gegendemonstranten gelangweilt sind, sondern auch die Montags-Rumsteher. Sie hören überhaupt nicht zu und quatschen in kleinen Grüppchen. Ziemlich schnell machen sich die ersten von ihnen auch schon wieder davon. Gegen Ende greift einer der Querdenker-Anführer zum Mikrofon und will von den Gegendemonstranten jetzt sofort Nazis gezeigt bekommen, dann behauptet er, dass diejenigen, die den Ukrainern Waffen schicken, für Krieg und gegen Frieden sind, dann flippt eine Querdenkerin plötzlich aus und brüllt eine Gegendemonstrantin unbeherrscht an, und am Schluss der Demo kommt ein Querdenker und beklagt sich, dass er sich durch den Satz auf einem Gegenplakat verletzt fühlt. Das kann man sich alles gar nicht ausdenken. Ach, es wäre eine angenehmere Gesellschaft, wenn sie sich ganz auf die Kartoffeln konzentrieren würden.

Bei den neuen Wasserleitungen wird es spannend. Der Gatte ändert den Plan von "parallel das neue Leitungssystem aufbauen, dann das alte System kappen und das neue an die Wasserzufuhr anschließen" in "ein Stück neue Leitung zwischen Wasserzufuhr und den alten Leitungen einsetzen, um zu sehen, ob das überhaupt klappt". Eine schlaue Idee. Sicherheitshalber fülle ich vorher zwei sehr große Töpfe mit frischem Wasser, damit wir uns in den nächsten Tagen zumindest die Zähne putzen und Tee kochen können, dann stellen wir den Hauptwasserhahn ab und trennen die alte Kupferleitung durch. Nichts läuft mehr.

Der Gatte hat die Planung und Oberaufsicht der Wasserleitungsbauaktion, während ich mit dem Job der Assistentin sehr zufrieden bin. Zusammen messen, stecken, halten, pressen wir und machen aus dem vorher einzügigen alten Stück Wasserleitung ein neues, dreizügiges. Zumindest auf den ersten eineinhalb Metern, danach geht es mit den alten Leitungen weiter. Nach dem Einsetzen sieht alles ganz gut aus, aber sind die neuen Leitungen mit ihren gepressten Fittings auch dicht? Der spannendste Teil kommt, als wir den Hauptwasserhahn langsam wieder aufdrehen. Uah! Es tropft! Allerdings nicht aus dem neuen Leitungssystem, sondern aus den beiden traditionellen Schraubübergängen an der Wasseruhr und im Übergang zum Kupferohr. Der Gatte zieht nochmal nach. Den einen Tropfen pro Woche, der sich jetzt noch rauspresst, nehmen wir hin, denn wir müssen sowieso nochmal an die Verbindungen und wollen jetzt nichts quetschen, was wir dann wieder aufdrehen müssen. Hurra! Das neue Wasserleitungssystem funktioniert und kann weitergebaut werden.

Meine momentanen Tätigkeiten sind mal wieder erstaunlich abwechslungsreich. Wasserleitungen bauen, Tulpen bestaunen, für meine Eltern kochen, im Garten hacken, Sohn zur Bahn fahren, mit dem verschnupften Kaninchen zum Tierarzt fahren, Autoreifen wechseln ..., um nur mal einige zu nennen.

Nach vier Wochen Pause nehme ich mir auch endlich mal wieder meinen Kreativnachmittag. Immer noch ist Krieg in der Ukraine, was mich beschäftigt und belastet, aber inzwischen glaube ich, dass Selenskyi und die Ukrainerinnen und Ukrainer das schaffen und dass Putin verlieren wird. Aber was für ein Kontrast: In der Ukraine wird mit größter Kraftanstrengung um das Überleben und die Freiheit gekämpft, während wir hier friedlich im Frühling sitzen und uns darüber sorgen, dass alles teurer wird und Öl und Mehl knapp werden.

Um mich erneut ans Ölmalen zu begeben, bin ich innerlich noch zu unruhig, aber Schreiben geht. Und so überarbeite, straffe und ergänze ich das kurze Handpuppenstück, das ich vor einiger Zeit grob aufgeschrieben habe. Am Ende ist es rund und probefertig. Wichtig für das Stück sind sehr traditionelle Kasperlepuppen, die ich aber erst noch bauen muss. Ich brauche Kasperle, Großmutter, Polizist und Räuber. Briefträger und Hund habe ich aus dem ursprünglichen Text rausgeworfen, weil die zwar witzig waren, die Handlung aber nur verlängerten. Außerdem mache ich aus dem Polizisten eine Polizistin, was inhaltlich keinen Unterschied macht, aber die Frauenquote sofort deutlich verbessert.

Kreativ geht es abends weiter, denn nachdem der Fair-Isle-Pullover fertig ist, mache ich einen - Fair-Isle-Pullover. Kürzer und kastiger in der Form als der erste, und mit nicht so traditionellen Mustern. Nach jetzigem Plan wird er in der Mitte sogar einfarbig bleiben und nur Musterbereiche an den Bündchen und am Halsausschnitt bekommen. Aber mal sehen. Ich habe erst angefangen und vielleicht entscheide ich mich während des Strickens um.

Die größte Chance, dass warmes, fast schon sommerliches Frühlingswetter zu kalten Frosttemperaturen und Schnee wechselt, ist übrigens, wenn die Sommerreifen gerade drauf sind. Aktuell getestet.

 

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