Blog 726 - 27.03.2022 - Frühling, Widerstand und der Rhein

Mein immer bunteres Tulpenmeer im Vorgarten gefällt mir sehr gut, auch wenn ich mir beim Begriff "Tulpen-Mix" noch mehr Varianten in Form und Höhe vorgestellt hatte. Jetzt wirkt die Anordnung fast geplant und nicht einfach irgendwie eingebuddelt. Aber einige Blüten sind noch nicht aufgegangen und scheinen eine andere Form zu haben. Hach, in jedem Jahr werden es jetzt mehr Tulpen werden - in zwanzig Jahren habe ich vielleicht eine Tulpenfarm im Vorgarten. Oder ich hacke dann fluchend Tulpenzwiebeln aus dem Boden, weil es immer mehr werden und ich sie nicht mehr sehen kann.

Der momentan zuhause lebende Sohn ist ein studierter Spezialist mit tollem Masterabschluss, der gerade die Erfahrung macht, dass fertig studierte Akademiker nicht sofort einen Arbeitsplatz finden. In seiner Branche werden seit Monaten fast nur Leute für leitende Stellen mit einigen Jahren Berufserfahrung gesucht. Als er jetzt unerwartet das Angebot bekommt, in einem ganz anderen Bereich, mit dem er sich bisher nicht beschäftigt hat, ein Praktikum zu machen, sagt er zu. Flexibel bleiben, Neues lernen, wer weiß, wo es hinführt.

Für das Praktikum muss er jeden Tag nach Bonn. Das ist mit den öffentlichen Verkehrsmitteln möglich, dauert im idealen Fall eineinhalb Stunden pro Strecke, im Regelfall sogar zwei Stunden. 16,- Euro kosten die Tickets pro Tag, was für insgesamt vier Stunden Fahrspaß eigentlich nicht zu viel ist. Wenn es eine Achterbahn wäre. Oder eine fröhliche Dampferfahrt über den See. Jetzt bringe ich ihn morgens mit dem Auto zu einer 15 Minuten entfernt liegenden Haltestelle, von der aus er 45 Minuten später am Arbeitsplatz ist. Abends hole ich ihn dort wieder ab. Für ihn bedeutet das neben dem 8-Stunden-Tag nur zwei Stunden Fahrzeit, anstelle von vier, und nur 10 Euro Ticketpreis. Und für mich morgens und abends jeweils eine halbe Stunde Taxidienst mit interessanten Unterhaltungen über die politische Lage in Russland und der Ukraine.

Weil es an seinem ersten Arbeitstag abends zu spät wird, schaffen wir es nicht mehr zur Gegendemo bei den Montagsspaziergängern. Es tut mir richtig gut, mich in dieser Woche mal nicht mit den dreisten Falschaussagen, dem aggressiven Gepfeife und dem heuchlerischen "Ich kämpfe für Freiheit und Demokratie"-Schwachsinn zu befassen. Trotzdem werde ich nach Möglichkeit weiter zu den Gegenveranstaltungen gehen, denn es ist wichtig, deutlich zu zeigen, dass sie nicht "das Volk" vertreten, sondern nur ein unangenehm quengeliges, sehr kleines Grüppchen. 

Der Krieg in der Ukraine besorgt mich immer noch sehr. Und dass es tatsächlich Leute gibt, die meinen, dass man Putin ja verstehen könne, weil er von der Nato in die Enge gedrängt wurde, ebenso. Realistisch gesehen sieht Putin den "Westen" immer schon als Feind und will die Ukraine als russisches Gebiet haben, wofür dessen Regierung vernichtet und die Bevölkerung übernommen werden muss. Die abstrusen Gründe lügt er dreist zusammen, und weil alles nicht so klappt, wie er dachte, lässt er jetzt Städte und Zivilisten brutalst plattbomben. Dass es auch riesige Verluste bei den eigenen Soldaten gibt, dass gut ausgebildete Russen fluchtartig ins Ausland gehen, dass protestierende Russen verhaftet werden, dass die Wirtschaft zusammenbricht und den Menschen in seinem Land Hunger und noch größere Armut drohen, interessiert ihn menschlich nicht, sondern macht ihn nur noch wütender. In seinem Bild von einem mächtigen Russland mit einem starken Herrscher ist ein Aufgeben nicht möglich. Da wird draufgeschlagen und totgeschossen, bis Ruhe ist.

Ich hoffe sehr, dass Putin sehr bald unrühmliche Geschichte ist und nach ihm wieder ein Frieden aufgebaut werden kann. Mit ihm wird das nicht möglich sein. Die Auswirkungen seines Diktatoren-Größenwahns wird man weltweit noch jahrelang wirtschaftlich spüren müssen. Was für eine sorgenvolle Zeit - und was für ein irrsinniger Idiot! Aber was für starke und mutige Ukrainerinnen und Ukrainer! Wenn ich mal angegriffen werde, will ich Ukrainerinnen und Ukrainer an meiner Seite haben!

Für meine Eltern und gleich auch für mich mache ich einen Termin im Testzentrum aus, um den aktuellen Coronastand zu erfahren. Wir sind alle drei negativ, was bedeutet, dass nicht nur meine Mutter nach ihrer - völlig symptomlosen - Coronainfektion wieder als gesund gilt, sondern auch, dass mein Vater und ich nicht angesteckt wurden. Während meine Eltern das sofort anschließend mit einem Kaffee im Seniorencafé feiern - mit anderen Senioren, die alle Kaffee trinken, dabei keinen Mundschutz tragen und fröhlich miteinander quatschen - , spaziere ich zum nahegelegenen Rheinufer. Eine Stunde Ferien für mich.

Am Rhein ist es sonnig und wunderbar ruhig. Ich bin in dieser Stadt am Rhein aufgewachsen, aber ich habe den Rhein früher nicht so zu schätzen gewusst, wie ich es heute machen würde. So ein großer, ruhiger Strom ist schon schön. Ich laufe langsam die Promenade entlang, die Wellen plätschern leise, hin und wieder tuckert ein langgestrecktes Frachtschiff mit sanftem Brummen vorbei, und drei Enten fliegen mit synchronem Flügelschlag eine große Kurve und landen dann - immer noch perfekt synchron - auf dem Wasser. 

Die kleine Rheinfähre, die regelmäßig zur anderen Seite fährt, wird in den Wartezeiten geputzt und geschrubbt und strahlt unter dem blauen Himmel.

Gleich daneben liegt ein großes Flusskreuzfahrtschiff, das mit frischer Farbe ausgebessert wird. Ich sehe den Namen und lächle. Emily Bronte. Vermutlich würde sie sich wundern, wenn sie ihren Namen so dick auf einem großen Schiff entdecken würde. In Yorkshire habe ich mal das Pfarrhaus in Haworth besucht, in dem die Bronte-Geschwister den Großteil ihrer kurzen Leben verbrachten und in dem sie ihre zum Teil aufsehenerregenden Romane schrieben. Das war sehr berührend, und ich erinnere mich immer noch gut an die Atmosphäre.

Zuhause werkel ich im Garten, wo gerade viel zu tun ist. Stauden zurückschneiden, Efeu entfernen, wild ausgesäte Zitronenmelisse raushacken und den Kaninchen geben. Erst wird es wild und chaotisch, aber wenn ich an einer Ecke durch bin, sieht es dort einigermaßen übersichtlich aus. Der Sommer kann kommen! Wenn demnächst wieder mehr mit den neuen Wasserleitungen und dann der Küche zu tun ist, werde ich wohl nicht immer in den Garten kommen. Dabei ist das im April und Mai besonders wichtig. Und besonders schön.

Auch die Katze ist gerade oft im Garten, aber ihre selbstgewählte Aufgabe ist es, schläfrig zu tun, aber alles, was ich mache, genauestens zu registrieren. Das kann sie sehr gut. Es scheint anstrengend zu sein, denn abends schläft sie auf der Fensterbank erschöpft ein.

 

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