Blog 725 - 20.03.2021 - Nette Nutrias, bunte Tulpen und die Ukraine

Es fällt mir zunehmend schwerer, mich zur Gegendemo aufzuraffen, wenn die Montagsspaziergänger unterwegs sind. Ich empfinde diese Protestierer als so lästig, so dumm und so unwichtig. Es gibt woanders Menschen, die tatsächlich für Freiheit und Frieden kämpfen, und meine Zeit geht drauf, weil hier Idioten mit Trömmelchen spazieren. Aber das Trömmelchen macht es dann aus. Wie unangenehm ich es finde, dass eine Gruppe von Leuten mitten auf der Straße läuft, Sprüche skandiert, mit schrillen Trillerpfeifen Lärm macht und dazu auch noch ein Marschtrömmelchen schlägt, kann ich gar nicht sagen. Wenn es ihnen tatsächlich um Liebe ginge, müssten sie nicht mit militärischem Getrommel rumziehen. Und dass sie "Meinungsfreiheit und Demokratie!" verlangen, während sie laut ihre Meinung sagen, weil sie das eben dürfen und keine Konsequenzen zu befürchten haben, - und dazu noch den Weg von der staatlichen Polizei freigeräumt bekommen - ist schon nah an der Satire.

Dass die Spaziergänger sich ärgern, weil am Straßenrand Gegendemonstranten stehen, ist zu merken. Schon alleine dafür lohnt es sich, hinzugehen. Einer der Spaziergänger brüllt in unserer Richtung: "Die Würde des Menschen ist unantastbar!" Er wedelt mit einem Buch. "Ich hab' das Grundgesetz dabei, ihr könnt nachher kommen und es nachlesen!" Wir gucken ihn nur an und reagieren gar nicht, was ihn ebenfalls nervt. Kaum sind die Spaziergänger vorbei, grinst der Sohn: "Ja klar, ist die Würde unantastbar, aber um Würde geht es doch jetzt gar nicht. Die wissen eben einfach nicht, von was sie reden." Ich stelle schulterzuckend fest: "Die einzigen, die ihnen die Würde nehmen, sind sie selber". Wir werden keine Freunde mehr, die Montagsspaziergänger und ich. Eine Feststellung, die mich eher erfreut als bedrückt. Möchte ich Leute, die so denken, in meinem privaten Freundeskreis haben? Nö.

Nur wenige Schritte von den Spaziergängern entfernt, gibt es nette, sympathische Wesen: Nutrias, die dort im Wassergraben leben. Inzwischen gibt es so viele, dass sie schon wieder als Schädlinge gelten, aber ich sag mal so: Wenn ich wählen müsste zwischen Coronaleugnern, Maskenverweigerern, Putinverstehern - und Nutrias - gerne Nutrias.

In der nächsten Woche sollen viele Corona-Schutzmaßnahmen fallen, auch wenn die Ansteckungszahlen gerade extrem hochgehen. Da haben die gewollt Ungeimpften, die gerne ohne Maske sein möchten, ja erreicht, was sie wollten: Ungehinderten Zugang zu Corona. Aber wer sich bis jetzt nicht impfen lassen wollte, möchte das so haben und muss kein großes Mitleid erwarten, wenn es dann doch mal schlimm ausgeht und keine "Grippe" ist. Und ja, auch Geimpfte können Corona bekommen, aber prozentual sind es doch deutlich mehr Ungeimpfte, vor allem in den jüngeren Jahrgängen, die damit plötzlich auf der Intensivstation landen. 

Auch bei meiner Mutter wird ganz zufällig bei einem Test festgestellt, dass sie Corona hat. Sie ist doppelt geimpft und geboostert und hat keinerlei Symptome. Zwei Tage vorher war ich noch einen Vormittag lang mit ihr zusammen und kann mich angesteckt haben. Gleich am nächsten Tag lasse ich mich testen und bekomme ein negatives Ergebnis. Was allerdings gar nicht so viel heißt, denn die Omikron-Variante wird von den Schnelltests häufig nicht erkannt. Vielleicht hatte ich aber auch schon in den letzten Wochen Corona, als ich mich zwischendurch so müde fühlte. Doppelt geimpft und geboostert kann mein Immunsystem das vielleicht alleine wegstecken und sagt mir gar nicht Bescheid. Ein Problem macht die Coronainfektion aber bei meinen Eltern: Ihnen ist schwer klarzumachen, dass sie in Quarantäne sind, denn sie fühlen sich wie immer und würden gerne "schnell mal einkaufen gehen" oder Freunde treffen. Stattdessen müssen sie alle Termine absagen und alleine zuhause sitzen.  

In meinem Vorgarten erscheint immer deutlicher der Beginn meines Tulpenmeeres. Das große Meer hat noch deutliche Lücken, denn beim Setzen der Zwiebeln habe ich Abstände gelassen, weil die Zwiebeln sich in den nächsten Jahren noch vermehren werden. Ich bin schon sehr gespannt, wie das bunt gemischte Blütenfeld bald aussehen wird. Bisher gibt es nur gelbe und lilafarbige Blüten, aber die sind vielleicht besonders früh.

Mir fällt eine Geschichte meiner Eltern ein, die mal auf einem Tulpenmarkt in Holland waren und an einem Stand Tulpenzwiebeln kauften. Es gab eine eine große Farb- und Sortenwahl, und an den vielen Kästen mit Zwiebeln waren unterschiedliche Bilder angebracht. Gut, dass es die Bilder gab, denn die Zwiebeln sahen alle gleich aus. Sorgfältig wählte meine Mutter verschiedene Tulpenfarben aus, zeigte jeweils auf den bebilderten Kasten und der Händler packte ihr die Zwiebeln ein. Einmal verzählte er sich, hatte eine Zwiebel zu viel gegriffen, und meine Mutter wunderte sich, dass er sie einfach über die Schulter nach hinten in die Kästen zurückwarf. "Da hat im nächsten Jahr bestimmt jemand eine Tulpe mit falscher Farbe dabei", dachte sie noch. Als im nächsten Frühjahr ihre nach Sorten und Farbkonzept in Gruppen gepflanzten Tulpen blühten, waren sie alle rot.

Der schreckliche Krieg in der Ukraine beschäftigt mich ständig. Die Ukrainer wehren sich entschlossen gegen ihre "Befreiung" und die Übernahme durch Putin. Der gerade im Haus wohnende Sohn ist Politikwissenschaftler, was den großen Vorteil hat, dass er nicht nur alle möglichen Details zur geschichtlichen Entwicklung und zu den Hintergründen erzählen kann, sondern auch in in- und ausländischen Quellen liest und uns so zeitnah über alle möglichen Vorgänge informiert. Zufällig machte er 2014, als Russland die Krim annektierte, gerade ein mehrwöchiges Praktikum im Bundestag, und bekam viel von der ausbrechenden Spannung und den Besprechungen zum Krisenfall mit. Seitdem hat er verfolgt, wie die deutsche Regierung sich immer abhängiger von Putins Öl, Gas und Launen machte und die Warnungen vieler Politikwissenschaftler einfach ignorierte. Mal kurz angefügt: Wenn schon ICH seit Jahren sage, dass man einem Typen wie Putin nicht vertrauen kann und seine Drohungen und Handlungen zeigen, wie gefährlich und rücksichtslos er ist, - wieso sehen das die verantwortlichen Politiker nicht?

Seit drei Wochen lässt Putin die Ukraine bombardieren, nimmt keine Rücksicht auf Wohngebiete und Zivilisten und wird immer brutaler. Ein Mensch wie Putin gibt keine Niederlage zu und wird sich nie freiwillig zurückziehen. Aber ich glaube inzwischen, dass er sich und seine Armee völlig überschätzt hat und demnächst - leider nach vielen, vielen weiteren Toten - alles zusammenbricht. Er fährt gerade sich, seinen Status und sein Land komplett an die Wand. An der Ukraine wird er sich verschlucken und daran ersticken. Eine Chance für einen Neuanfang mit Russland.

Aus der Sahara kommt roter Staub und färbt den Abendhimmel intensiv. Superschön. Er ist außerdem Dünger für den Garten und Schmutzschicht für die Autos, so dass für jeden etwas dabei ist.

Sehr abenteuerlich suchen wir neue Wege für die neuen Wasserleitungen. Zum Beispiel aus dem Badezimmer im Erdgeschoss quer durch die Wand nach unten ins Musikzimmer, wo der Bohrer knapp über einer Wandlampe herauskommt. Planmäßig übrigens. Insgesamt vier Löcher müssen wir dort nebeneinandersetzen, was auch bedeutet, dass wir oben vier fette Löcher in unsere Badezimmerkacheln bohren müssen. Aber es geht Schritt für Schritt weiter.

Bei meinem Fair-Isle-Pullover kann ich die letzten Fäden vernähen. Ich bin tatsächlich fertig. Unten habe ich ihn um einige Zentimeter verlängert, weil er mir doch einen Ticken zu kurz vorkam. Dass die beiden Ärmel völlig verschiedenen Muster haben, gefällt mit gut und war beim Stricken viel abwechslungsreicher, als die Muster vom ersten Ärmel nochmal nachzustricken.

Die Ärmel waren von mir als Dreiviertel-Ärmel geplant, sind nach dem Annähen aber etwas länger als gedacht. Eher so Siebenachtel-Ärmel. Damit sehen sie knapp zu kurz aus, aber wenn ich das Bündchen umklappe, ist es genau richtig. Ich finde, für meinen ersten Fair-Isle-Pulli ist er gut gelungen. Außerdem hat er Spaß gemacht. Jetzt kommt er sofort in den Schrank, denn für den Sommer ist er mit seiner 100% Bio Shetland-Wolle viel zu warm. 

Wie seltsam, dass ich mir Gedanken über Tulpen und einen Pullover machen kann und Löcher in Badezimmerkacheln bohre, während in der Ukraine ganz normale Leute sorgenvoll in den Kellern sitzen und von Putins Truppen brutal bombardiert werden. Aber der kratzt schon die letzten Aufgebote zusammen und wird es nicht schaffen. Der Zusammenbruch naht. Fight, Ukraine, fight!

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