Blog 724 - 13.03.2022 - Blödheit, Idioten und Statistiken

Am Sonntag findet nach langer Zeit wieder ein Krimidinner statt. Wir befinden uns Ende der 20er-Jahre und ich bin ein bekannter, erfolgreicher Regisseur in der beginnenden Tonfilmzeit. Am Tisch sitzt auch ein "Russe", der die Zarenzeit und den Umsturz durch die Bolschewiken miterlebt hat. Das, was bis vor zwei Wochen noch weit entfernte "Geschichte" war, hat plötzlich aktuellen Bezug zu Aufruhr, Krieg und Umsturz in Russland und der Ukraine.

Es ist schön, mal wieder in eine andere Welt abzutauchen. Einerseits fühlt sich das gemeinsame Krimidinner wie "früher" an, andererseits fühle ich mich etwas unwohl, denn die Coronazahlen steigen überall wieder an und es kann sein, dass wir nicht nur den Mörder, sondern auch Corona bekommen. Weil ein großer Teil der Bevölkerung genug von Corona hat und keine Geduld mehr zeigt, wird die Politik aber jetzt sowieso in einer Woche fast alles wieder öffnen und freigeben. Spätestens dann wird wohl eine nächste Coronawelle durchziehen. Und wetten, dass es dann verwunderte Fragen gibt, wie das passieren konnte?

Die Montagsspaziergänger, die am Montagabend durch Erftstadt marschieren, halten Corona weitgehend für harmlos. Übertrieben lächelnd geben sie vor, dass es ihnen um Freiheit und Liebe geht, was sie aber nicht daran hindert, zynisch und böse ein fröhliches "Moskau" von der Gruppe "Dschingis Khan" vom Band zu spielen und dazu "Friede, Freiheit, Selbstbestimmung!" zu skandieren. Als ob jemand in Moskau frei seine Meinung sagen könnte, wenn die nicht auf Putins Linie liegt! Was für ein widerwärtiges, respektloses Verhalten gegenüber den Ukrainer:innen und den regimekritischen Russ:innen, die gerade mutig und zum Teil unter Einsatz ihres Lebens ganz echt für Demokratie und Freiheit kämpfen! Putin, Trump, AfD, Querdenker und ein großer Teil der Montagsspaziergänger sind sich gar nicht unähnlich mit ihren dreisten Lügen, ihrer fehlenden Moral und dem verloren gegangenen Anstand.

Das Dümmste, was ich nach der Demo lese, stammt von einer Montagsspaziergängerin, die sich zu nachweislich mitlaufenden Rechtsradikalen äußert: "Sollte es tatsächlich Nazis geben, dann ist es uns gelungen, dass ein Nazi für Frieden und Liebe auf die Straße geht." Es ist noch niemals ein Nazi für Friede und Liebe auf die Straße gegangen! Es gibt nur Leute, die das nicht kapieren. Bei so viel Blödheit und Realitätsferne kann man nicht mal mehr diskutieren.

Das Zweitdümmste sind die Kommentare zu Corona-Statistiken, die nicht richtig gelesen werden. Besonders wenn es um Prozentzahlen, Impfungen und Krankenhausbelegungen geht, versagen die mathematischen Grundkenntnisse. Die Behauptung, dass es mehr Geimpfte als Ungeimpfte in Krankenhäusern gibt, zeigt nur, dass es an Wissen und an der Fähigkeit zum Lesen von Statistiken fehlt. In einer seriösen Statistik würde auch ganz deutlich zu sehen sein, dass Rothaarige nur selten bis nie wegen Corona im Krankenhaus behandelt werden müssen. Aber natürlich nur, weil es so wenig Rothaarige gibt. Prozentual werden sie genauso häufig Corona bekommen wie Braunhaarige oder Haarlose. Man muss eben alle Zahlen sehen, um eine Statisktik lesen zu können, nicht nur eine.

Im Garten leuchten die Forsythien und der Himmel in Ukrainefarben. STAND WITH UKRAINE!  STOP THE WAR!  STOP PUTIN!

Ich bin immer noch entsetzt, dass ein krimineller, gesetzloser und brutaler Diktator mit erkennbaren Lügen einfach ein Land überfällt und die Welt nur sehr vorsichtig darauf reagiert, damit er nicht noch mehr ausflippt. Dabei hat Putin schon verloren. Es ist unwahrscheinlich, dass er die Ukraine komplett besetzen kann, und alles, was er besetzt, wird er nicht halten können. Als starrsinniger Macho und realitätsferner Despot hat er aber keinen Rückwärtsgang. Dass Öl, Benzin und Gas für uns teurer werden, ist kein Vergleich zu den vielen Menschen, die sterben und zu dem, was passiert, wenn er plötzlich behauptet, dass die Nato ihn angreift und er darum auch EU-Länder attackiert. Dann haben wir ganz andere Probleme als teures Benzin an der Tankstelle. Dass es im 21. Jahrhundert plötzlich so einen altmodischen, sinnlosen und brutalen Krieg von Russland ausgehend gibt - unfassbar!

Vor zwei Wochen, als Putin gerade loslegte, habe ich im Fernsehen einen Bericht aus Mariupol gesehen. In einer ganz normalen Innenstadt waren normale Leute unterwegs - es hätte Köln oder Hamburg sein können. Eine junge, hübsche Frau, modisch gekleidet, mit Handy in der Hand, die wie eine Influencerin aussah, sagte in die Kamera, dass sie davon ausgehe, dass es keine Kämpfe in Mariupol geben werde. Das sei zum Glück weit weg von Kiew. Es war in diesem Moment ganz unvorstellbar, dass in dieser Umgebung überhaupt ein Schuss fallen könnte. Jetzt, zwei Wochen später, wird die Stadt weiterhin schwer zerbombt, viele Zivilisten sind schon gestorben, es gibt kein Wasser und keinen Strom, und die Menschen kommen nicht raus. Putin lässt weiterhin auch Wohnviertel bombardieren. Sitzt die junge Frau jetzt frierend und verängstigt in einem Keller? Die, die vor zwei Wochen noch ein europäisch-normales Leben mit Shoppen, Instagram und Spaß geführt hat?

Schon wieder lasse ich meinen Kreativnachmittag ausfallen, weil mir angesichts des Krieges nicht danach ist. Die innere Ruhe fehlt. Anstatt kulturell zu schaffen, lade ich im Garten gestapelten Müll ins Auto und fahre Bretterreste, Volierenteile, Laminatreste und alte Dachabdeckungen zur Müllkippe. Ballast abwerfen, Freiräume bekommen.

Im Keller biegen, pressen und verlegen wir die ersten oberirdischen Wasserleitungen, was gut klappt. Noch sind sie leer, denn wir bauen erst das komplette System neu - parallel zum funktionierenden alten -, ehe wir überhaupt einen Übergang zur Hauptwasserleitung machen. Es wird alles noch etwas dauern, denn wir gehen nur zwischendurch dran, wenn gerade mal Zeit ist, aber wir haben glücklicherweise keinen Termin, an dem wir fertig sein müssen. Der nächste Schritt sind zwei Löcher, die in die Badezimmerkacheln gebohrt werden, und die schräg darunter im Kellerraum rauskommen sollen, idealerweise zwischen den dort verlaufenden Heizungs- und Wasserleitungen. Es sind staubige Zeiten.

Hin und wieder machen wir einen Spaziergang durch die Felder. Wie friedlich dort alles ist. Das ist auch wichtig: Putin, Montagsspaziergänger, Coronaleugner und Krakeeler einfach mal ausblenden und den Frieden und die Natur bewusst genießen. Im Mai werde ich nach langer, coronabedingter Pause wieder eine Lesung an einer Schule haben. Ich freue mich sehr darauf. Manchmal habe ich das Gefühl, dass es Parallelwelten gibt, die nichts miteinander zu tun haben. In meiner Welt leben jedenfalls die netteren Leute. 

 

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