Blog 722 - 27.02.2022 - Löcher, Rosenkohl und die Freiheit

Am Montag wache ich auf, fühle mich müde und schlapp und komme gar nicht richtig in Gang. Normalerweise stehe ich auf und bin für Morgenmuffel vermutlich fürchterlich lebendig und ätzend gut gelaunt. Bin ich krank? Corona?? Doch dann fällt mir ein, dass es seit fünf Nächten mehr, weniger oder ganz stark stürmt und ich deutlich zu wenig schlafe. Das - zusammen mit der Anspannung, wenn die Windböen die Dachpfannen klappern lassen - strengt an.

Weil auch am Abend noch Sturmböen auftreten können, wird die Gegendemo zu den "Spaziergängern" abgesagt. Gut, denn ich wäre sowieso nicht hingegangen. Ich fühle mich zu müde und gehe nicht wegen der Montagsspaziergänger das Risiko ein, dass mir abbrechenden Äste auf den Kopf fallen. Sie sind zwar nervig, aber nicht wichtig - die Montagsspaziergänger.

Im Vorgarten strecken schon viele Tulpen ihre grünen Blätter aus der Erde. Einerseits entzückt mich das sehr, andererseits überlege ich schon, ob das wirklich so klug ist, sie zwischen den Weinstöcken zu haben. Bisher konnte ich dort schnell mal mit der Hacke durchgehen, um das Unkraut wegzubekommen. Ab jetzt werde ich das viel vorsichtiger machen müssen, um die Zwiebeln nicht zu beschädigen. Na ja, an anderer Stelle hätte ich ja keinen Platz für so viele Tulpen gehabt, von daher ist es wohl schon richtig.

Im Haus machen wir die Probebohrungen für die neuen Wasserleitungen. Das Haus ist verwinkelt gebaut und hat Zwischenräume, die mal nur von oben, mal von der Treppenmitte, mal nur vom Keller aus erreicht werden können. Es ist kompliziert und verwirrend. Und es ist nicht sicher, ob wir an den gewünschten Stellen ein Loch bohren können oder ob Stahlträger oder doppelt dicke Betonteile dazwischenliegen. In die schönen, kleinen Fliesen des Gäste-WCs, die ich erst vor zwei Jahren verlegt habe, bohren wir ein Loch, schaffen es durch die darunterliegende Betondecke und kommen in einem Regalfach im Mittelteil der Kellertreppe raus. Das ist schon mal sehr gut.

Von dort bohren wir mühsam weiter nach unten, durch eine zweite Betondecke und kommen tatsächlich in einer auf der anderen Seite liegenden Nische in einem Kellerraum raus. Ich sage ja, es ist kompliziert. Aber es klappt! Damit kann Plan A mit dem Verlauf der Wasserleitung Nr.1 vom Keller bis zum Gäste-WC weiter verfolgt werden.

Wenn ich zu meinen Eltern fahre, komme ich an dem Schild eines Pflegedienstes vorbei, dem vor einigen Monaten ein Stück Beschriftung rausgefallen ist. Warum es nicht ersetzt wird, weiß ich nicht, aber meine herumspringenden Hirnzellen machen beim Blick auf die noch vorhandenen Buchstaben immer "Pflegedienst Rosenkohl" daraus. Was im Übrigen ein sehr guter Name wäre. "Pflegedienst Rosenkohl" - da sieht man sofort die Senioren vor sich, das gutbürgerliche Essen, Gemütlichkeit, einen Sessel und eine tickende Uhr. Also zumindest ich.

Am Mittwoch lasse ich meinen Kreativnachmittag ausfallen. Ich bin zwar insgesamt fitter, aber immer noch zu müde von den Sturmnächten. Außerdem sitzt die Katze am Morgen nicht wie üblich vor der Tür, was mich unruhig macht. Manchmal kommt sie etwas verspätet, weil sie irgendwelche katzenwichtigen Termine hat, aber hin und wieder ist etwas passiert. Einmal fand ich sie im Winter nach Stunden unter einem Busch im Vorgarten, wo sie sich krank zusammengerollt hatte und schon mit ersten Schneeflocken bedeckt war. Einmal kam sie erst am Nachmittag, einmal am nächsten Morgen mühsam humpelnd zurück. Das Leben einer Freigängerkatze ist voller Gefahren. Autos, Hunde, Katzen, hohe Bäume und Maschendrahtzäune. Ich laufe jede halbe Stunde an die Tür, um zu gucken, ob sie davor sitzt, aber ihr Platz bleibt leer.

Zum Glück ist der Tag sonnig und warm, so dass sie, falls sie verletzt ist, nicht in Regen und Frost liegt. Die Vögel zwitschern, ringsherum gibt es überraschend viele hellgrüne Blättchen und Knospen - der Frühling ist mit dem ersten Fuß schon da. Mit beiden Füßen hängt ein Buntspecht im Meisenknödelhalter und snackt ausgiebig. 

Am Nachmittag entdecke ich die Katze zusammengerollt im Garten unter ihrem Busch. Ich setze mich neben sie und sie steht langsam auf, klettert vorsichtig auf meinen Schoß und lässt sich streicheln. Plötzlich faucht sie. Oh, da bin ich wohl an eine Stelle gekommen, die ihr weh tut. Mühsam klettert sie von meinem Schoß und humpelt - unterstützt durch gutes Zureden - langsam ins Haus. Dort schleppt sie sich die Treppe in den ersten Stock hoch, schafft es mit einem Sprung aufs Bett, rollt sich ein und schläft erschöpft. Eine offene Wunde ist nicht zu sehen, das sieht wieder nach einer heftigen Verstauchung aus. Wir versorgen sie mit Futter und Wasser und lassen sie schlafen. Wie gut, die Katze ist da!

Nachdem die ersten beiden Probebohrungen gut geklappt haben, müssen jetzt zwei Löcher vom Keller bis in die darüberliegende Küche gebohrt werden. Idealerweise kommen wir unter der Küchenspüle, nah an der Wand raus. Noch muss die Spüle für die nächsten Wochen oder Monate in Betrieb sein, so dass ich sie nicht abbauen kann, aber ich greife zur Stichsäge und säge in den Schrankboden ein Loch, durch das ich sehen kann, wo die Bohrer aus dem Keller ankommen. Bei sowas bin ich schmerzfrei. Es brummt, es staubt, es klappt und - tadaa! - die Löcher sind gut positioniert. Auch das nächste Loch durch eine Kellerwand klappt.

Die Freude über gebohrte Löcher ist damit zu erklären, dass der Erbauer des Hauses ein erfahrener Maurer war und den Keller - nach seinen Erfahrungen im Krieg - stabil wie einen Bunker haben wollte. Die Wände sind zum Teil sehr dick, aus bestem Beton gegossen und in ihnen befinden sich dicke Natursteine, an denen auch Profibohrer scheitern können. Kleine Sprengungen wegen einer Wasserleitung kommen mir riskant vor. Falls wir also irgendwo nicht durchkommen, müssen wir Umwege planen.

Nach zwei Tagen, die die Katze weitgehend liegend, schlafend und oft leise schnarchend auf dem Bett verbringt und dabei umsorgt wird, steht sie vorsichtig wieder auf. Sie humpelt noch etwas und schont ihre Vorderpfote, wirkt ansonsten aber fit. Natürlich will sie wieder raus, was ich noch ungerne mache, aber ich weiß, dass sie ihr Revier mal wieder abgehen muss. "Sei vorsichtig und pass gut auf!", ermahne ich sie, auch wenn ich weiß, dass sie nur so etwas wie: "Prm prm prrm" versteht. So wie sie mir im Alltag oft deutlich: "Mau!" sagt und ich rate: "Hunger? Spielen? Tür auf?"  

Und dann greift ein machtbesessener und größenwahnsinniger Putin die Ukraine an. Einfach so, mit großer Brutalität - und alle stehen herum und wissen nicht, wie sie ihn stoppen können. Ein militärisches Eingreifen könnte bedeuten, dass Putin sofort auch andere europäische Länder angreift und völlig die Kontrolle verliert. Ein Diktator, der mit dem Rücken zur Wand steht, ist unberechenbar. Die Wirtschaft in seinem Land läuft nicht, es gibt Proteste, die er niederschlagen lässt, er fühlt sich von anderen Staaten nicht so anerkannt, wie er es möchte, und aus Angst, dass ihm jemand ans Leben gehen will, isoliert er sich zunehmend. Er will jetzt die Ukraine haben und weiß, dass die anderen Länder mit Taten zögern. Zögern müssen. 

Die Vorgänge in der Ukraine bedrücken mich sehr. Viele Menschen dort leben genau wie wir hier und sind plötzlich in einem Krieg. Denn natürlich wehren die Ukrainer sich, auch wenn sie ganz alleine gegen eine Armee stehen, die von allen Seiten kommt. Ich habe selber zwei Söhne und denke an die vielen jungen Männer in der Ukraine, die dort bis gestern studiert, gearbeitet, vor dem Computer gesessen, gezockt und gelacht haben, und die jetzt brutal und real um ihr Leben kämpfen müssen. In der Ukraine wird geschossen und gebombt, das Land mit einem demokratisch gewählten Präsidenten wird von Putin angegriffen und überfallen. Wenn wir das geschehen lassen, wird Putin danach vermutlich Litauen, Lettland und Estland und dann Polen auf der Liste haben. Spätestens dann sind wir alle im Krieg.

Die Ukrainer kämpfen unnachgiebig für ihre Freiheit, und endlich starten in anderen Ländern die ersten Sanktionen gegen Russland und Unterstützungen für die Ukraine. Nach vielem Herumeiern beginnt auch Deutschland damit. Ein Foto von einigen ukrainischen Männern, die als Zivilisten mit Waffen in den Händen stehen und so sehr nach Büro, Kanzlei und normaler Arbeit aussehen, aber überhaupt nicht militärisch, berührt mich sehr. Sie verteidigen ihr Land, ihre Freiheit und ihr Leben. Vor wenigen Tagen haben sie noch ganz normal einen friedlichen Alltag gehabt. 

Dass zeitgleich in Köln heftig Karneval gefeiert wird, dass singend, schunkelnd und Bier trinkend Party gemacht wird, ist für mich unfassbar. Da muss mir auch niemand erzählen, dass dabei an die Ukraine gedacht wird, dass "man jetzt erst recht lachen sollte" und dass "Tod und Frohsinn nah beieinander liegen". Ich wäre viel zu bedrückt, um jetzt in Karnevalsatmosphäre feiern zu können. Es scheint aber genügend Leute zu geben, die damit überhaupt kein Problem haben.

Meine Tulpen trotzen einem Hagelschauer und ich hoffe, dass die Ukrainer es gegen Putin schaffen. Go, Ukraine, go!!

 

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