Blog 721 - 20.02.2022 - Serien, Hörschäden und Anfänger-Werbeplakat

Während des Mittagessens gucken wir seit einigen Monaten einen Film oder die Folge einer Serie. Meistens in zwei oder mehr Teilen, weil die Filme und Serien deutlich länger als unsere Mittagspausen sind, aber im Lauf der Zeit können wir ganz schön viel ansehen, von dem wir vorher keine Ahnung hatten. Diesmal gucken wir von Nina Paley den wundervollen, originellen, eigenwilligen, witzigen Animationsfilm "Sita sings the Blues" von 2008 über die indische Erzählung von Rama und Sita.

Weil er uns so gut gefällt, am nächsten Mittag auch noch den zehn Jahre später erschienenen "Seder-Masochism", einen wundervollen, originellen, eigenwilligen, witzigen und bösen Animationsfilm über die Exodus-Geschichte und die bewusste Zerstörung der Göttinnenkulte. Beide mit viel alter Blues- und Jazzmusik und beide ein großes Vergnügen für Augen, Ohren, Geist und Humor. Große Klasse!

Die Montagsspaziergänger sind auch in dieser Woche wieder unterwegs. Trömmelchen und Erleuchtungsketten sind out, dafür haben fast alle Trillerpfeifen dabei, die sie lautstark benutzen. Mitten in diesem hochfrequenten, ohrenbetäubenden Krach sind natürlich wieder ein paar kleinere Kinder dabei und sogar ein Hund. Wer "Liebe!" ruft und Kinder und Hunde mehr als eine Stunde lang so einem schrillen Lärm aussetzt, hat sie nicht alle. Der Sohn steht neben mir, hat sich seine Kapuze über die Ohren gezogen und kommentiert sarkastisch: "Sie sind nicht nur gegen das Impfen, sondern auch gegen gutes Hören im Alter." 

Manche Spaziergänger sehen eher normal aus, dazwischen sind aber viele, die ich nicht als Nachbarn haben möchte. Dunkel gekleidet, Bierbauch, Kippe und einen dumpf-wütenden Gesichtsausdruck. Oder aggressiv die Gegendemonstranten anstarrend und im Pfeiflärm unverständliche Worte brüllend. Oder Herzchen aus Papier hochhaltend, übertrieben künstlich lächeln und es sichtlich anders meinen. "Von denen haben einige aber schon einen manischen Blick!", kommentiert ein Gegendemonstrant, als der Zug das erste Mal vorbei ist. Genau das habe ich auch gedacht. Die Frage ist nicht nur, ob man diese Leute zurück in die Gesellschaft bekommt, sondern auch, wen man davon wieder haben möchte. Ich kann sowieso nicht fassen, warum man bei Montagsspaziergängen mitläuft, aber als sanfter "Ich-will-nur-Freiheit-und-Liebe!"-Teilnehmer sollte man sich mal umsehen, mit welchen Typen man läuft und überlegen, ob man mit denen wirklich zu einer Gruppe gezählt werden möchte.

Traurig macht mich das Bild eines Grundschulmädchens, das im Zug der Montagsspaziergänger auf den Schultern eines Mannes - vermutlich des Vaters - sitzt, wild in ihre Blockflöte pustet und den am Straßenrand stehenden Gegendemonstranten mit wütendem Gesicht immer wieder einen Vogel zeigt. Die Kleine kann überhaupt nicht beurteilen, um was es geht und wird von ihren Eltern in so eine laute und merklich aggressive Atmosphäre mit Pfiffen und lautem Skandieren mitgenommen. Ganz abgesehen von dem drohenden Hörschaden - auch in der Schule und bei Klassenkameraden wird sie ihre Montagsspaziergangmeinung vertreten müssen, wofür sie zu jung und zu unerfahren ist. Können die Eltern nicht einen netten Babysitter besorgen, der mit dem Kind einen gemütlichen Abend zuhause verbringt, während sie in Lärm und aufgeheizter Stimmung zwischen Polizei und Gegendemonstranten durch die Stadt spazieren?

Am Kreativmittwochnachmittag möchte ich mutig mit dem Haupt- und Abschlussbild des Online-Ölmalkurses beginnen. Mutig, weil ich das anspruchsvolle Motiv eher in einem Fortgeschrittenenkurs sehe. Ich hingegen fühle mich als Anfängerin, die mit den Farben auf der Palette ungewollt matscht, nicht sicher ist, wie viel Malmittel sie verwenden soll und mit dem Pinsel immer wieder versehentlich gelungene Stellen übermalt. Ganz abgesehen von der Unsicherheit, die immer noch da ist. Aber dann lässt mich ein Sturmtief den Termin verschieben, denn in meinem Arbeitszimmer unter dem Dach ist der brausende Wind laut zu hören und die Dachpfannen klappern über mir. Das ist mir zu angespannt.

Am nächsten Tag beginne ich mit dem Malen am frühen Nachmittag, ehe der nächste Sturm loslegt. Ich gucke auf dem Tablet Schritt für Schritt die Anleitung des Onlinekurses an und arbeite nach. Es klappt erst gut, dann nicht mehr. Als ich frisch aufgetragene Ölfarbe an einigen Stellen verwischen soll, lässt sich nichts verwischen. Habe ich zu dünn gearbeitet oder habe ich zu lange gewartet? An anderen Stellen, an denen ich die Farbe nach Anleitung "satt" aufgetragen habe, ist sie nun zu dick und matscht. Mit dem Malmesser kann ich auch nicht gut arbeiten. In der Anleitung sieht es so lässig aus, bei mir kleckere ich ungewollt dicke Kleckse.

 

Ich arbeite mich durch, merke aber, dass ich meinem Ziel nicht näherkomme, sondern rumdümple. Als ich aufhöre, ist das Ergebnis meiner Malerei ziemlich entfernt von dem, was ich haben möchte. Ich bekomme es einfach nicht so hin, wie es in der Anleitung gezeigt wird.

Am nächsten Tag wische ich entschlossen die feuchte Farbe auf der Leinwand ab und starte neu. Zuerst wird es deutlich besser, dann pinsel ich schon wieder zu viel und zu kleinteilig herum. Nein, das ist nicht der lässige Weg, den ich einschlagen möchte! Als ich merke, dass es wieder nicht klappt und ich wegen der inzwischen vielen feuchten Farbe, die sich nicht mehr gut überstreichen lässt, nicht mehr korrigieren kann, verbasel ich die vorher mal ganz gut gelungenen Lippen endgültig und höre auf. Nee, das ist eher ein doofes Werbeplakat eines Anfängermalers geworden. Das muss ich besser können. Der gewünschte Charakter ist nicht getroffen und fertig ist es auch nicht. Einzig über die Nase freue ich mich, denn die ist auf einem guten Weg - sofern Nasen auf einem Weg sein können. Immerhin können sie laufen.

Ich nehme es als Übungsstunde. Es ist noch viel zu lernen. Und wer sagt, dass ich das Bild nicht zehnmal neu probieren darf? Oder zwanzigmal?

In der Nacht braust der Sturm "Zeynep" mit gewaltigen Windstärken übers Land, lässt erneut die Dachpfannen klappern und beschert uns eine schlafarme Nacht. Die Katze will am Abend mehrfach rausgelassen werden und schreckt jedes Mal an der Tür überrascht zurück. Was? Sturm?? Schließlich schläft sie im Haus, was äußerst selten passiert und zeigt, wie laut und heftig der Wind ist.

Am nächsten Morgen liegen alle Dachpfannen noch auf dem Dach, die Bäume stehen, nur einige alte Wellplatten auf dem Grilldach wurden abgerissen und liegen zum Teil dahinter auf dem Boden. Ich hole eine Leiter, puzzle alles wieder grob zusammen und fixiere die Platten mit angeschraubten Latten. Der Holzuntergrund ist schon ziemlich morsch und ich werde mich auf keinen Fall auf das Dach legen, um alles ordentlich zu machen. Es muss nur noch einige Wochen durchhalten, spätestens im Sommer soll es ganz neu gedeckt werden. 

Die ersten Frühlingsblüher sind da. An ruhigen Abenden singen die ersten Vögel in der Abendsonne. Ich freue mich immer auf den Frühling, aber in diesem Jahr mehr als sonst. Es sind schon viele Menschen geimpft, die Omikron-Variante könnte der Beginn von gemäßigten Coronaverläufen sein, und vielleicht nähern wir uns wieder einer Art Normalität. Zumindest der Sommer verspricht recht locker zu werden.

 

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