Blog 720 - 13.02.2022 - Romantik, Launen, Abschied und Gemeinschaft

Dass ich gerade alles sehr ruhig angehe, tut mir gut. Langsam merke ich, dass die Energie zurückkommt. Dabei war ich ja nicht krank oder völlig energielos, nur eben zu stark strapaziert. Aber das Runterfahren der Aktivität und das Fokussieren auf nur wenige Projekte ist schon richtig. Ich schlafe inzwischen wieder besser, manchmal ungewöhnlich lang, und ich bekomme Lust auf neue Aktivitäten. Damit fange ich jetzt natürlich nicht sofort an, aber beim Autofahren fällt mir eine lustige Puppenszene ein, die ich fröhlich mit verstellter Stimme spreche - bis ein roter Blitz mich aus der Geschichte reißt. Mist! Bis eben war noch 70 erlaubt, hier ist aber schon auf 50 runtergeregelt. Die neue Energie wird mich etwas kosten. Und auf dem beiliegenden Foto werde ich breit grinsen.

Egal was man von Corona hält und wie man sich angesichts einer Pandemie benimmt, dass die Politiker und Politikerinnen weitgehend versagen, ist nicht zu übersehen. In Krisensituationen braucht man überlegte und klare Entscheidungen - kein mal so, mal so und mal abwarten und mal rumeiern. Es ist nicht zu fassen. Omikron ist immer noch mit Schwung unterwegs, der Höhepunkt kommt erst noch, und überall wird von Lockerungen gesprochen und dass es jetzt ja so gut wie vorbei ist. Nein, ist es nicht. Es landen nicht mehr viele Leute auf der Intensivstation, aber auch die gemäßigte Version kann einen übel krank aufs Sofa werfen, von Longcovid gar nicht zu reden.

Am Montagabend geht es mit dem Sohn zusammen wieder zur Demo gegen die Spaziergänger, die weitgehend gegen Impfen, Maske und Abstand sind. Wir haben keine große Lust, aber um Zeichen zu setzen, für die Demokratie und für die Veranstalter, die das in jeder Woche wieder organisieren, muss man sich aufraffen. Unerwarteterweise treffen sich die Gegendemonstranten dort, wo sich sonst oft die Spaziergänger treffen. Wir erkennen sie an den Pro-Impfen-Plakaten und stellen uns dazu. Plötzlich grüßt mich eine nette Bekannte, die ich schon lange nicht mehr gesehen habe, und fragt nervös: "Wer ist das hier?" "Die Gegendemonstranten", sage ich. "Und wo sind die anderen?", fragt sie hektisch und sieht sich um. "Ich muss zu den anderen!" Mit großen Augen eilt sie wie ein verschreckter Hase über den Bürgersteig davon. Wie schade, dass sie nicht begreift, was sie tut, denke ich, finde es aber witzig, dass wir, obwohl wir gleich auf verschiedenen Seiten stehen, uns lächelnd: "Tschüss!" hinterherrufen.

Unsere Gegendemo ist wie immer angemeldet und wir gehen unter Polizeischutz - oder Bewachung? Vermutlich beides - in Richtung der Spaziergängerversammlung. Das sieht in der Abenddämmerung fast romantisch aus. Die Polizei achtet darauf, dass beide Gruppen getrennt bleiben, auch wenn das Prügelpotential in so einer Kleinstadt und bei den weitgehend bürgerlichen Teilnehmern auf beiden Seiten eher gering ist.

Ein "Spaziergänger" schließt sich dabei unserer Gruppe an, weil er sich mit mir und dem Sohn unterhält und Argumente und Gegenargumente hören möchte. Es ist sehr angenehm, dass beide Seiten zuhören, argumentieren, aufmerksam und freundlich bleiben. Unser Spaziergänger will sich nicht impfen lassen, weil er glaubt, dass er wegen seiner guten Ernährung und dem Sport nicht gefährdet ist. Dort, wo es vorgeschrieben ist, trägt er sogar einen Mundschutz und er ist kein genereller Impfgegner, nur die Coronaimpfung will er nicht, weil ihm das alles zu neu ist. Dass Geimpfte eine geringere Virenlast tragen und in der Regel nicht so schwer erkranken wie Ungeimpfte, scheint ihm neu zu sein. Er erzählt von einer Johns-Hopkins-Studie, die Lockdowns für fast wirkungslos erklärt, und erst Zuhause können wir im Internet nachsehen, dass die angebliche Studie einseitig und mit passend ausgesuchten Zahlen gemacht wurde, als "methodischer Quatsch" bezeichnet wird und gar nicht anerkannt ist, weil sie zu viele Fehler enthält. Wie typisch, dass sie von einem Spaziergänger als Fakt in die Diskussion geworfen wird.

Immerhin kann man mit dem Spaziergänger reden, er hört sogar zu und scheint unsere Argumente zu bedenken. Seltsamerweise geht er davon aus, dass fast alle Montagsspaziergänger so wie er sind und man sich nur mal unterhalten müsste. Äh, ... nein, da habe ich schon ganz andere kennengelernt und vor allem aggressive, realitätsferne und völlig diskussionsunfähige. Das Problem ist ja, dass bei den Spaziergängern verschiedene Gruppen mit oft unterschiedlichen Zielen mitgehen. Da gibt es Coronaleugner, Impfgegner, Maßnahmenprotestler, Diktaturrufer, Wissenschaftsgegner, Gutgläubige und Schwurbler. Würde jede Gruppe einzeln laufen, wären das verschwindend kleine Trüppchen. Dass die Spaziergänge den Rechten gut gefallen und auch von ihnen gefördert werden, heißt nicht, dass die Nazis sichtbar mitmarschieren, aber wer die ausblendet, denkt nicht mit. Nicht mitdenken zeigt sich in diesen Zeiten als großes Problem.

Am Zielort erwarten wir Gegendemonstranten den Zug der Spaziergänger, doch weil die wieder mal "zufällig" spazierengehen und sich nicht als Demonstration angemeldet haben, leitet die Polizei sie vor dem Marktplatz zur Seite ab und zurück zum Parkplatz. Wieder ein kleiner Sieg für uns. Die Spaziergänger treffen durch die Gegendemo regelmäßig auf Druck, und die Polizei guckt inzwischen genauer hin und verlangt jetzt Abstände bei ihnen, so dass sie nicht mehr in einem engen Pulk laufen dürfen. Wir verderben ihnen den Spaß an der Selbstinszenierung.

Spaß habe ich beim Blick auf die Speisekarte eines griechischen Restaurants. Was bedeutet: "Mit wechselnden Launen wird es bei uns nicht eintönig"? Wird man mal freundlich gegrüßt, mal angebrüllt, mal muss man sich sein Essen selber aus der Küche holen?

An meinem Kreativnachmittag schiebe ich beim Ölmalkurs eine Extralektion ein. Ich fühle mich noch unsicher und will nicht mit dem farbigen Abschlussbild beginnen, das mir viel zu schwer vorkommt. Da muss ich nicht nur mit Pinseln und dem Farbauftrag umgehen können, Proportionen sehen und Hell- und Dunkelflächen erkennen, sondern auch noch mit verschiedenen Farben, mit kalten und warmen Tönen arbeiten. Lieber übe ich vorher nochmal an einem schwarz-weißen Bild. Ich suche mir ein Foto von einem alten Teddybären raus und lege los.

Erst grob, dann immer feiner. Diesmal bin ich fast vier Stunden vor der Staffelei, probiere herum, übermale, bin überrascht, wie viel sich - im Gegensatz zu den Aquarellfarben - während des Malens noch komplett ändern lässt, und höre auf, als ich müde werde und im ungeheizten Arbeitszimmer ziemlich durchgefroren bin. Das Bild ist nicht fertig, aber das ist egal. Ich werde sicherer mit den Ölfarben, darum geht es. Mal sehen, ob ich mich in der nächsten Woche schon an das Abschlussbild traue.

Viele Jahre lang habe ich für die Besuche bei meiner Schwiegermutter immer Kuchen gebacken und mitgebracht. Jetzt stehe ich in der Küche und backe für sie die letzten Kuchen, denn nach ihrer Beerdigung werden wir uns mit wenigen Familienmitgliedern in einer Grillhütte zu Kaffee mit Brötchen und Kuchen treffen. Die Coronaschnelltests sind negativ, und so fahren wir am nächsten Morgen früh in den Westerwald, wo die Beerdigung stattfindet. Es ist kalt - in der Trauerhalle frieren die Füße ein und die Atemluft steht als Wölkchen vor den Masken -, aber draußen scheint die Sonne.

Nach der Zeremonie treffen wir uns in der angemieteten Grillhütte, in der es, im Gegensatz zu einem öffentlichen Café, nicht noch andere Gäste gibt. Wir genießen unerwartet stark, dass wir uns mal wieder sehen, wundern uns, wie lange wir uns zum Teil nicht mehr gesehen haben und haben ein sehr harmonisches und schönes Zusammensein. Das Treffen nach der Beerdigung tut allen gut und gibt uns ein Gemeinschaftsgefühl. Schnell kommt die Idee auf, dass wir die Grillhütte im Sommer nochmal mieten und uns dann alle zu einem fröhlichen Familientag treffen. Früher war die Wohnung meiner Schwiegermutter, die nicht mehr sehr mobil war, der Treffpunkt für alle. Seit der Coronazeit und ihrem Heimplatz gab es keinen Ort mehr, an dem man andere Familienmitglieder einfach mal sah. Ein jährlicher Termin in einer abgelegenen Grillhütte könnte eine schöne Lösung sein. 

 

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