Blog 719 - 06.02.2022 - Vergänglichkeit, Mustermix und Seenplatte

Seit der letzten Woche gibt es plötzlich einige ungeplante Extratermine, auf die ich flexibel reagieren muss. Wie gut, dass ich ansonsten schon ziemlich viele Vorhaben runtergefahren habe, so dass alles überschaubar bleibt. Die geplante Testbohrung durch den Fußboden für die neue Wasserleitung verschiebe ich aber auf "später". Zum Glück haben wir da keinen Zeitdruck, außer "im Frühjahr".

Am letzten Wochenende haben wir ein kleines familiäres Geburtstagskaffeetrinken bei meinem Vater, zur gleichen Zeit schläft meine etwa gleichaltrige Schwiegermutter im Pflegeheim sanft ein. Das ist nicht erschreckend und war zu erwarten, aber es ist ja trotzdem ein Schnitt, der endgültig ist und die Gedanken beschäftigt. Vor allem löst es Anrufe und Aktivitäten aus, weil sofort Schreibkram gemacht und vieles organisiert werden muss. Wir sind alle froh, dass sie die Coronapandemie, die ihr Angst gemacht hätte, nicht mehr bewusst mitbekommen hat und jetzt friedlich wegschlafen konnte. 


Die Schwiegermutter mit dem sehr jungen Gatten

Da ich mich gerade mit Fotos für den Stammbaum befasse, bin ich genau in der passenden Stimmung für Jugend, Leben und Vergänglichkeit. Wie kurz so ein Leben am Ende doch ist. Ich mag das Gedicht "Das Altersheim" von Erich Kästner sehr. In einer Zeile heißt es: "Ach, so ein Leben ist rasch vergangen, wie lang es auch sei. Hat es nicht eben erst angefangen? Schon ist´s vorbei." Genau das empfindet gerade mein 86-jähriger Vater sehr intensiv, der oft verwundert den Kopf schüttelt und sagt: "Ich habe das Gefühl, das Leben ist blitzschnell vorbeigerauscht."

Ich finde es so schön, wenn ich in den alten Fotoalben dann ein Bild finde, auf dem ich meine Oma sofort erkenne (unten rechts), die sich in einem Kreis junger Grazien mit geöffneten Haaren und flatterigen Kleidchen befindet. Gleichzeitig entstehen Fragen, die sich nicht mehr beantworten lassen, wie: "Warum?" Vielleicht gibt die Nähmaschinen-Schautafel im Hintergrund eine Antwort und es ist ein Abschlussfoto der Nähstundenschulklasse. Vielleicht auch nicht. Dass meine Oma in den Zwanzigerjahren einer leichtbekleideten Tanzgruppe blutjunger Mädchen in verrufenen Etablissements angehörte, ist eher unwahrscheinlich.

Der Sohn fährt mit mir und dem großen Auto zu Ikea, wo er sich ein Möbelstück gekauft hat, das, verpackt in vier große Pakete, ganz knapp in das große Auto passt. Bei ihm zuhause tragen wir die unhandlichen Teile jeweils viereinhalb Stockwerke hoch, und an meinem Keuchen ist zu hören, dass ich keine Kondition mehr habe. Es sind nur 25- bis 30-Kilo-Pakete, die wir wegen der Länge zu zweit tragen, aber wenn ich oben ankomme, höre ich mich an, als hätte ich alleine eine Waschmaschine geschleppt. Tja, in letzter Zeit sitze ich viel, ich musste mein Knie einige Wochen schonen und im Garten gibt es auch noch keinen Grund, viel herumzulaufen.

Wie wichtig momentan Stressvermeidung und wie dünn meine Erholungsschicht ist, merke ich, als ich am Mittwoch schon morgens die stressbedingten Zacken im Blickfeld habe. Ohne dass ich merkbaren Stress habe. Einmal kurz auf den Computerbildschirm geguckt und mein Körper signalisiert, dass es ihm zu viel ist. Das nehme ich durchaus ernst. Natürlich ist nicht der Computer der Grund, aber über die Augen bremst mein Körper mich aus. Als die Zacken weg sind, habe ich den restlichen Tag über leichte Kopfschmerzen. Ich lasse es langsam angehen und verschiebe meinen Mittwoch-Kreativnachmittag lieber auf den Donnerstag. Jetzt zwei bis drei Stunden konzentriert auf eine Leinwand gucken - nein, besser nicht. Aber auch am Donnerstag bin ich nicht komplett fit. Erst am Freitagmorgen fühle ich mich wieder richtig gut und erkläre kurzentschlossen den Freitagvormittag zum Mittwochnachmittag. Schließlich ist meine Kreativzeit eine wichtige Erholungszeit für mich.

Ich wiederhole die zweite Lektion im Ölmalkurs und mal erneut den schwarz-weißen-Kopf nach der Vorlage. Es klappt schon deutlich besser als in der letzten Woche, auch wenn ich immer noch Fehler mache. Aber ich ferkel nicht mehr so viel mit den Farben auf der Palette, gehe überlegter ran und probiere sogar einiges aus. Es macht mir noch Schwierigkeiten, die pastöse Farbe an kleinen Stellen so auf die Leinwand zu bringen, wie ich sie haben will, ohne dass sie kleckst, verschmiert oder den Nebenbereich übermalt. Manches, was gut ist, übermale ich beim Versuch es noch besser zu machen und zerstöre es. Aber ich will ja üben und probieren. Es kommt weniger auf das Ergebnis an, als auf die Erfahrung, die ich auf dem Weg dahin mache.

Als ich nach zweieinhalb Stunden aufhöre, weil die Konzentration nachlässt und ich neues Schwarz anmischen müsste, ist das Bild noch nicht fertig, aber ich lasse es so. Ich weiß, was ich anders machen möchte und was ich besser machen kann, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich das am Übungsbild noch machen will. Für das Farbbild in der Lektion 3, das ich in der nächsten Woche beginnen könnte, fühle ich mich aber noch nicht sicher genug. Mal sehen, ob ich eine eigene Übungslektion einschiebe, um mit einem anderen Bild vorher noch mehr zu üben.

Mein Fair-Isle-Muster-Pullover wächst nur langsam, weil ich seit einiger Zeit nur dann abends stricke, wenn ich mich ganz fit fühle. Die Konzentration auf das Musterstricken und der Blick auf die Farben können durchaus etwas anstrengend sein und meinen Augen vielleicht Stress vorspielen. Immerhin ist inzwischen der erste Ärmel fertig. Der Pullover entwickelt sich zu einem farbigen, bunten, wirren Mix, der mir sehr gefällt. Ich sollte ihn später allerdings nicht mit gemusterten Röcken kombinieren, was aber unwahrscheinlich ist, weil ich gar keine Röcke habe. Er passt mir ziemlich genau und sitzt etwas knapp - so wie ich es haben wollte -, aber inzwischen hätte ich ihn lieber als bequeme, übergroße Überziehvariante. Aber egal. Ich habe schon die Wolle für den nächsten Fair-Isle-Pullover im Korb, der dann eben drei Nummern größer wird. 

Sehr spontan schneide ich im Garten die Weinstöcke, was jahreszeitlich gesehen zu früh ist. Aber in diesem Winter ist es so warm, dass an einigen Büschen schon die ersten Knospen zu sehen sind und auch der Wein denken könnte, dass der Frühling da ist. Wenn er mit dem Austrieb beginnt, ist es zu spät zum Schneiden. Schon im letzten Jahr legte er vier Wochen vor dem offiziellen Schnitttermin los, aber ich war zum Glück schon fertig. In diesem könnte es noch früher sein. Zum sehr milden Winter kommt hinzu, dass es in der Kölner Bucht immer etwas wärmer ist.

Auch wenn ich mir immer wieder Schnittanleitungen durchlese, weiß ich trotzdem nicht genau, was ich bis wohin abschneiden soll, wenn ich einen Weinstock mit zwei Armen bekommen möchte. Meine Weinpflanzen wachsen leider nicht wie im Schaubild, auf dem alles immer ganz logisch aussieht. Im letzten Jahr habe ich zu viele Ansätze drangelassen und hatte daraufhin mehr Austriebe als ich haben wollte, in diesem schneide ich radikaler. Vielleicht zu radikal? Ich werde es sehen.

Auch aus einem anderen Grund ist es gut, dass ich den Wein schneide: Das im Weinberg versenkte Tulpenzwiebel-Blumenmeer zeigt schon die ersten Spitzen. Sobald alles voller Tulpen steht, kann ich dort nicht mehr entlanglaufen. Beim Zwiebelsetzen habe ich mich bemüht, freie Laufwege zu lassen, aber da ich schnell die Orientierung verloren hatte - Flächen vorher zu markieren, wäre sinnvoll gewesen - habe ich keine Ahnung, wo was rauskommen wird. Vielleicht gehen auch nicht alle Zwiebeln an, so dass das Meer dann eher wie eine magere Seenplatte aussieht und es genügend freie Flächen geben wird. Dass sich während des Winters auf der ganzen Fläche Gras ausgesät hat, war auch nicht geplant. Lasse ich das wachsen oder zupfe ich es vor der Tulpenblüte raus? Es bleibt spannend. Aber vor allem: Kein Stress!

 

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