Blog 718 - 20.01.2022 - Eigenes Denken, alte Tuben und das Ölmalen

Am Montagabend wollen die "bürgerlichen Spaziergänger" wieder durch die Stadt ziehen, und darum gibt es erneut eine angemeldete Gegendemonstration. Mit dem Sohn fahre ich hin, weil wir es einfach wichtig finden, den weitgehend maskenfreien Impfgegnern und Maßnahmenverweigerern zu zeigen, dass es auch viele Leute mit anderer Meinung gibt. Ich zum Beispiel finde einige Entscheidungen der Regierung über Coronathemen falsch oder unangemessen, aber viele der Schutzmaßnahmen richtig und wichtig. In einigen Bereichen würde ich sogar noch viel konsequenter sein. Nicht weil eine Regierung es sagt, sondern weil ich selbständig denke, Ursachen und Folgen sehe und weil ich diese Krankheit möglichst nicht bekommen möchte. Die meisten "Spaziergänger" haben gerade bei den Vorsorge- und Schutzthemen eine völlig gegensätzliche Meinung, die ich für gefährlich und - ehrlich gesagt - für äußerst blöd halte.

Es geht das Gerücht, dass viele der Demonstranten gar nicht aus dem Ort sind, sondern als Protest-Touristen extra anreisen. Beim Blick auf die Nummernschilder der frisch parkenden Autos finde ich das sehr wahrscheinlich, denn viele Autos haben nicht mal das BM-Nummernschild aus dem Kreis, sondern kommen aus umliegenden und entfernteren Kreisen. Wie das eben so ist, wenn man ganz zufällig in eine entferntere Kleinstadt fährt, um da mal spazierenzugehen.

Wir angemeldeten Gegendemonstranten warten auf dem Marktplatz, doch die "Spaziergänger" kommen nicht zum verabredeten Gang durch die Innenstadt. Sie vermeiden in dieser Woche das Vorbeiziehen am anderen Teil des Volkes und ziehen lieber hintenherum durch ein Wohngebiet. Da ist es dunkel und um diese Zeit fast menschenleer. Was für eine Demo: In einer Kleinstadt nach 18 Uhr im Dunkeln in einem unbelebten Wohngebiet. Sie werden nicht weiter bemerkt und bleiben in ihrem Protest unauffällig. Von mir aus kann das so bleiben. Unsere Gegendemo wird wegen fehlender Querdenker frühzeitig beendet. Als wir mit dem Auto auf dem Rückweg sind, kommt uns die Gruppe entgegen. Leise, unspektakulär, brav in Zweiergruppen auf dem Bürgersteig.

Als ich am nächsten Vormittag bei meinen Eltern bin, erzähle ich, dass ich jetzt endlich mit meinem Ölmalkurs starte. Mein Vater geht in den Keller, holt seine Ölmalsachen aus dem Schrank und schenkt sie mir. Das ist einerseits total nett, aber es ist auch sehr traurig. Das bedeutet nämlich, dass mein Vater nicht mehr selber malen wird. Er hat früher tolle Bilder gemalt, ist jetzt aber 86 und malt schon seit vielen Jahren nicht mehr. Niemand ging davon aus, dass er nochmal ein Bild beginnen würde, aber mit den griffbereiten Sachen im Schrank hätte es ja sein können. Dass er seine Malsachen verschenkt, ist so endgültig und ein Abschied von einem Teil seines Lebens. 

Eins seiner Bilder hängt bei mir, und mir gefällt nicht nur das Motiv, die Malweise und dass mein Vater es gemalt hat, sondern auch, dass es aus den Fünfzigerjahren ist und zeitgeschichtlich die damalige Sehnsucht der Deutschen nach Italien zeigt. Ich habe mir das Bild als Kind schon immer wieder ganz genau angesehen und war verblüfft, dass so viele Kleckse trotzdem ein ganz genaues Bild machen können.

Mein Vater ist erfreut, dass ich ölmalen möchte und er seine Sachen in der Familie weitergeben kann. "Die Farben sind noch gut", meint er beim Blick auf die gebrauchten Tuben, die wohl aus den Siebziger- oder Achtzigerjahren stammen. Bei manchen vermute ich, dass sie sogar noch aus den Fünfzigern sind. Zu meinem Erstaunen lassen sich die Tuben aber tatsächlich noch elastisch eindrücken. Zum Aufdrehen der vermutlich sehr fest verklebten Schraubdeckel hat mein Vater vorsorglich eine Zange im Farbkasten liegen. Der Praktiker. Als ich sage, dass ich beim Kurs nur vier bestimmte Farben plus Weiß brauche und die schon hätte, meint er: "Macht doch nichts. Jetzt hast du noch mehr und kannst die alle nehmen."

Am Mittwochnachmittag habe ich meine Kreativzeit und kann mich vor meine Staffelei stellen und zum ersten Mal die Ölfarben ausprobieren. Am Morgen hatte ich ohne nachvollziehbaren Grund plötzlich wieder Zacken im Blickfeld, die aber nach einer Stunde Ruhe weg waren, seitdem habe ich leichte Kopfschmerzen. Außerdem bin müde, weil ich mich nicht mal mittags hinlegen konnte, da beim Nachbarn durchgehend an einem neuen Dachstuhl gesägt und gehämmert wird. So richtig fit bin ich nicht, aber ich bin gut gelaunt und lasse mir doch meinen kreativen Nachmittag nicht nehmen!

Die Onlinekurs-Übung ist ein Kopf in Grautönen und damit eine ähnliche Aufgabe wie der kleine Schaumstoffball, der in Puppenbaukursen bei Bodo Schulte zum Einstieg geschnitzt werden muss. Wenn ich aus einem kleinen Schaumstoffviereck einen Ball schnitze, lerne ich, wie ich Cutter und Schere einsetze, Maße einhalte und gleichmäßige Rundungen schneide. Das ist die Basis für alles andere. Beim Übungskopfmalen im Torsten-Wolber-Kurs lerne ich, wie ich die Pinsel, die Ölfarben und das Malmittel einsetze, wie der Farbauftrag funktioniert, was geht und was nicht geht. Ich sehe mir die Anleitung an und lege los.

Es klappt nicht schlecht, aber auch nicht sensationell gut. Immer wieder muss ich mich bei der Pinselhaltung korrigieren, weil ich den Pinsel schon wieder wie beim Aquarellmalen in Schreibhaltung halte, manchmal bin ich zu schnell und gucke nicht konzentriert genug auf die Vorlage. Aber es macht Spaß. Falsch geratene Stellen lassen sich mit Ölfarben gut übermalen, manche Flächen sehen zufällig sofort gut aus und an einigen Stellen tupfe ich einfach mal Farbe hin und merke dann, dass es genau richtig aussieht. Es ist auf jeden Fall eine Malweise, bei der ich auf alles reagieren und mich immer wieder neu auf das Bild einstellen muss. Im Gegensatz zum Aquarellmalen kann und muss ich mir Zeit lassen, was ich auch erst lernen muss.

 

Schnell merke ich, dass ich die Pinsel nach einem Farbwechsel nicht gut genug säubere. Beim Aquarellmalen spüle ich den Pinsel rasch im Wasser aus und mache mit einer anderen Farbe weiter, aber die Ölfarben hängen viel hartnäckiger in den Borsten. Schon nach kurzer Zeit ist mein auf der Palette angemischtes Schwarz nur noch sehr dunkles Grau und mein Weiß hat einen leichten Grauschleier. Anstatt tiefe Schatten und helle Lichter malen zu können, wird der Farbauftrag immer grauer und kontrastärmer. Als ich nach zwei Stunden Übungsmalen plötzlich unkonzentriert werde, gut geratene Stellen übermale, Konturen ändere und das Bild zunehmend verschlechtere, höre ich auf.

Das Ergebnis finde ich nicht gut gelungen, aber für eine erste Übung schon ganz OK. Vor allem habe ich viel im Umgang mit Ölfarben gelernt. In der nächsten Woche werde ich die Übungskopf-Lektion wiederholen und dann vor allem darauf achten, dass ich die Farben sauberer halte. Die Proportionen besser im Blick halten, wäre auch gut. Aber auch mein erster Schaumstoffball war nicht perfekt rund.

Die Alte Bekannte machen über Youtube einen Videostream, an dem sich für eine Weile auch Dän beteiligt. Er befindet sich nach seinem Schlaganfall im Dezember jetzt in der Rehaklinik und es ist erleichternd, dass er lacht, erklärt und schön sarkastisch ist. Trotzdem wirkt er unruhig. Noch ist nicht klar, ob irgendwelche Ausfälle und Einschränkungen bleiben und wie lange alles dauert. Das macht ihn verständlicherweise unzufrieden. Aber es hilft ja nichts. In der Reha gibt es oft große Fortschritte und er muss da erstmal durch. Danach kann alles schon sehr viel besser aussehen. Konzerttermine lassen sich vorerst noch nicht planen, aber es wäre kein Problem, wenn Dän erstmal vielleicht nur sitzend mitmachen könnte. Wenn er fürs Singen wieder fit genug ist, lassen sich Lösungen finden.

Die Coronaeinschläge kommen näher. Der Arbeitskollege des Sohnes wird positiv getestet und saß ihm bis zum Vortag gegenüber. Weil wir am Wochenende in sehr kleinem Familienkreis ein Geburtstagskaffeetrinken machen wollen, ist das blöd. Da müssen wir abwarten. Am Kaffeetrink-Tag müsste der Sohn, wenn er Corona bekommen hätte, positiv sein, er ist aber weiterhin negativ. Auch der Gatte, der andere Sohn und ich lassen uns testen und sind negativ. Der Kuchen ist nicht umsonst gebacken, das Kaffetrinken kann stattfinden. Was für ein Aufwand und eine Vorsicht für ein Treffen von acht geboosterten Leuten! Aber niemand von uns möchte Corona bekommen und vor allem möchte niemand von uns einen anderen damit anstecken. Ach, was freue ich mich auf den Sommer, da wird alles wieder einfacher sein.

 

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