Blog 717 - 23.01.2021 - Geradeaus-Demo, Staffeleihöhe und fotogene Gene

Boah, was nerven mich die Leute, die an Montagen jetzt auch in unserer dörflichen Stadt "spazierengehen", um damit zu zeigen, dass sie gegen Impfungen und Coronamaßnahmen sind. Querdenker, Esoteriker, Rechte, Schwurbler, Demokratie-, Wissenschafts- und Impfgegner laufen miteinander als Pulk und tun so, als wären sie die Vertreter der harmlosen Bevölkerung, die in tiefer Sorge um Gesundheit und Demokratie sind. Einige verlangen anstelle der Maßnahmen "Eigenverantwortung", was von der Idee her nicht mal schlecht ist, aber was wollen sie mir über Gesundheit und Eigenverantwortung sagen, wenn sie selber größtenteils einen Mundschutz für überflüssig halten, eine Coronaimpfung für unwirksam und irgendwelchen Youtubevideologen mehr glauben als Virologen?

Mir geht zunehmend auf den Keks, dass die Spaziergeher sich auf ihren wöchentlichen Spaziergängen selber feiern und keine Gegenreaktion bekommen. Da trifft es sich gut, dass für diese Woche eine Gegendemo organisiert wird. Menno, ich habe wirklich Besseres zu tun, als abends an der Straße zu stehen und es ist auch echt blöd, dass ich nicht für etwas MIR Wichtiges demonstriere, sondern nur, damit andere, die nicht meine Meinung vertreten, einen Widerstand sehen. "Wegen dieser Affen muss ich hier stehen!", denke ich grummelig und meine es genau so.

Sehr schön ist, dass erstaunlich viele Leute zu dieser ersten Gegendemo kommen. Ein älterer Herr kommt an, guckt sich unsicher um und fragt: "Muss ich was machen? Es ist meine erste Demo." Der Sohn, der mit dabei ist und in Chemnitz auf einigen Gegendemonstrationen zu Aufmärschen der Rechten war, freut sich über die wenigen, freundlichen Polizisten, die entspannt herumgehen. "Das ist hier schon etwas anderes als zwischen bewaffneten Hundertschaften zu stehen", grinst er. 

Als die "Spaziergänger" auf der anderen Straßenseite starten, um einmal die Hauptstraße entlangzugehen, finde ich es schon unangenehm, dass vorne eine Frau durchgehend auf eine Trommel schlägt. Das erinnert doch schon an militärische Aufmärsche. Auch das schrille Pfeifen mit Trillerpfeifen kommt aggressiv rüber. Besonders schade finde ich, dass auch eine junge Frau laut eine Trillerpfeife benutzt, während sie vor sich ein kleines Kind im Kinderwagen schiebt. Weitere Kindergartenkinder laufen an der Hand ihrer Eltern mit und blicken mit großen Augen und ernsten Gesichtern auf das Geschehen mit Pfiffen, Getrommel und lauten Rufen. Leute, nehmt doch eure minikleinen Kinder nicht zu solchen Veranstaltungen mit! Ihr tut so, als wäre es ein netter Lichterumzug, aber auch die Kinder spüren, dass es das nicht ist.

Zwischendurch überlege ich, ob es nicht besser wäre, wenn die "Spaziergänger" ganz ohne Gegendemonstranten und Zuschauer laufen und kein größeres Interesse wecken würden. Aber dann würden sie weiterhin mit ihren Erleuchtungsketten durch die Stadt ziehen und sich selber feiern. Nein, ein bisschen Druck machen und zeigen, dass es auch eine andere Meinung in der Bevölkerung gibt, kann nicht schaden. Demokratie heißt nicht, dass sich alle nach einer lauten Minderheit richten müssen, die demonstrativ durch die Stadt zieht und nur ihre eigenen Vorstellungen gelten lassen möchte.

Es wäre sicher besser, sich zusammenzusetzen und sachlich zu diskutieren, aber wo beginne ich, wenn auf der anderen Seite oft nicht mal ein Grundverständnis von Ansteckungswegen und Impfungen vorhanden ist. Ich erinnere mich an ein frühes Erlebnis mit meiner Schwester, die mich in eine ähnliche Lage brachte wie jetzt die Impfgegner. Damals war ich zehn und hatte gerade die ersten Sätze Englisch in der Schule gelernt. Meine jüngere Schwester behauptete, sie könne auch schon Englisch und führte laut vor: "Schpreng dong bleng kau." "Das ist kein Englisch!", sagte ich empört. Sie widersprach selbstbewusst: "Doch! Das sind alles Wörter, die du noch nicht kennst!" Ich weiß bis heute wie sauer ich war, weil sie bewusst eine falsche Behauptung machte, meine Argumente, warum das kein Englisch sein konnte, nicht mal anhören wollte, und einfach weiter Blödsinn erzählte. Ein Verhalten, das ich jetzt bei Schwurblern und Coronaleugnern sehe. Zum Glück ist meine Schwester heute sachlich und faktenorientiert. Außerdem arbeitet sie in einem Krankenhaus, wo viele ungeimpften Patienten mit schweren Coronaauswirkungen liegen, und ist darum täglich in der Realität.

Zuhause treffe ich an meinem Kreativnachmittag die Vorbereitungen für meinen Ölmalkurs. Meine Staffelei, die ich aus dem Keller hole, erweist sich - trotz ihrer Höhe - als Sitz-Staffelei. Bisher habe ich sie immer sitzend genutzt, darum ist mir das nicht aufgefallen, aber Torsten Wolber empfiehlt in seinem Kurs das stehende Malen. Weil ich Neues lernen und mich aus meiner Komfortzone bewegen möchte, möchte ich auch eine höhere Staffelei haben. Dafür säge ich mir Verlängerungen zurecht und befestige sie mit Schlossmuttern und Flügelschrauben am unteren Ende der Staffelei. So kann ich sie jederzeit wieder entfernen, wenn ich doch mal lieber sitzend malen möchte.

Eine weitere Leiste schraube ich als erhöhte Leinwandhalterung an, dann hat die Staffelei die richtige Arbeitshöhe. Auch die Ecke im Arbeitszimmer ist schnell freigeräumt und ergibt gerade Platz für einen genügend großen Abstand zur Leinwand. In Ruhe sehe ich mir vor dem Computer die ersten Einführungs-Videos des Onlinekurses an, erfahre wie ich die Leinwand mit Gesso vorbereite und beginne damit. Die kann jetzt trocknen und in der nächsten Woche kann ich mit den ersten Farb- und Malübungen beginnen. Ich freue mich!

Zwei Tage später kippt die Staffelei von ganz alleine um und landet dabei mit der Leinwand auf der Stuhlkante. Och, nee! Ich hatte doch die Grundierung schon fertig, hätte anfangen können und jetzt hat die Leinwand einen Riss! Direkt danach denke ich: "Wie gut, dass es jetzt passiert!" Durch die Erhöhung hat die Leinwand ein anderes Gewichtsverhältnis bekommen und ist jetzt oben zu schwer. Wie ärgerlich wäre es gewesen, wenn ich das erst mit einem fast fertigen Bild gemerkt hätte, das plötzlich auf den Stuhl knallt. Jetzt habe ich Zeit genug, um eine neue Leinwand vorzubereiten und ein Gewicht an die Füße der Staffelei zu klemmen.  

Im Garten hängt die Spatzen-Gang immer wieder an den Meisenknödeln, die Meisen und Rotkehlchen besuchen die Gläser mit Erdnusscreme und Mehlwürmern, die ich in diesem Winter zum ersten Mal habe. Schön, dass die Gläser so gut angenommen und bis zum letzten Krümel leergepickt werden.

Beim Stammbaumprojekt gibt es schon wieder einen Schwung neuer Fotos. Von mir kenne ich ein frühes Foto, bei dem ich im Sonntagsstaat in der ersten Reihe einer Familiengruppe stehe und mit verkniffenem Gesicht gegen die Sonne gucke. Ich kann mich darüber wegömmeln, wie ich als kleiner Stöpsel dort stehe und wie wenig fotogen ich aussehe. Niemals wäre ich zufällig als Kinderstar entdeckt worden! Jetzt sehe ich, dass mein Vater als Kind auch oft so guckte. Herrlich! Es sind die Gene!

Wie dünn die Decke meiner Stresserholung ist, merke ich, als ich einen etwa 40 Seiten dicken Vertrag mit Anlagen und Sachinformationen zum Durchlesen und Unterschreiben vor mir habe. Schon als ich auf den Stapel gucke, fühle ich mich seltsam unwohl. "Och, nee, muss das so viel sein?" Ich beginne zu lesen, das helle Licht stört mich, die schwarze Schrift stört mich und ich bin nicht mal in der Hälfte der ersten Seite, da zucken mir dicke, hell flackernde Zacken ins Blickfeld und ich muss sofort aufhören. Superstress. Zwei Stunden lang laufe ich mit stark eingeschränktem Zacken-Blickfeld herum, atme bewusst ruhig, schließe immer mal wieder die Augen, trinke einen Tee, befürchte, dass ein Migräneanfall folgt, dann wird es langsam wieder. Der eigentlich dringende Vertrag liegt danach zwei Tage bei mir herum und ich kann ihn einfach nicht durchsehen. Erst am dritten Tag ist alles wieder gut und ich mache ihn fertig. Ich denke zwischendurch, wenn es ein total eiliges Schriftstück wäre, müsste ich sagen, dass ich gerade keine Verträge lesen kann, weil ich dann Zacken im Blickfeld habe. Hört sich nicht überzeugend an. Aber zeigt, dass ich, obwohl ich mich schon wieder ziemlich fit und belastbar fühle, weiterhin aufpassen muss.

Am Ende der Woche kann ich mich unerwartet an die erste Aufgabe des Online-Ölmalkurses setzen: Aus den drei Grundfarben acht vorgegebene Farben mischen. Dabei lerne ich das Verhalten der Farben kennen, übe wie ich sie mit einem Malmesser auf der Palette mische und bekomme ein Gefühl dafür, in welchen Anteilen ich sie nehmen muss, um das gewünschte Ergebnis zu bekommen. Farben sind kein Problem für mich. Erstaunlich schnell bin ich fertig und könnte einige Töne sogar noch genauer im Farbton treffen, aber fürs Üben reicht es mir.

In der zweiten Übung wird schon ein Kopf in schwarz-weiß gemalt - das wird eine deutlich größere Herausforderung sein. Aber ich sehe das sehr gelassen. Torsten Wolber illustriert und malt seit langer Zeit, da werde ich nicht nach ersten Farbübungen in seinem Kurs sofort tolle Ölbilder malen, bei denen alles stimmt. Einen Ausstellungstermin werde ich also noch nicht festmachen.

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