Blog 716 - 16.01.2021 - Stressvermeidung, Leinwände und wilde Zwanziger

Vom Vorsatz der Stressvermeidung bis hin zur wirklichen Entspannung und Erholung geht es nicht sofort. Auch wenn ich mich schon wieder fast normal fühle, klappt abendliches Stricken am Musterpulli noch nicht immer. An manchen Abenden höre ich schon bei den ersten Maschen meine Hirnzellen meckern: "Kann sie nicht einfach nur sitzen und Fernsehgucken? Immer noch dieses Maschenzählen dazu! Los, schick ihr mal eine kleine flimmernde Zackenlinie rechts ins Blickfeld! Na also, geht doch!" Mein eingeschlagener Weg ist aber richtig, das merke ich schon. Anstelle von 10 großen und 20 kleinen Baustellen, an denen ich gleichzeitig arbeite und unruhig bin, weil ich die anderen 20 nicht auch noch schaffe, nehme ich mir für die nächste Zeit nur 2 große und 3 kleine vor. Alle anderen sind "später" dran. Mehr freie Zeit habe ich damit nicht, denn nicht die Arbeit wird weniger, nur meine eigenen Anforderungen und mein eigener Druck lassen nach. Aber ich bin ruhiger und empfinde die Aufgaben als überschaubarer - was sie auch sind.

Es sind nicht nur die vielen Projekte und die immer volle To-do-Liste, auch die Flut im Sommer hat die Nerven mehr gefordert als ich dachte. Das Wasser kam nicht bis ans Haus, den Live-Katastrophenfilm in Sichtweite mit all seiner Ungewissheit brauche ich aber nicht nochmal. Auch die jetzt bald zweijährige Coronazeit ist anstrengend, aber noch viel mehr nerven mich die dämlichen Covidleugner, die Verschwörungsheinis und die Montagsspaziergänger, die meist nicht mal kapieren, wie sehr sie mit ihrem undemokratischen Verhalten rechte Gruppierungen unterstützen und der Demokratie schaden. So viel Dummheit macht mir Stress. Eine Minderheit will mit Druck ihre Meinung - die sich auch noch in verschiedene Meinungen und Richtungen aufteilt - für alle durchsetzen. Aber ich bin auch "das Volk" und ich sehe das anders. Und nun? Weniger ins Internet gucken und möglichst selten auf die Blödheit im Netz reagieren, ist meine Maßnahme zur eigenen Gesundheit.

Tatsächlich hilft es mir, wenn ich zwischendurch Steine schleppe. Die gestapelten Pflastersteine müssen sowieso aus dem Hof raus (Projekt 1, Vorbereiten zur Renovierung) und hoch bis zur kleinen Terrasse, wo  erstmal liegenbleiben können. Bei jedem Gang trage ich 10 Steine, atme dabei tief durch - ab dem zweiten Gang keuche ich -, der Kopf wird frei, die Muskeln werden warm und - puh! Es ist anstrengend, aber es entspannt meinen Kopf. Nach fünf oder sechs Gängen den Hang hoch höre ich meistens auf, weil ich ab dann richtig anstrengend wird, aber ich muss ja nicht schnell fertig sein. Wenn ich will, kann ich mehrfach am Tag Eimer mit Steinen schleppen und den Kopf frei kriegen. Schätzungsweise 600 Steine liegen noch im Hof, aber der Stapel auf der Terrasse ist bald ähnlich groß. Außerdem greift auch der Sohn zwischendurch zu den Eimern. Läuft.

Ich habe deutlich gebremst und will vorerst kein neues Projekt beginnen, der Online-Ölmalkurs ist mir als Ausgleich aber wichtig. Vor Beginn des Kurses muss ich im Arbeitszimmer erst eine Ecke freiräumen und überhaupt die Puppenbau- und Zeichensachen wieder ordnen und verstauen. Soll ich überhaupt schon Leinwände kaufen? Das dauert doch alles noch. Als ich zufällig in der Nähe eines passenden Geschäftes bin, hole ich sie trotzdem, und als ich sie zum Auto trage, freue ich mich so sehr darüber, dass ich selber verwundert bin. Ich habe meine Mittwochnachmittage, an denen ich das Ölmalen ausprobieren kann. Im Kurs von Torsten Wolber geht es um das Alla-Prima-Malen, was bedeutet, dass ein Bild schnell und spontan gemalt wird. Da kann ich doch demnächst einmal in der Woche schnell und spontan das Ölmalen probieren.

Den dieswöchigen Kreativnachmittag nutze ich, um kreativ in meinem Arbeitszimmer aufzuräumen. Das ist etwas schwierig, denn zu allem Baukram habe ich zwischendurch zwei Quadratmeter Schaumstoffwürfel bekommen, die bis jetzt im Weg herumstanden und die ich irgendwie unterbringen muss. Nicht einfach bei einem kleinen Spitzboden-Dachzimmer, das mehr als voll ist. Leider wird die Staffelei fürs Ölmalen etwas knapp stehen, aber mehr Platz ist einfach nicht da. Plötzlich fällt mir ein, dass ich vom Frühling bis zum Herbst auch im Garten malen kann. Aber natürlich! Meine winzige Atelierecke brauche ich nur bei unpassendem Wetter, und dafür reicht sie aus.

Beim Stammbaumprojekt des Sohnes verstehe ich jetzt endlich das Nummerierungssystem von Kekule, bei dem Vätern, Ehefrauen und Kindern klar verfolgbare Nummern gegeben werden. Damit kann ich dann auch Fotos beschriften und Leute eindeutig identifizieren.

Das Sichten und Ordnen ist nicht anstrengend, aber langwierig. Es macht trotzdem Spaß, weil ich so schöne Fotos finde, die ich zum Teil noch gar nicht kannte. Meinen autobegeisterten Opa als sehr jungen Mann beim Radwechsel ...

... oder meine Oma als ganz junges Mädchen in der Wiese. So niedlich!

Meine anderen Großeltern als Jugendliche in den wilden Zwanzigern ...

... und eine wilde, fröhliche Badegesellschaft am See, bei der ich keine einzige Person erkenne. Ist da jemand von meiner Familie dabei? Hoffentlich, denn es sieht nach viel Spaß aus!

 

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