Blog 715 - 09.01.2021 - Bremsen, Familienfotos und Fokussieren

Dass ich mich - trotz aller vorhandenen Energie - ziemlich müde und gestresst fühle, bestätigt sich, als ich im Abstand von einigen Tagen drei Migräneansätze bekomme. Alle kann ich noch im Beginn stoppen, indem ich sofort alles liegenlasse und mich für einige Zeit hinlege. Seit Jahren hatte ich keinen Migräneanfall mehr! Mein Körper stoppt mich aber gerne so, wenn er merkt, dass ich von alleine nichts an einer angespannten Lage ändere. Als ich dann auch noch in der Nacht aufwache, weil ich plötzlich ungewöhnlich starke und extrem unangenehme Kopfschmerzen habe - etwas völlig anderes als irgendwelche Spannungskopfschmerzen - und damit japsend, stöhnend und mit den Fingern die Stirn reibend bis zum Morgen auf dem Sofa sitze, ist meine Warngrenze überschritten. Da muss ich etwas ändern!

Eine kurze Analyse reicht, um zu erkennen, was das Problem ist: Es ist zu viel zu tun, ich will zu viel machen, bekomme immer noch mehr zu tun, und weil der Berg immer höher wird und ich nicht hinterherkomme, fühle ich mich zunehmend gestresst. Das liegt nicht alleine an mir und daran, dass ich gerne viel ausprobiere und an vielen Sachen Spaß habe. Es hat sich auch viel angestaut, was grundaufgeräumt, als Bauschutt abgefahren, renoviert oder neu gemacht werden muss. Dass meine Eltern inzwischen immer mehr Zeit und Unterstützung brauchen, ist gegeben und kann nicht geändert werden. Also muss ich mich bei meinen eigenen und den notwendigen Sachen besser fokussieren und eine Auswahl treffen. Am neuen Kinderbuch schreiben und im Garten werkeln und Schaumstoff schnitzen und bei meinen Eltern sein und Löcher graben und Wege pflastern und mittags kochen und ein Puppenstück inszenieren und Bäume fällen ... geht nicht. Zumindest nicht gleichzeitig.

Es trifft sich gut, dass die Coronazeit noch nicht vorbei ist und ich mich immer noch kreativ gebremst fühle. Ohne geplanten Auftrittstermin fällt es mir schwer, gezielt an einem Stück zu arbeiten. Viel unternehmen oder mich mit Freunden treffen kann ich auch nicht, da ist es doch ideal, wenn ich mich in den nächsten Monaten auf das anstehende Renovieren, das damit zusammenhängende Ausräumen und Aussortieren des Kellerinhaltes und auf die neue Küche konzentriere. Alles Sachen, die dringend anstehen und auf jeden Fall im Frühjahr gemacht werden müssen. Je besser ich jetzt vorbereite, umso schneller sind diese Projekte erledigt, ohne dass ICH erledigt bin.

Ich lasse also das Kinderbuch, große Gartenpläne und das Solo-Puppenspielen vorerst ruhen und renoviere hauptberuflich. Sobald die Wasserleitungen liegen, die Wände wieder gefliest sind und die neue Küche steht und funktioniert - was etwa im Mai oder Juni sein wird -, kann ich verstaubt auftauchen, mich zufrieden umsehen und mir neue Ziele setzen. Schon alleine diese Entscheidung nimmt mir eine Menge Stress weg. Nur meine Mittwochnachmittage werde ich weiterhin als freie Zeit für Kreatives behalten, weil ich glaube, dass die sehr notwendig für mich sind. Ein halber Tag in der Woche kann so viel sein! Ich werde ihn nutzen.

Kaum habe ich den Entschluss gefasst die Notbremse zu ziehen und vor allem keine neuen Projekte zu beginnen, bittet der Sohn um Hilfe beim Heraussuchen von Fotos. Er stellt gerade einen Familienstammbaum zusammen, kann viele der Namen aber keinen Gesichtern zuordnen. Es ist ein sehr großes Projekt mit vielen Generationen und Zweigen, für das sein Opa - mein Vater - jahrelang Informationen zusammengetragen hat. Mehrere Schachteln voll mit Familienfotos sind vorhanden, von denen aber nur wenige Bilder beschriftet sind. Meine Großeltern, Tanten und Großonkel erkenne ich, aber zu manchen Namen weiß auch ich nicht, wie das passende Gesicht aussehen könnte. Immerhin kann ich einige Leute sicher identifizieren und manchmal mit Logik darauf kommen: Wenn die Dame, die auf Fotos oft neben Großonkel William zu sehen ist, auf einem Foto im Hochzeitskleid neben ihm vor der Kirche steht, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass es seine Frau, Großtante Luise ist. 

Außerdem möchte der Sohn gerne kurze Lebensläufe der nahen Verwandten haben und gerne auch persönliche Anekdoten. Ich bekomme gerade mal meinen eigenen Lebenslauf ungefähr hin, aber nicht den von meiner Oma oder meinem Uropa. Wieso war mein Opa - als gebürtiger Berliner - zwischendurch eigentlich mal Friseur in einem thüringischen Dorf? Und warum weiß niemand die Namen der Töchter, die die zweite Frau meines Uropas aus der ersten Ehe mitgebracht hatte? Fragen über Fragen, die alle früher mal beantwortet hätten werden können, jetzt aber oft nicht mehr. 

Das Stammbaumprojekt passt gerade so überhaupt nicht in meine Streich-Pläne. Weil der Sohn aber so aktiv daran arbeitet und mein Vater noch einige Fragen beantworten und Gesichter auf Fotos erkennen kann, möchte ich es nicht auf irgendwann später verschieben. Also sehe ich die Fotos durch, fotografiere viele, stelle eine Auswahl zusammen, beschrifte, und markiere offene Daten und ungeklärte Fragen. Für die Lebensläufe müssen wir mal mit mehreren Leuten Bruchstücke sammeln. Das ist eine Fleißarbeit, aber wirklich viel Neues wird da wohl nicht zusammenkommen. Es ist aber schon toll, wenn das für später mal so gut gesammelt ist.

Meine Neujahrskarten kommen gedruckt aus der Schnelldruckerei und ich setze mich an den Tisch, schreibe viele Grüße, viele Adressen und klebe viele Briefmarken. Zum ersten Mal schicke ich die Karten in Briefumschlägen los, weil ich dann an Rücksendungen sehen kann, wenn Adressen nicht mehr stimmen. Postkarten, die nicht zugestellt werden können, landen mangels Absender vermutlich im Postabfallkorb, ohne dass ich das merke. Vielleicht wundern sich manche Leute schon, dass sie inzwischen keine Neujahrskarte mehr von mir bekommen, was aber an einem zwischenzeitlichen Umzug liegen könnte. Mal sehen, ob es einen nennenswerten Rücklauf gibt. Als alle Briefe im Briefkasten liegen, kann ich diesen Punkt als erledigt abhaken. Schön.

Probeweise gibt der Sohn beim Backen einen Viertelteil roh geriebene Kartoffeln in den Teig. Das Ergebnis ist ein sehr leckeres Brot, bei dem allerdings kein Hauch von Kartoffeln zu schmecken ist. Es sieht aus und schmeckt wie Mehlbrot. Verblüffend.   

Bei meinem Fair-Isle-Musterpulli hatte ich in der letzten Zeit wenig Lust zum Weiterstricken, was auch mit meinem ermüdeten Zustand zu tun hat. Maschenzählen und Konzentrieren vor dem abendlichen Fernseher finde ich dann nicht entspannend. Zwischendurch habe ich Spaß daran und dann geht es einige Reihen weiter. Die Ärmel sollen nur dreiviertellang werden. Schon jetzt überlege ich, ob ich den zweiten Ärmel im identischen Muster stricke oder ihn komplett anders gestalte. Anders wäre beim Stricken viel abwechslungsreicher, macht den wirren Mustermix aber noch wirrer. Aber ist der überhaupt noch wirrer zu machen? Ach, ich glaube, ich gehe auf volles Risiko und stricke völlig andere Muster in anderen Farbzusammenstellungen. Wer schreibt vor, dass die Ärmel gleich aussehen müssen?  

Vor nicht mal drei Monaten habe ich an einem milden Herbsttag viele Tulpen- und Zierlauchzwiebeln gesetzt. Einige Zwiebeln sind so dusselig, dass sie jetzt schon freudig in die Höhe schießen. Das sieht zwar nett aus, es ist aber erst Anfang Januar, nicht Frühling! Wenn jetzt noch ein starker Wintereinbruch kommt, werden sie erfrieren und im März wohl nicht nochmal kommen. Sie wieder in die Erde zu stopfen, bringt aber auch nichts. Vermutlich wird das Blumenmeer Lücken haben.

Am Ende der Woche zeigt sich beispielhaft, warum ich meine To-do-Liste nur schwer kürzer bekomme. Kaum sind die Neujahrskarten abgehakt und ich freue mich, dass ein Punkt komplett erledigt ist, stellt sich heraus, dass meine Mutter neue Medikamente braucht. Es ist ein neues Quartal. Das bedeutet, dass ich ihre Krankenkassenkarte abholen, zu drei verschiedenen Arztpraxen fahren und jeweils ein neues Rezept holen muss. Eine der Praxen ist etwas weiter weg und es ist schwierig, dort einen Parkplatz zu bekommen. Ziemlich sicher werden alle drei Ärzte einen neuen Kontrolltermin für meine Mutter haben wollen. Immerhin passt es gut, dass ich am Vortag auch einen Anruf von der Tagespflege bekam, bei dem um schriftliche Bestätigungen der Ärzte über die verschriebenen Medikamente gebeten wurde. So kann ich prima einmal die Tour machen, um die Rezepte zu holen, dann nochmal, um die fertigen Bestätigungen zu holen - für die die Ärzte erfahrungsgemäß etwas Zeit brauchen - und etwas später, um die Arztbesuche mit meiner Mutter zu machen. Hach - da hilft nur Augen verdrehen, Luft holen und lachen. Auch wenn das Lachen einen etwas verzweifelten Unterton hat. Hilft ja nichts.

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