Blog 714 - 02.01.2022 - Gefälle, Harmonie, Gefeier und der Anwalt

Bisher ist der Winter im Rheinland ausgefallen. Ich werkel im Garten, weil mich mal bewegen will und weil da immer noch genug abgeschnittenes Zeug liegt, das weggeräumt werden kann. Plötzlich rutsche ich auf nassen, matschigen Blättern auf der Treppe aus, gehe dabei geschickt in die Hocke, um nicht nach hinten auf die Stufen zu fallen, und denke erst zu spät daran, dass mein Knie das vielleicht übelnimmt. Das Knie habe ich im Sommer bei einem überlangen Spaziergang in Schonhaltung so strapaziert, dass es danach lange meckerte und eine vorsichtige Sonderbehandlung wünschte, aber inzwischen ist es wieder fast normal belastbar und beinahe komplett in Ordnung. Während ich noch mit Schwung nach vorne in die Hocke gehe, merke ich, dass mein Knie da nicht mitmachen möchte. Es will lieber nicht knicken, muss aber, denn im Schwung kann ich die Bewegung nicht mehr stoppen.

Das Knie biegt sich vorschriftsmäßig bis zum Anschlag, ich stöhne schmerzvoll: "Ou-ou-ou-ouh!", lasse mich fallen und strecke das Bein aus. Ich weiß sofort, dass das Knie jetzt wirklich kaputt ist und ich ins Krankenhaus muss. Nach Luft schnappend liege ich flach auf den kalten Treppenstufen und überlege, ob ich es irgendwie bis zum Haus schaffen kann. Wenn ich Pech habe, liege ich in zwei Stunden noch im Garten, ehe jemandem auffällt, dass ich gar nicht mehr reinkomme. Och, menno! Jetzt muss ich zum Ende des Jahres noch ins Krankenhaus und ... ähm ... wenn ich genau darauf achte, tut es gar nicht mehr so weh. Häh? Vorsichtig bewege ich das Bein und winkel das Knie ein wenig an. Bewegen lässt es sich - zumindest im Liegen. Zögerlich stehe ich auf und gehe langsam die Stufen herunter. Nö, doch kein Krankenhaus, das Knie funktioniert sehr gut, es grummelt nur leise vor sich hin, weil ich es ohne Vorwarnung zusammengeklappt habe. Von wegen "Mimimi, das Knie ist jetzt wirklich kaputt und ich muss ins Krankenhaus!" Puh! Glück gehabt! 

Die letzten Tage des Jahres verbringe ich möglichst entspannt. Bei mir ist ziemlich die Luft raus, und ich würde gerne mal wieder eine Woche lang irgendwo einen Kreativkurs mitmachen, bei dem ich mich um nichts anderes als mein Projekt kümmern muss. Nur konzentriert arbeiten und Luft holen. Mit meiner jährlichen Neujahrskarte bin ich ein wenig spät dran, - wäre schon gut, wenn ich sie noch im Januar losschicken würde -, aber jetzt setze ich mich endlich mit Musik und Tee ins Arbeitszimmer und zeichne sie. Mein Plan für das diesjährige Motiv ist, einen richtig guten Witz zu zeichnen. Aber weil mir gerade so überhaupt kein Witz einfällt, fällt der Plan weg. Stattdessen wird es eine kleine Illustration, die eine entspannte Atmosphäre und ein harmonisches Miteinander zeigt. Das fließt aus der Feder und passt in diesen Zeiten gut.

Im Garten ist Kürbisernte. Von einem Spaghettikürbis des Vorjahres hatte ich Kerne aufgehoben und im Frühjahr eingesetzt. Vier Kürbisse sind gewachsen, von denen zwei gelbe Spaghettikürbisse sind, einer wie ein weißer Muskatkürbis aussieht und ein anderer breit und hellgrün ist. Weil der aber inzwischen hohl gefressen wurde, kommt er sofort auf den Kompost. Gemeinsam haben sie, dass sie alle sehr klein sind, was vermutlich am Wetter gelegen hat. Ich vermute, dass die beiden Spaghettikürbisse wegen Unreife nicht zu verwenden sind, der weiße Kürbis ist mir zu gruselig. Wer weiß, ob der überhaupt essbar ist? Vielleicht müsste ein Zettel dran: "Nur zur Dekoration!" Es ist schon interessant, was für unterschiedliche Gene in den Kernen einer einzelnen Frucht versteckt sein können.

Den Silvesterabend verbringe ich sehr ruhig mit Gatte und Sohn ohne Feierei und Aufwand. Wir gucken vier Folgen von "Better call Saul" und finden das genau richtig. Ich mache mir ein wenig Sorgen um meine Eltern, die wohl zum ersten Mal in den letzten 60 Jahren keine Silvesterparty haben. Jahrzehntelang wurde in großer Gruppe gefeiert, wenn nicht bei ihnen, dann bei irgendwelchen Freunden, und ich kann die James-Last-Tanzplatten, die zu meiner Kinderzeit nachts durchs Haus dröhnten, immer noch mitsummen. Was war das für ein Krach und ein Gelächter! Jetzt, Jahrzehnte später, sind meine Eltern und die vielen Freunde alle schon über 80, einige wollen wegen Corona nicht raus, einige wollen früh ins Bett, einige sind krank, viele schon gestorben.

Wie ist das für meinen Vater, der so gerne Gesellschaft hat und immer gerne feiert, dass er den Silvesterabend plötzlich komplett ohne Besuch verbringt? Ich bin aber auch kein richtiger Ersatz und außerdem brauche ich dringend mal freie Zeit. Als ich am späteren Abend nochmal anrufe, sind zwei gut gelaunte Eltern am Telefon, die "lustige Filme bei WDR" gucken, sehr entspannt wirken und auf jeden Fall bis zum Feuerwerk aufbleiben wollen. Sie wünschen fröhlich einen "guten Rutsch!" und ich bin beruhigt.

Kurz vor Mitternacht ist die für diesen Abend letzte "Better call Saul"-Folge gerade fertig. Wir wünschen uns schnell ein gutes Jahr und haben nicht mal Interesse, einen Blick auf das wegen Verkaufsverbot abgespeckte Feuerwerk zu werfen. Ich brauche das sowieso nicht und denke, dass die Zeit des Kraches, der Geldverschwendung und der Luftverschmutzung ganz gut mal vorbei sein könnte. Stattdessen beruhige ich die Katze, die bei den ersten Böllern reinkommt und mit schreckensgeweiteten Augen zur Zimmerdecke guckt und denkt, dass es auch von dort knallt. Als ich kurz die Haustür öffne, um ihr zu zeigen, woher der Krach tatsächlich kommt, rennt sie wie der Blitz eine Etage nach oben und legt sich aufs Bett, wo sie die größtmögliche Sicherheit vermutet.  

Mit der Katze neben mir, die sich eng an meinen Arm drückt, um Körperkontakt zu haben, schlafe ich etwas später ein. Nach zwei Stunden unruhigem Schlaf habe ich eine blöde Liegeposition, der Rücken tut weh, der Arm liegt blöd, ich möchte so gerne gemütlich liegen, will aber die Katze nicht verjagen. Ich dämmer wieder weg und habe plötzlich ein Beratungsgespräch mit Jimmy McGill, dem Anwalt aus "Better call Saul". Er fasst in seiner typischen Ausdrucksweise meinen Fall zusammen: "All you want is: To get your own bed and to get your cat." Ja, denke ich erleichtert, er weiß, worum es geht. Er redet weiter: "Fact is: This IS your own bed and this IS your cat." Stimmt, denke ich, da hat er schon wieder Recht. Dann wache ich auf, denke darüber nach und muss lachen. So sehr, dass ich danach erstmal hellwach bin. Da habe ich am Abend wohl doch zu viel "Better call Saul" geguckt. Aber wie verblüffend, dass der Anwalt in meinem selbstgeträumten Traum deutlich klarer durchblickt als ich selber.

Blogübersicht nächstervorheriger