Blog 713 - 26.12.2021 - Ohne Plan, mit Krümeln, Farbe und Tada!

In den letzten Tagen vor Weihnachten ist bei mir kaum zu merken, dass es nur noch wenige Tage bis Weihnachten sind. Außer beim Einkaufen. Da wird jedes Mal der Wagen recht voll. Das ist die Folge von "ich plane nichts vor", denn wenn ich nicht weiß, was ich brauche, kaufe ich zur Sicherheit, was ich vielleicht brauchen könnte. Mache ich einen Nachtisch? Oder einen Kuchen? Oder zwei? Oder gar keinen? Am besten habe ich Mehl, Zucker und Eier im Haus. Zur Sicherheit auch Sahne, Äpfel und Schokolade, da ist immer was draus zu machen. Und Kirschen im Glas. Und Butter. Und Käse. Und Tee. Und Milch für den Tee. Mein Horror ist, dass ich kurzfristig in rappelvollen Geschäften einkaufen gehen muss, weil ich etwas Wichtiges vergessen habe. Das hat nichts mit Corona zu tun, sondern mit meiner Unlust auf volle Geschäfte. Immerhin werde ich - weil ich jetzt nicht planen möchte -, bis in den Februar hinein Vorräte haben, die ich nach und nach verbrauchen kann. 

Zu viele Jahre lang waren die Weihnachtstage eine stressige Zeit, die immer mit Blick auf die Uhr ablaufen musste. Es gab Besuche, Essensvorbereitungen für die Besuche, Weckzeiten für die Kinder, damit wir rechtzeitig losfuhren, und alles musste koordiniert und detailliert vorgeplant werden. Jeden Abend war ich müde und musste noch das schmutzige Geschirr spülen, neuen Kuchen für den nächsten Tag backen und Essen vorkochen, damit am folgenden Feiertag alles schnell und gelassen gehen konnte. Inzwischen gibt es bei uns kaum noch Termine an den Weihnachtstagen und ich will nur möglichst entspannt und planlos vor mich hin leben. 

Ein familiärer Weihnachtsgruß, auf der Maria mit "Tada!" Jesus präsentiert, trifft im Übrigen genau meinen Humornerv.

 

Für Mitte Januar habe ich einen Termin zum Boostern im Impfzentrum ausgemacht, aber spontan ergibt sich fünf Fahrminuten entfernt eine Impfmöglichkeit. Der Chefarzt des nach der Flut immer noch geschlossenen Krankenhauses nutzt die Zeit, um in einem leerstehenden Autohaus ein "niederschwelliges Impfangebot" zu machen. Wegen der nahenden, sehr ansteckenden Omikronvariante und des weihnachtlichen Familientreffens erscheint mir ein schnellstmögliches Boostern sinnvoll. Kurioserweise nicht, um meine Ü-80-Eltern zu schützen, sondern um mich vor ihnen zu schützen. Sie gehören nämlich der großen Gruppe von Senioren an, die doppelt geimpft und geboostert sind und jetzt denken, dass ihnen nichts mehr passieren kann. Sie treffen sich bei Geburtstagsfeiern, im Café und unterwegs beim Einkaufen, schütteln sich die Hände, sitzen nah beieinander, lachen, scherzen und quatschen. Ansteckung? Häh? Wir sind doch geboostert! Corona ist für sie weit weg, denn sie haben ja den Superduper-Booster mit dem Superduper-Corona-Schutzschild. Dass sie sich trotzdem gegenseitig anstecken könnten und damit auch andere gefährden, kommt ihnen gar nicht in den Sinn. Beziehungsweise sie gucken skeptisch, wenn ich es sage, denken vermutlich: "Da hat sie etwas nicht verstanden", und machen weiter wie vorher.

Das Impfen ohne Anmeldung geht ganz fix und unkompliziert. Guten Tag, Impfausweis und Personalausweis abgeben, ab in die Impfkabine, Pieks, Ausweise zurück, auf Wiedersehen. Verwirrt frage ich: "Muss ich nicht noch warten?" "Nur wenn Sie wollen", sagt die Impfhelferin und guckt mich misstrauisch an, ob ich vielleicht Kreislaufprobleme habe. "Nein, mir geht's gut, ich dachte nur ...", sage ich schnell und gehe lieber sofort raus. Yeah, nicht mal fünf Minuten! Am nächsten Tag bin ich etwas müde und die Impfstelle fühlt sich wie Muskelkater an. Der ebenfalls geboosterte Gatte findet die schmerzende Einstichstelle zwei Tage lang unangenehm und der mitgeboosterte Sohn hat in der Nacht Schüttelfrost und fühlt sich matschig, aber auch das ist schnell überstanden. Die weitere Nebenwirkung, dass wir erstmal ziemlich gut vor einem schweren Coronaverlauf geschützt sind, nehmen wir dafür gerne mit.

Meine bestellten Ölmalsachen kommen an und die Tuben mit den Farben sind viel zu groß. Ich wollte nicht die kleinen Minituben mit 40 Gramm holen und habe die mit 200 Gramm bestellt. Hätte ich mir vorher mal lieber eine Zahnpastatube zum Einschätzen angesehen! Die ist schon 100 Gramm schwer und das wäre für den Anfang mehr als genug. Vermutlich sind die Minituben, die ich als 40-Gramm-Tuben im Kopf hatte, nur 10 Gramm schwer. Oh je - fünf Farbtuben zu je 200 Gramm ist ein Kilo Ölfarbe. Wann und auf wie großen Leinwänden will ich die denn vermalen, ehe sie in den Tuben vertrocknen?  

Da die Ecke in meinem Arbeitszimmer, in der ich meine Staffelei aufstellen will, noch nicht freigeräumt ist und ich erstmal sehen muss, wohin ich die dort abgestellten Sachen räumen kann, wird es noch etwas dauern, ehe ich die ersten Gramm Ölfarbe verwenden kann. Vielleicht streiche ich demnächst die Wände im Flur mit Künstler-Ölfarben, um die Farbmenge überhaupt sinnvoll einzusetzen.

Ungewollt spannend ist das Backen eines amerikanischen Schokokuchens, dem "Mississippi Mud Pie". Der leichtfertige Verzicht von Flüssigkeit im scheinbar ausreichend knetbaren Teig - "Wieso soll da noch Wasser rein? Geht doch!" - führt dazu, dass der Boden nach dem Vorbacken sofort auseinanderbricht und locker zerkrümelt. Ein wenig Flüssigkeit hätte vermutlich für die Bindung des Mehls gesorgt.

Weil die Schokofüllung schon frisch angerührt wartet, knete ich auf gut Glück einen Schokoteig zusammen - "Ähm ... Mehl, Zucker, Schokopulver, Butter. Ach, und ein bisschen Backpulver. Und zur Sicherheit noch ein Ei rein. Oh, jetzt muss noch was Mehl dazu ..." und backe den kurz bei hoher Hitze vor. "Einfach mal 220 Grad, dann dauert es nur 5 Minuten, bis er vorgebacken ist". Danach gebe ich die Füllung darauf und backe bei korrekten Temperaturen fertig. Beim Rausholen aus dem Ofen ist der Teil mit der Füllung noch sehr weich, dafür kommt mir der Boden sehr hart vor. Na, erstmal über Nacht in den Kühlschrank stellen.

Am nächsten Tag kommt eine Schicht frisch geschlagene Sahne drauf, und anstelle der Späne aus Schokolade, die laut Rezept auf die Sahne gegeben werden, streue ich eine Lage Krümel vom zwar klein zerbröselten, aber sehr leckeren Originalboden. Darf ich das Ergebnis mit falschem Boden und falschem Dekobelag überhaupt noch "Mississippi Mud Pie" nennen oder ist es jetzt "Missouri-Schlamm auf Stein"? Aber Überraschung: Der "Mud Pie" ist sogar in der improvisierten Version so lecker, dass er in mein persönliches Rezeptbuch kommt und ich ihn demnächst nochmal backen werde. Dann aber mit korrekt ausgeführtem Rezept für den Boden, was ihn noch leckerer machen wird.

 

2021 ist so gut wie vorbei. Ganz so schön war es nicht, auch wenn es mir persönlich gut ging. Nun werden noch ein paar ruhige Tage bis zum Ende des Jahres kommen. Ich möchte abschalten, mich in Ruhe zurückziehen und planlos die Tage genießen. Auch im nächsten Jahr wird uns Corona begleiten und damit sachliche Diskussionen, neuen Erkenntnisse, Geschrei, Proteste und Verweigerungen. Mein Glaube an eine einigermaßen gebildete Bevölkerung und einen sachlichen Umgang mit Krisen ist schwer erschüttert. Was da abläuft, wie beleidigt und gepöbelt wird, und dass seltsamste Sachen behauptet und geglaubt werden, als hätte es nie wissenschaftliche Grundlagen gegeben, ist für mich schwer zu verkraften. Populistisches Gebrüll kommt bei einem Teil der Bevölkerung immer noch gut an und ich habe keine Ahnung, wie solche Leute wieder zufrieden in einer demokratischen und sozialen Gemeinschaft leben können. Die Maßnahmen zur Pandemie sind ja nicht Ursache, sondern nur Auslöser ihrer Unzufriedenheit und Aggression.  

Es ist zu hoffen, dass sich im nächsten Corona-Jahr immer mehr Erkenntnisse über Infektionen und Verläufe zeigen, so dass immer bessere Heilmittel entwickelt werden. Die Impfkampagnen und die 1/2/3-G-Vorgaben können nur Zwischenlösungen sein, die in der jetzigen Lage einen vorläufigen Schutz bieten. Es wird weiterhin Impfgegner geben, von denen einige vielleicht gute Gründe haben mögen. Wer allerdings von Diktatur und geheimen Verschwörungen faselt, Wissenschaft generell anzweifelt, pöbelt, beleidigt und hetzt, ist bei mir draußen. Gerne für immer. Manche Gräben, die sich jetzt zeigen, sind ganz gut, um die eigenen Grenzen zu erkennen und zu ziehen. Zum Glück lebe ich in einem Familien-, Freundes- und Bekanntenkreis, in dem verstanden wird, um was es geht und in dem ich mich gut aufgehoben fühle. So eine Pandemie zeigt eben auch, was wichtig ist und auf wen man verzichten kann.

Ich hoffe, dass Corona im nächsten Jahr auf dem Rückzug ist, dass sich die Gemüter beruhigen und dass das Leben für alle endlich wieder etwas alltäglicher wird. Und dass ich wieder mit Lesungen und Puppenspielen vor Publikum auftreten kann! Das wäre schon sehr schön.

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