Blog 709 - 28.11.2021 - Sushi, Island und mit den Beatles im Studio

Nachdem der Gatte in der letzten Woche kurz Kontakt mit einem danach coronakranken Kollegen hatte, achten wir in den darauffolgenden Tagen sehr genau darauf, ob wir klitzekleinste Coronaanzeichen bei uns entdecken. Ich hüstel ein wenig, aber das wird eine Folge der manchmal kühlen Temperaturen sein, bei denen ich friere und zu spät an eine warme Jacke denke. Oder? Auch wenn wir beide doppelt geimpft sind, ist es doch ein unangenehmes Gefühl, dass wir infiziert sein könnten.

Zur Sicherheit fahren wir am Montag zum Testzentrum und lassen einen Schnelltest machen. Wir sind beide negativ. Auch wenn wir das beide erwartet hatten, ist es doch erleichternd. "Dass du negativ bist, hätte ich auch vorher sagen können!", grinst der Gatte und freut sich, dass er das schriftlich hat. Wir sind schon sehr lange verheiratet. So lange ich bei so einer Bemerkung zurückgrinse, ist alles in Ordnung.

Mein Klappmaul-Lama bekommt zwei Arme mit Fell und Hufen. Damit ist es fast fertig. Die Halter für Spielstäbe baue ich demnächst mal und in das Innere des Körpers möchte ich noch einen leichten Stoff einsetzen.  

Spielbar ist es aber jetzt schon und ein äußerst lebendiges und gut gelauntes Geschöpf. Mit dem werde ich bestimmt noch Spaß haben.

Mein Pulloverprojekt hat seinen spannenden Höhepunkt: Nachdem ich die späteren Kanten mit Doppelstichen gesichert habe, nehme ich eine Schere und schneide an den vorgesehenen Stellen den Halsausschnitt und die Ärmelöffnungen ein. Ich bin etwas nervös. Zum einen, weil man nie, nie, niemals in etwas Gestricktes schneiden darf, weil es sich dann aufribbelt, und zum anderen, weil ich inzwischen überzeugt bin, dass ich falsch gedacht habe und die gewünschte Halsform nicht rauskommen kann. Tja, das wird wohl der Witz und die Enttäuschung des Tages, wenn ich das aufgeschnittene Teil auseinanderziehe. Meine Logik beim logischen Ausrechnen ist nicht zwangsläufig logisch.

Doch dann. - ich breite das vorher ganz krumm verzogene, jetzt aufgeschnittene Strickstück aus ... - tadaaaa! Es ist genau richtig und hat einen halbrunden Halsausschnitt. Ich kann es kaum glauben.

Ich freue mich sehr. Vermutlich doppelt und dreifach, weil ich gar nicht mit einem guten Ergebnis gerechnet hatte. Anscheinend war mein logisches Denken und Maschenausrechnen komplett richtig. Ich hätte Mathe studieren oder irgendwas mit Logik machen müssen! Bevor ich jetzt aber mit den Ärmeln beginnen kann, muss ich die vielen Fäden auf der Rückseite einzeln vernähen. Das wird vermutlich eine ganze Woche dauern.

An einem Abend treffen wir uns mit beiden Söhnen in Düsseldorf und gehen ins Sushi-Restaurant Okinii. Die Coronalage ist nicht so, dass ich gerne ausgehen möchte, aber wir haben den Termin schon einmal verschoben und entscheiden nach langem Überlegen, dass wir es machen werden. Ins Okinii kommt man momentan nur mit 2G (geimpft oder genesen), und nach aktueller Angabe im Internet wird "die Anzahl der Gäste im Restaurant begrenzt (Abstandsregelung 1,5 Meter)". Ganz locker bin ich nicht, gerade weil 2G nur eine vermeintliche Sicherheit bietet, aber mit genügend Abstand finde ich es so gerade noch vertretbar. Lieber würde ich absagen, aber es gibt, außer dem unsicheren Gefühl und weil Kontaktvermeidung grundsätzlich die bessere Wahl wäre, keinen richtigen Grund.

Beim Einlass wird sehr sorgfältig der Impfstatus mit Personalausweis geprüft und wir müssen eine Maske tragen, bis wir am Tisch sind. Zu unserer Verwunderung wird aber nicht nur jeder zweite Tisch besetzt, sondern jeder. Damit beträgt der Abstand zum Nachbartisch weniger als 1,5 Meter. Ich bin überhaupt nicht mehr gewohnt, so nah mit vielen Menschen in einem Raum zu sitzen. Mir ist das unangenehm, gerade in einer Zeit, in der die Ansteckungszahlen täglich höher werden. Wir verlassen uns auf die 2Gs, die Lüftung und hoffen, dass niemand in der Nähe infiziert ist. Nochmal werde ich das in der nächsten Zeit aber nicht machen.

Das Essen ist jedenfalls sehr lecker. Wir wählen uns in mehreren Etappen quer durch die gesamte Karte, wechseln zwischen kalten und warmen Speisen, essen Algensalat, Teigtaschen und Sesameis und sind am Ende so satt, dass der halbstündige Fußweg durch die frische Luft bis zum geparkten Auto sehr gut passt. Das Sushi-Dinner für vier Personen ist schon ziemlich teuer, aber das relativiert sich am nächsten Tag, an dem wir noch so satt sind, dass wir so gut wie nichts essen. 

Vor neun Jahren haben wir als Familie eine Woche Urlaub auf Island verbracht. Die vielen Fotos der spannenden Reise wurden danach durch einen unerwarteten Wechsel der Nummernvergabe nicht in der korrekten Reihenfolge auf der Festplatte abgelegt. Sie beginnen mit dem dritten Tag, dann kommt ein Teil des ersten Tages, es folgen einige Bilder des vorletzten Tages, dann die Hälfte des letzten ... Vor lauter Angst, dass ich da niemals wieder durchblicke und die meisten Fotos nicht mehr zuordnen kann, habe ich das Sortieren immer vor mir hergeschoben. Neun Jahre lang. 

Jetzt suche ich mir das damals grob notierte Reisetagebuch heraus und konstruiere damit und mit alten Trackerdaten den Reiseverlauf und die Reihenfolge der Fotos. Nach konzentrierter Arbeit habe ich endlich alle Fotos nach Tagen und in der richtigen Reihenfolge sortiert und kann mit dem Fotobuch loslegen. Nach und nach kommen immer mehr Erinnerungen dazu, und weil ich sehr viele Stunden mit dem Bearbeiten der Fotos, der Zusammenstellung und dem Beschriften beschäftigt bin, fühle ich mich wie aktuell in Island. Der Kopf ist unterwegs, sieht weite Lavafelder, sprudelnde Flüsse, hohe Wasserfälle und Möwen, die unter mir in der Schlucht kreisen.

Jeden Tag bin ich so intensiv mit dem Fotobuch und dem Hin- und Herschieben der Bilder beschäftigt, dass ich in einer Nacht träume, dass das fertig gedruckte Fotobuch angekommen ist und ich es mir ansehe. Oh, nein! Überall kommen Fotos doppelt und dreifach vor, die Abstände sind unsauber und auf einigen Seiten sehe ich mehrere unsortierte Fotos unter den anderen liegen, so dass sie fast vollständig überdeckt werden. Warum ist mir das nicht vorher beim Bearbeiten aufgefallen, frage ich mich entsetzt und wache auf. Puh!  

Sehr gut ist die Beatles-Doku "Get back", die acht Stunden lang großartig zusammengeschnittene Szenen aus den Get-Back Sessions von 1969 zeigt. Sie läuft gerade bei Disney+ und der Gatte hat nur dafür einen Monat ein Abo abgeschlossen. Es hat sich gelohnt. Wir sitzen fasziniert vor dem Fernseher und tauchen in eine Welt, die 50 Jahre zurückliegt, uns aber wie nicht mal wie 20 Jahre her vorkommt. Es ist intensiv, nah, berührend und es zeigt sehr gut die damalige Atmosphäre.

Außerdem verändert sie meine bisherige Meinung über die Charaktere, die ja nicht durch persönliches Kennenlernen, sondern durch das öffentliche Bild zustande gekommen ist. Der ruhige George war ganz schön anstrengend, der lustige Ringo ganz schön zuverlässig, der kritische John albern und oft nachlässig und der brave Paul ein kreativer Antreiber, der lieber diszipliniert arbeiten wollte und sich oft zurückhielt, um die Stimmung nicht kippen zu lassen. Yoko nervt mich noch mehr als ich befürchtet hatte, wie sie stumm immer neben John und damit mitten im Geschehen sitzt, aber die Probleme der Band liegen ganz woanders, was gut zu sehen und nachzuvollziehen ist. Die großen Beatles sind 1969 Musiker, bei denen ziemlich viel Luft raus ist und die sich oft unkreativ durch Rock'n'Roll Klassiker schrammen und mehr albern als kreativ sind.

So wie ich nach dem Drehen des kleinen Raumschiff -Videoclips mit den Wise Guys immer das sichere Gefühl habe, ich wäre mal wirklich im Enterprise-Raumschiff gewesen, werde ich jetzt auch immer wissen, wie es damals war, als ich 1969 mit der Kamera die Beatles bei ihren Get-Back-Tagen begleitet habe. Wenn ich später im Altersheim mal komische Sachen erzähle - ich sage das nicht aus Verwirrung, sondern weil ich das fest glaube.

 

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