Blog 706 - 07.11.2021 - Freie Kreativzeit und das Seelenheil

Wie konnte es eigentlich passieren, dass ich seit Monaten kaum noch Zeit für meine kreative Arbeit finde? Und das in Coronazeiten, in denen ich nur wenige andere Termine habe? Ja, gut, der Gatte macht seit einem Jahr Homeoffice und ist fast durchgehend zuhause, der Sohn wohnt übergangsweise auch wieder da, meine Eltern brauchen steigende Unterstützung und es ist immer etwas zu tun, aber trotzdem wundere ich mich, dass die Tage so voll und schnell vorbei sind. Umso mehr freue ich mich, dass sich mit den Mittwochnachmittagen, die ich ab jetzt für mich reserviere, wieder ein erstes Zeitfenster für mich öffnet.

Die lange Zeit ohne Nutzung bringt es mit sich, dass sich mein Arbeitszimmer mit abgestellten Sachen füllt. Neu gekaufte Fleecestoffe, alte Schallplatten, eine Kiste mit Dias, Briefe, Fotos, Puppenaugen, Schaumstoffblöcke ...  Sorgfältig räume ich die Anfang des Jahres gebaute Figur vom Tisch, die, noch umgeben von Fleece- und Plüschresten, Nadeln und Scheren, seit dem Frühsommer dort wartet. Sie ist komplett fertig und war für einen Auftritt geplant, der wegen Corona weit verschoben werden musste. Jetzt packe ich sie in eine Plastikhülle, damit sie geschützt auf ihren Einsatz warten kann.

Glücklicherweise kann ich schon gut arbeiten, wenn mein Werkzeug griffbereit ist und der Tisch einen freien Arbeitsbereich hat, egal, wie es sich hinter und neben mir stapelt. Wenn ich jetzt erstmal komplett aufräumen würde, wäre ich die nächsten Mittwoche nur damit beschäftigt. So ein selektiver Blick ist schon etwas Feines!

In der letzten Woche war ich mir sicher, dass ich zuerst an der Kinderbuchgeschichte arbeiten will, aber jetzt merke ich, dass ich nicht stundenlang vor dem Computer sitzen und tippen möchte. Erstmal muss ich eine Klappmaulpuppe bauen, damit ich die Kreativität sehen und das Werkeln mit den Händen intensiv spüren kann. Drei sehr verschiedene Figuren schwirren mir schon länger im Kopf herum und ich muss mich nur kurz entscheiden, welche es werden soll. Dann schneide ich ein Stück vom Schaumstoffblock ab und beginne zu schnitzen. Ach, was für eine Freude! Ein Lichtkreis über dem Tisch, leise Musik, eine Tasse Tee, ungestörte Konzentration auf die entstehende Form und viele, viele Schaumstoffschnipsel. Ich bin sofort tiefenentspannt.

Am Abend höre ich auf, weil der Figurenkopf fertig geschnitzt und das Klappmaul gebaut und geklebt ist. Vor dem Beziehen mit Stoff muss ich nun erst die Augen bohren und zusammensetzen - das werde ich in den nächsten Tagen machen, weil es zwischendurch Trockenzeiten braucht. Ein erstes Probezusammensetzen mit Augendummies und einem Stück Langhaarplüsch lässt mich sofort lächeln. Ja, da entsteht ein ganz eigenes Wesen. Wie gut es tut, dass ich wieder etwas Zeit für meine Sachen habe! Und wie schön, dass ich endlich wieder eine Spur von feinen Schaumstoffschnipseln hinter mir herziehe und sie in der ganzen Wohnung verteile. Da hilft auch gutes Abklopfen nicht. Ich verliere Schnipsel wie Hänsel und Gretel ihre Brotbröckchen. Yeah! The Kreativität is wieder in the house!

Der Herbst bringt hin und wieder Regenschauer, was in den vor kurzem überfluteten Gebieten argwöhnisch gesehen wird. Natürlich ergibt ein starker Regen nicht sofort Hochwasser, aber sich anstauende Wasserpfützen auf der Straße wecken unangenehme Gefühle. Blasen auf Regenpfützen waren früher für mich "Spaß und Sommerregen", jetzt höre ich im Kopf Schafe schreien und sehe den unheimlich breit angewachsenen, die ganze Ebene füllenden Strom vor mir. Die Hilflosigkeit, wenn eine Naturgewalt loslegt und man nur abwarten kann, wann es aufhört, ist prägend und bringt eine tief sitzende Unsicherheit. Ich denke oft an die Bewohner auf La Palma, denen seit Wochen die Erde unter den Füßen bebt und der Vulkan über die Köpfe spuckt, und die nicht absehen können, wie schlimm es noch wird und wann es aufhört. 

Wie es im Leben so ist, gibt es mitten im Regen auch oft einen Regenbogen. Ein physikalisch logisch erklärbares, aber trotzdem zauberhaftes Märchengebilde. 

Am Ende der Woche findet nach ewig langer Coronapause endlich wieder ein privates Krimidinner statt. Wie viel Zeit seit dem letzten vergangen ist, ist an einem mitgebrachten Kind zu sehen, dass beim letzten Termin noch im mütterlichen Bauch steckte und inzwischen laufen kann, Kekse isst und Sätze versteht. Beim Krimi befinden wir uns in Ägypten und ich bin die jugendliche Tochter eines Archäologen. Die Rollen werden blind ausgelost und es wird nicht zwischen Männern und Frauen aufgeteilt. Das macht besonderen Spaß. Und darum ist der Mitspieler neben mir eine Journalistin - etwa 1,90 m groß, sportlich durchtrainiert, im gelben Kleid, mit Sommerhut und haarigen Beinen. Während wir am Fall rätseln und uns gegenseitig verdächtigen, essen wir Kuchen und Snacks und freuen uns, dass wir uns wieder sehen.

Der Fair-Isle-Pullover wächst an den Abenden Reihe um Reihe. Es ist wirklich erstaunlich, wie schnell das geht. Voraussetzung ist aber ein "Hör-Film", der weitgehend hörend zu verfolgen ist und bei dem ich nicht ständig hingucken muss, weil alles Wichtige stumm passiert. Dokus und alte Klassiker passen meistens perfekt. Cineastische Meisterwerke mit großartigen Bildern gehen nicht.

Zwischendurch baue ich auch die Augen für meine Puppe. In der nächsten Woche kann ich mit dem Beziehen des Kopfes beginnen und sie danach einsetzen. Weil ich mir nur einmal in der Woche richtig Zeit nehme, wird alles etwas dauern, bis es fertig ist, aber ich merke schon jetzt deutlich, wie gut mir die Zeit tut. Das kreative Werkeln hat mir so gefehlt!

Mir fällt meine Freundin Renate ein, mit der ich als Kind und Jugendliche gemeinsam in der Schule und im Schwimmtraining war. Sie musste später Geld für ihr Studium und ihren Lebensunterhalt verdienen und war in einem Sommer meine Urlaubsaushilfe an meiner Arbeitsstelle. Während der Einarbeitung fühlte sich Renate erschöpft, denn sie übernahm nicht nur von 9 bis 18 Uhr meine Arbeit und fuhr die 25 km mit dem Rad dorthin, sondern trug morgens früh schon täglich Zeitungen aus, einmal in der Woche zusätzlich eine Regionalzeitung, und half an ein bis zwei Abenden in der Küche einer Kneipe, wo sie auch Frikadellen nach eigenem Rezept briet, die heißbegehrt waren. Kein Wunder, dass sie sich erschöpft fühlte!

Als ich aus dem Urlaub zurückkam, begrüßte sie mich freudig und gut gelaunt. "Mir geht es viel besser!", sagte sie, "ich habe herausgefunden, warum ich mich so schlapp fühlte. Es war der Sport. Der fehlte mir. Jetzt laufe ich fast jeden Abend noch oder trainiere eine Stunde im Schwimmbad und seitdem ist alles wieder gut." Unfassbarerweise hatte sie keine der anderen Tätigkeiten aufgegeben oder eingeschränkt, sondern den Sport zusätzlich gemacht. Aber der war eben das, was sie für ihren Ausgleich und ihr Seelenheil brauchte.

Vor fünf Jahren ist die immer aktive Renate sehr unerwartet und plötzlich gestorben. Dass sie schwer krank war, hat sie mit ihren Trainingsrunden und dem Sportlerehrgeiz vermutlich einfach übersehen. Wenn es schwerfällt, trainiert man eben noch etwas mehr, um wieder auf das alte Niveau zu kommen. Wenn ich an sie denke, fallen mir immer sofort ihr Humor, ihr Lachen, ihre knappen, treffsicheren Sprüche, ihr oft leicht schräg gestellter Kopf, weil sie auf einem Ohr nicht hören konnte, aber auch ihr immer vorhandener Schuss Pessimismus ein. Wer sonst als Renate könnte eine Postkarte schicken mit: "Wir haben geheiratet! - Mal sehen, ob es klappt." Als ich das damals las, bekam ich einen Lachanfall - und wenn ich jetzt dran denke, grinse ich immer noch.

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