Blog 705 - 31.10.2021 - Sünden, Galle und Kabelkanal

Am Sonntag geht es dem Sohn, der mit seinem steckengebliebenen Gallenstein das Wochenende über Zuhause ist, immer noch so gut, dass ich am Nachmittag unbesorgt nach Köln fahren kann. In der Christuskirche findet "7 Sünden" statt, eine Auseinandersetzung verschiedener Künstler mit dem Thema der "Todsünden".

Mehrere Stationen sind im Innenraum der Kirche, in Nebenräumen, im Turm, im Keller und in der Tiefgarage aufgebaut, an denen jeweils der nächste Programmpunkt gespielt, performt oder betrachtet wird. Ich sehe mir das weniger wegen der Sünden an, als wegen der Mitmacher. Iris Schleuss spielt Figurentheater - bei ihr war ich im letzten Jahr Handspielerin bei "Pretty in Plüsch", die Puppe dazu wurde von Bodo Schulte gebaut - bei dem ich sowieso alles über Puppenbauen und -spielen gelernt habe, und entworfen wurde die Figur von Torsten Wolber - in dessen Atelier ich letztens zu Besuch war und der mehrere Bilder und eine Installation für die "Sünden" gemacht hat. Die Beiträge der drei sind zufällig auch die Stationen, die mir am besten gefallen. Außerdem finde ich den jungen Pfarrer Tim Lahr gut, der das Thema Völlerei darstellt, indem er in einem vermeintlich sakralen Rahmen unbeherrscht Hostien verschlingt. Erschreckend, weil es so falsch wirkt, und dadurch großartig.

Am Ende der Vorführung ist mir meine Bahn für die Rückfahrt gerade entwischt. Weil ich 40 Minuten auf die Abfahrt der nächsten warten und dann noch weitere 12 Minuten beim Umsteigen verlieren würde, bietet der Gatte an, mich mit dem Auto abzuholen. Das geht deutlich schneller. Das ist das Problem beim öffentlichen Nahverkehr: Immer wieder warte ich auf eine Bahn, fahre vorher sogar mit dem Auto bis zum Startbahnhof, weil die Busverbindungen auch nicht so dolle sind, bezahle pro einfache Fahrt aber 5,30 Euro. Das sind mehr als 10 Euro für die Bahnfahrt nach Köln und zurück. Nicht sehr reizvoll, wenn mich das Auto ähnlich schnell hinfährt, das Parkhaus meist nicht teurer ist und ich mit dem Auto auch abends problemlos wieder nach Hause komme.

Während der Gatte losfährt, laufe ich ihm schonmal entgegen und gehe dabei quer über den Melatenfriedhof, um gezielt an der anderen Seite rauszukommen. Und wie das auf dem großen, schönen Melatenfriedhof so ist, verliere ich auf den geschwungenen Wegen die Übersicht. Mmh, in welche Richtung muss ich jetzt gehen? Links oder geradeaus? Oder doch rechts? Langsam wird es dunkel. Na prima. Wann werden die Tore im Oktober geschlossen? Vielleicht in wenigen Minuten - dann stehe ich unbemerkt mittendrin und kann mir ein nettes Grabmal zum Übernachten suchen. Warum habe ich mich nicht nach der Veranstaltung gemütlich in ein Café gesetzt und 40 Minuten später die Bahn genommen? Der Gatte meldet sich und steht irgendwo im Stau, und ich stehe vor dem Sensenmann. So heißt die Gestalt tatsächlich, die für manche Leute sehr gruselig ist, die ich aber faszinierend und schön finde.

Endlich finde ich den passenden Ausgang vom Friedhof, der sich im Stau langsam nähernde Gatte findet mich etwas später, gemeinsam stehen wir auf der Rückfahrt ebenfalls im Stau - und sind eine Stunde später zuhause als ich es mit Bahnfahren gewesen wäre. Tja, das ist das Problem beim Autofahren nach Köln: Es kann Stau geben, und dann sind die Vorteile schnell weg. Das Café wäre wirklich die bessere Alternative gewesen. 

Am nächsten Morgen bringe ich den Sohn um 8 Uhr zu seinem Gallenstein-Entfernungs-Termin ins Krankenhaus. Dort hat man ihn versehentlich nicht auf der Liste eingetragen, so dass er erstmal bis nach dem Mittag rumsitzt. Dann werden die Untersuchungen von Freitag von einem anderen Arzt nochmal gemacht, mit dem Ergebnis, dass der Gallenstein entfernt werden soll. Und zwar schnell. Am frühen Nachmittag wird der Stein unter kurzer Narkose endoskopisch rausgeholt, danach wartet der Sohn auf einen Bescheid, wie es weitergeht. Niemand kann ihm sagen, ob er nach Hause darf oder bleiben soll, es gibt allerdings auch kein freies Bett. Er sitzt herum und wird vertröstet. Wir fragen ihn, ob er eine Entlassung auf eigene Verantwortung machen kann. Er smst zurück: "Ich werde es ansprechen, wenn ich mal wieder mit befugtem Personal konfrontiert werde." Sein zynischer Humor ist weiterhin da. Am Abend ist endlich klar, dass er sicherheitshalber über Nacht bleiben soll. Er bekommt ein Zusatzbett in ein Zimmer geschoben und ich bringe ihm seine Krankenhaustasche vorbei.

Am nächsten Tag wartet er stundenlang, dass jemand für seine Entlassung zuständig ist, aber dann zeigt die Bauchspeicheldrüse nach dem Eingriff etwas zu schlechte Werte, so dass er sicherheitshalber noch eine Nacht dort bleiben muss. Am nächsten Tag, dem Mittwoch, erreichen wir ihn den gesamten Vormittag über nicht. Er beantwortet keine SMS und geht nicht ans Handy. Ich bin den ganzen Vormittag bei meinen Eltern beschäftigt und fahre sicherheitshalber auf dem Rückweg zum Krankenhaus. Er ist nicht in seinem Zimmer und die beiden anderen Patienten sagen: "Der ist schon seit heute Morgen weg." Leicht beunruhigt frage ich beim Pflegepersonal nach. Das blättert hektisch in den Papieren, um zu sehen, warum er weg ist. "Der ist bei der OP-Vorbereitung", stellt jemand fest. "Er wird operiert??", frage ich. "Nein, es ist erst die Besprechung für eine Operation." Ich finde ihn im Wartebereich zur OP-Besprechung, wo er seit dem Morgen sitzt und wartet. Inzwischen ist es 14 Uhr, sein Mittagessen im Zimmer ist schon lange wieder abgeräumt. Kurz darauf ist er dran und erfährt, dass der OP-Termin für seine Gallenentfernung für den nächsten Nachmittag angesetzt ist. Gut. Seit zehn Jahren hatte er immer mal wieder Probleme mit der Galle, es gibt aber nie den idealen Zeitpunkt, um deswegen ins Krankenhaus zu gehen. Dann eben jetzt, wo er sowieso da ist. 

Am Donnerstag isst und trinkt er ab morgens nichts, wartet, spricht mit der Anästhesistin, zieht um 14 Uhr OP-Kleidung an, wartet weiter - dann wird die OP gegen 16 Uhr plötzlich abgesagt und auf den nächsten Tag verschoben, weil zwei Notfälle vorgezogen werden müssen. Ach, herrje! Aber trotzdem ist es gut, dass man als Notfallpatient schnell behandelt wird, wenn es dringend ist. Da müssen andere Patienten eben warten. Außerdem ist zu merken, wie viel im Krankenhaus los ist, dass das Pflegepersonal und die Ärzte zügig arbeiten, immer wieder über die Gänge eilen, ständig angeklingelt werden und sichtlich viel zu tun haben. So ist es, wenn es in den Krankenhäusern viele Patienten, aber zu wenig Personal gibt. Alle rotieren, aber es stockt trotzdem immer wieder. Dass unser Krankenhaus in Erftstadt bei der Flut im Wasser stand und jetzt ein entkernter, nicht nutzbarer Rohbau ist, macht die Lage für die umliegenden Krankenhäuser nicht einfacher.

Am Freitagmittag meldet sich der Sohn und die OP ist schon vorbei, er wieder wach und außerdem erstaunlich fit. Nur die Gallenblase fehlt. Ach, was ist an der Warterei, am nicht leckeren Essen und an nervigen Mitpatienten schon schlimm, wenn das Personal nett ist, überall gearbeitet wird und die Operation super verläuft. Die gute medizinische Versorgung ist die Hauptsache. Am Samstag heißt es, dass die Entlassung am Sonntagmorgen sein wird, sobald der Arzt da war. Wird schon klappen.

Nachdem in den beiden letzten Wochen schon viel zu tun und ich an drei Vormittagen bei meinen Eltern war, steigert sich das in dieser noch. Es ist nicht zu glauben. Es gibt viele Autofahrten, Krankenhausbesuche, Arztbesuche, Impftermine, Pflegedienstkontakte, Krankenkassenanrufe und Anträgeausfüllungen. Ich bin an vier Tagen bei meinen Eltern und fahre auch mehrmals zum Krankenhaus, um den Sohn zu treffen oder ihm etwas vorbeizubringen. Das Benzin kostet 1,70 pro Liter und ich fahre so viel hin und her, dass ich zweimal tanken muss. Puh! 

Bei meinen Eltern geht dem geleerten, gereinigten und wieder gefüllten Teich weiterhin das Wasser aus. Irgendwo muss eine undichte Stelle sein. Aber wo? Während wir das Wasser sickern lassen, versenke ich Kabel für einen Rasenmäherroboter. Bis dahin dachte ich, dass man das Rasenmäherteil in seiner kleinen Garage abstellt, die Mähfläche irgendwo eingibt mit: "Von hier 4 Meter nach links, 10 Meter geradeaus, 5 nach rechts" oder so, und dem Roboter alles klar ist. Oder er bekommt irgendwelche GPS-Koordinaten und arbeitet per Satellit. Was weiß ich. Mein Vater hat ein Modell geholt, das ein unterirdisches Leitkabel in der Mitte der Fläche und ein komplett um die Fläche gezogenes, unterirdisches Grenzkabel haben muss, um dann an der Oberfläche kabellos arbeiten zu können. Es ist ganz schön anstrengend und geht gar nicht mal so schnell, einen Kabelkanal im vorgeschriebenen Abstand zu Wegen und Mauern zu stechen. Zum Glück ist der Garten übersichtlich und hat keine 8000 Quadratmeter große Rasenfläche.

Die Woche ist übervoll. Als ich eine Terminanfrage für den nächsten Mittwochnachmittag bekomme, will ich erst netterweise zusagen, bin dann aber sehr konsequent und sage ab. Mittwochnachmittag!! Es ist der erste Mittwoch im November, und ab da sind doch alle Mittwoche ab mittags geblockt, damit ich ungestört und kreativ an meinen eigenen Sachen arbeiten kann. Wenn ich schon beim ersten Mal eine Ausnahme machen würde, könnte ich es gleich aufgeben. Zum Glück habe ich meinen Musterpullover. Es ist völlig egal, was abends im Fernsehen läuft, ich koche mir einen Tee, sinke in den Sessel und greife zum Strickzeug. Das ist Ruhe und Entspannung und trotzdem kreative Produktivität. Ein perfekter Ausgleich.

 

Blogübersicht nächstervorheriger