Blog 704 - 24.10.2021 - Tulpen setzen, Fische fangen und Verwegenheit

Mit einer Spitzhacke und einer Tüte voller Tulpenzwiebeln schaffe ich im Vorgarten den Beginn eines Tulpenmeeres. In die trockene, harte Erde hacke ich kleine Löcher und versenke die Zwiebeln einzeln darin. Intuitiv lasse ich zwischendurch auch mal ein schmales Stück Erde zwiebelfrei, um im Frühjahr dort noch entlanglaufen zu können. Ganz schnell verliere ich dabei jegliche Übersicht, wo Zwiebeln liegen und in welchem Abstand, denn sobald Erde drüberliegt, ist nicht mehr zu erkennen, wo ich etwas eingegraben habe. Das wird Überraschungen geben - vor allem für mich.

Während ich noch schwitzend hacke, denke ich, dass ich gerade etwas für die Zukunft anlege. Wenn alles klappt, wird das Tulpenmeer in jedem Jahr größer, dichter und bunter werden wird. In hundert Jahren wird vielleicht jemand kräftig fluchen, weil an diesem verdammten Hang in jedem Frühjahr tausende von Tulpen aus dem Boden kommen und es einfach nicht zu schaffen ist, die Zwiebeln endgültig zu entfernen und dieser schrecklichen Tulpenplage Herr zu werden. Oder Frau. Je nachdem.

Die Woche geht mit Kleinkram, Telefonaten, Autofahrten, Mittagessen kochen und Besuchen zügig herum. Außerdem fange ich Fische. Die müssen bei meinen Eltern aus einem kleinen Gartenteich raus, der auf seine Dichtigkeit untersucht werden muss. Vor dem Fischefangen zähle ich im klaren Wasser durch: Es sind neun rote, ein gelber und zwei schwarze Fische drin. Ich möchte, dass keiner versehentlich vergessen wird und dann im Schlamm austrocknet oder auf dem Kompost landet. Sie alle sollen die Zeit übergangsweise in einem Holzbottich verbringen.

Während das Wasser vorsichtig abgepumpt wird, versuche ich die Fische mit dem Kescher zu fangen. Einmal eingetaucht, wirbelt er den feinen Schlamm vom Boden auf und sofort sind die Fische in der trüben Brühe nicht mehr zu sehen. Na prima! Auf gut Glück stochere ich herum, habe hin und wieder zufällig einen Fisch im Kescher und sammle die restlichen ein, als sie schließlich im flachen Wasser zappeln. Am Ende habe ich einen gelben und einen schwarzen Fisch mehr als vorher gezählt. Außerdem springen plötzlich zwei große Frösche aus der dünnen Matschschicht, bei denen ich immer noch rätsel, wie sie sich so gut verstecken konnten. Meister der Tarnung. Die Fische kommen in den Bottich, die Frösche in den Garten - in der nächsten Woche geht es mit der Arbeit am leeren Teich weiter.

Dass meine To-do-Liste momentan nicht kürzer wird, nehme ich inzwischen sogar mit Humor. Auch in der nächsten Woche gibt es plötzlich neue Termine bei meinen Eltern, so dass ich wieder an drei Tagen zu ihnen fahren werde. Der Sohn nimmt die lange To-do-Liste zum Anlass, einen Galleanfall zu bekommen, der nicht mal sehr stark ist, dafür aber nicht zu Ende geht. Auch vier Tage danach fühlt er sich noch müde und erschöpft. Ich fahre mit ihm zum Arzt, am nächsten Tag gibt es einen weiteren Arztbesuch - ich lache schon nur noch kopfschüttelnd, wenn die neuen Termine zwischen die schon vorhandenen gequetscht werden - danach muss er wegen der Dringlichkeit noch in die Notaufnahme des Krankenhauses im Nachbarort. Diagnose: Im Gang steckengebliebener Gallenstein, der zeitnah raus muss.

Während ich Zuhause schon eine Krankenhaustasche für ihn packe, wird entschieden, dass er übers Wochenende zurück kann und - falls es nicht vorher schlimmer wird - erst am Montag zur Steinentfernung ins Krankenhaus muss. Prima, den Montag hatte ich noch frei. Es ist tatsächlich prima, denn dann kann ich ihn zum Krankenhaus fahren, während ich am Dienstag, Mittwoch und Donnerstag schon feste Termine mit meinen Eltern habe, die nur schwierig zu verschieben wären. Passt also. Ich könnte ihn sogar am Montagnachmittag jederzeit wieder abholen, falls alles ambulant klappt. Falls er eine Nacht bleiben muss, wird es schwieriger. Dann könnte ich aber ein Scan meiner To-do-Liste ans Krankenhaus schicken und dazu schreiben: Abholung am Freitag würde passen. 

Trotz aller Termine geht es beim Pulloverstricken gut weiter, denn abends bin ich Zuhause. Ich habe gerade so viel Spaß am Musterstricken, dass ich Gründe suche, um am Abend möglichst früh vor dem Fernseher zu sitzen. Ein Grund ist dabei auch mein linkes Knie, das immer noch weh tut, seitdem mir der Pflasterstein auf den rechten Zeh fiel. Ein Zusammenhang, der sich nur damit erklären lässt, dass ich danach beim Laufen einer Strecke von 12.000 Schritten den rechten Zeh schonte und das linke Knie durch die schonende Fehlhaltung überstrapazierte. Aber ein schmerzendes Knie hört sich alt, verbraucht und uncool an. Ich möchte, wenn mich jemand auf mein Humpeln anspricht, lieber sagen, dass ich beim letzten Gleitschirmflug ungeschickt gelandet bin. Oder in ein Luftloch gestolpert. Eine Aura von Aktivität und Verwegenheit soll mich umgeben, nicht von Verfall und Defekten. Es fragt leider niemand. Andererseits: Einen 2,4-Kilo-Stein aus einem Meter Höhe auf den Zeh fallen zu lassen, ist auch ziemlich verwegen. Na, egal. Das Knie ist ein guter Grund für den abendlichen Sessel und den gut gelaunten Griff zum Strickprojekt.

Ich gehe immer noch davon aus, dass in zwei Wochen, wenn mein freier, geblockter, wöchentlicher Mittwochnachmittag startet, wie von Zauberhand kaum noch neue Termine anstehen und ich viel mehr Zeit haben werde. Meine Hirnzellen überlegen schon, ob sie mit dem Schreiben des neuen Kinderbuches weitermachen möchten, zuerst eine Klappmaulpuppe bauen oder doch mit dem ungeduldig erwarteten Ausprobieren des Ölmalens loslegen. Ich lasse sie diskutieren, vermute aber, dass sie zum Schreiben tendieren. Die Geschichte ist schon begonnen, hätte aber verschiedene Varianten bis zu ihrer Auflösung. Da muss ich mich mal für eine entscheiden.

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