Dramaturgiekurs - Von der Hand ins Herz - 2015

Seminarleiter: Bodo Schulte,
Figurentheater-Kolleg Bochum, Januar 2015


Fünf Tage lang bin ich im Bochumer Figurentheater-Kolleg. "Schon wieder?", werden aufmerksame Leser fragen. "Ja", kann ich nur schlicht antworten und dabei vergnügt aussehen. "Von der Hand ins Herz" ist der schöne Titel des Kurses, in dem es um das Schreiben und die Dramaturgie geht. Wie schaffe ich es, dass mein am Schreibtisch entwickeltes Stück die Zuschauer emotional berührt? Warum sind manche Szenen langweilig, wo bleiben die Zuschauer gebannt dabei und welche Fehler können eine Geschichte empfindlich stören? Der Dozent ist Bodo Schulte, der nicht nur Puppen bauen und mit ihnen spielen kann, sondern sich auch in der Regie und dem Schreiben von Stücken sehr gut auskennt.

Am Flipchart gibt es die Theorie, beginnend mit dem Märchen von Schneewittchen und dem Betrachten der verschiedenen Spannungskurven von Schneewittchen und der bösen Stiefmutter. Sieht lustig aus, bringt aber schnell nahe, um was es geht. Von rechts nach links zu gehen ist langweilig. Erst wenn es Hürden gibt, die den Weg behindern und überwunden werden, wird es interessant.Und erst wenn die "Fallhöhe" hoch ist, der Held oder Protagonist sehr viel verlieren kann, fiebern wir mit.

Mit Handpuppen, die nur aus gelben, auf den Zeigefinger gesteckten Schaumstoffbällen bestehen, werden an der Spielleiste kleine Szenen gespielt, die danach analysiert werden. Das ist viel einfacher zu begreifen als jede Theorie, denn wir merken schnell, was uns als Zuschauer langweilt und was uns fasziniert. "Komm auf die Bühne, guck dich um und gehe wieder ab!", ist die erste Aufgabe. Egal wie schön es gespielt ist, es ist langweilig und reißt nicht mit, wenn wir nicht wissen, warum die Puppe kommt oder wo sie hingeht. Hören wir einen Schrei, die Puppe kommt angerannt, blickt sich hektisch um und läuft weg, ist unsere Aufmerksamkeit sofort da. Wovor läuft sie weg, wollen wir wissen und bleiben bei der Szene.

Es ist verblüffend, wie wenig Änderung es oft nur braucht, um eine Szene plötzlich spannend zu machen. Wir testen, führen vor und erkennen. Vieles, was ich bin dahin rein intuitiv beim Schreiben einer Geschichte gemacht habe, kann ich mir plötzlich erklären. Und anderes, an das ich nie gedacht hatte, wird mir klar. Es ist, als hätte Bodo Schulte ein Fenster aufgemacht, durch das ich mit wachen Augen in eine helle, klare Welt blicke und plötzlich die Zusammenhänge verstehe. "Zeit des Erwachens" fällt mir etwas theatralisch ein, aber so fühle ich mich tatsächlich. Es ist kein Zufall, dass meine Helden oft vor dem glücklichen Ende einer Geschichte unerwartet zurückgeworfen werden. Schon in alten Märchen ist es so. Wer sich selbst überwindet und sich immer wieder aufrichtet, wird für die menschliche Seele interessant. 

Wir lernen viel, probieren, verbessern, und am Ende des Seminars kann ich mit Begriffen wie Protagonist, antagonistische Kräfte, Fallhöhe, Point of no return und Exposition nicht nur sprachlich jonglieren, sondern weiß sogar, was damit gemeint ist. Und ich kann sie bewusst beim Entwickeln einer Geschichte einsetzen. Und das sind nur einige Begriffe aus der Fülle der neuen Erkenntnisse.

Es sind fünf Tage mit konzentriertem Arbeiten, Gelächter und abendlichem Filmgucken, um anhand neuer Filme und Klassiker zu sehen, wie die Dramaturgie eingesetzt wurde, wer der Protagonist ist, wie er gegen wen oder was kämpft und wo sich Wendepunkte in der Geschichte befinden. Am Ende des Kurses haben wir eine gute Übersicht über die Grundlagen der Dramaturgie. Und es ist plötzlich ganz klar, dass nicht Nemo der Protagonist des Filmes "Nemo" ist, sondern sein Vater.

Bodo Schulte als Dozent ist klasse, weil er die Theorie mit der Praxis verbindet, Zusammenhänge und Folgen sehr verständlich vermittelt und das große, komplizierte Gebiet der Dramaturgie aufbröselt und in eine überschaubare Basis zerlegt. Ich komme strahlend, hochmotiviert und mit innerem Feuer nach Hause. Das hat mich gewaltig weiter gebracht. Die neuen Erkenntnisse und die neuen Begriffe ersetzen nicht meine Phantasie und meine Kreativität, aber sie geben mir eine ganz neue Sicherheit beim Arbeiten, ohne dass sie mich einschränken. Großartig! Ich vergleiche es gerne mit einem ADAC-Kurs. Auch da kann ich vorher schon Auto fahren, aber die Konfrontation mit speziellen Techniken und das Wissen, wie ich mich in bestimmten Situationen idealerweise verhalten kann, bringt mir eine ruhige Sicherheit beim täglichen Fahren.