Baukurs Klappmaulpuppe - Fortgeschrittene - 2014

"Figuren aus Schaumstoff für Fortgeschrittene" - Seminarleiter: Bodo Schulte,
Figurentheater-Kolleg Bochum, Juni 2014


Eine Woche Aktivurlaub. Ich hätte Gleitschirmfliegen in der Toskana, Schnorcheln vor Griechenland oder Kunstflug über Cornwall wählen können, aber ich buche Schaumstoff-Schnippeln in Bochum. Dort gibt es im Figurentheater-Kolleg das Seminar "Figuren aus Schaumstoff für Fortgeschrittene", was so viel heißt wie "betreutes Bauen". Jeder baut eine Figur nach Wahl, und Seminarleiter und Betreuer Bodo Schulte ist da, um Tipps zu geben, spezielle Bautechniken zu erklären und für jedes kniffelige Problem eine Lösung zu finden. Nach zwei Anfängerkursen bei Bodo habe ich ein gutes Basiswissen und das Bedürfnis, nicht erneut Zeit mit der grundsätzlichen Theorie zu verbringen, sondern möglichst viel Gelegenheit zum Bauen zu haben. Etwas Aufbauwissen dazu, kleine Extras, die das Basiswissen verfeinern, und ich bin schon hochzufrieden. Dass ich inzwischen schon bei den "Fortgeschrittenen" mitmachen kann, ist ziemlich cool. Ich fühle mich, als wäre ich nach dem bestandenen Seepferdchen jetzt im Freischwimmerkurs.

Bei der kurzen Vorstellungsrunde zu Beginn des Seminars weiß ich immer noch nicht, ob ich eine "alternde Filmdiva" oder eine "Astro-TV-Beraterin" bauen möchte, entscheide mich dann aber plötzlich für die Filmdiva. Die soll geliftet, diätengewohnt und überschminkt aussehen und anscheinend schon länger auf Filmangebote warten, die nicht mehr kommen werden. Mal sehen, ob ich beim Bauen ungefähr herausholen kann, was ich mir vage vorstelle. Aber ich bin flexibel. Sollte ich während des Arbeitens merken, dass es eine Prinzessin oder ein Bauarbeiter wird, änder ich meinen Plan ganz einfach.

Im Kurs sitzen alles nette, sympathische Teilnehmer, die an unterschiedlichen Puppen arbeiten wollen. Ihre bauliche Vorbildung ist sehr verschieden, und nicht jeder, der woanders schon Figuren gebaut und damit den Fortgeschrittenen-Status erreicht hat, kennt sich mit der Bearbeitung von Schaumstoff aus. Auch Klappmäuler haben noch nicht alle gebaut. Einige Grundtheorien werden da wohl unvermeidlich sein, allerdings nicht mehr als Einheit für den gesamten Kurs, sondern nebenbei für Kleingruppen.

Weil sich die Teilnehmer am schnellsten über ihre Figuren identifizieren lassen - "Beate? Beate kenne ich nicht. ... Ach, der dicke Hamster! Jetzt weiß ich, wen du meinst!" -, haben die Teilnehmer sofort ihre zweite Identität. Es ist ein überwiegend tierischer Kurs. Die Kuh und der Strauß aus der Schweiz sind zu meiner großen Freude wieder dabei, die Katze auch und die Schweinefee, mit der ich (Filmdiva) im Spielkurs war. Neu für mich sind Fuchs, Ziege, humanoider Kopf, Tauchlehrer und Esel. Zwischendurch schlüpft noch ein Eichhörnchen rein, das im vergangenen Kurs nicht fertig wurde und letzte Bauhilfe braucht.

Wie immer beginnt bei mir alles mit einem Schaumstoffblock. Andere Kursteilnehmer wählen eine Schnittmustertechnik aus dünnen Schaumstoffplatten, die den Vorteil hat, dass die Figuren sehr leicht werden und beim Bauen schnell individuell gestaltet werden können. Ich überlege kurz, ob ich zur Abwechslung mal mit Platten bauen möchte, aber es kribbelt zu stark in meinen Schnitzfingern. Wahrscheinlich muss ich noch einige Puppen mit meiner persönlichen Lieblingsmethode bauen, die mir sehr viel Spaß macht und in der ich noch viel sicherer werden möchte, ehe ich bereit für einen anderen Weg bin. Außerdem ist es ja mein Urlaub, und wenn ich jetzt am allerliebsten an der Nordsee sein möchte, sollte ich nicht - nur um aus Vernunftgründen mal was anderes zu sehen - in die Alpen reisen.

Das Schnippeln von Schaumstoff erzeugt viele federleichte Schaumstoffschnipsel, die sich gerne in alle vorhandenen Ritzen setzen und auf Stoffen festklammern. Es ist erstaunlich, wie schnell der Werkraum aussieht, als hätte er seit Wochen keinen Besen mehr gesehen. Schon nach zwei Tagen zieht sich eine leichte Schaumstoffspur durch das ganze Kolleg, auch wenn wir sehr darauf achten, den Werkraum möglichst ohne Schnipsel zu verlassen. Oder zumindest mit nur wenigen.

Nach dem Schnippeln folgt das Nähen, dann wieder schnippeln, dann ausschneiden, zwischendurch mal kleben, dann wieder nähen ...  langsam entstehen an allen Tischen sehr unterschiedliche Klappmaulfiguren. Bodo, der vielleicht dachte, er könne bei einem Fortgeschrittenenkurs mal die Beine hochlegen, weil alle Teilnehmer genau wissen, was sie tun, ist fast mehr beschäftigt als bei den Anfängern. Überall tauchen Fragen auf, die auf die jeweilige Figur zugeschnitten sind  und meistens ganz individuell beantwortet werden müssen. Aus welchem Material werden die Ziegenhörner gemacht und wie halten sie am hohlen Ziegenkopf? Beim Esel soll das linke Ohr wackeln können, beim Eichhörnchen die Nase. Kuh und Ziege wollen große Augen haben, der Strauß weiß nicht, ob er vom Hals oder vom Kopf aus bespielt werden will und der Fuchs braucht Zähne.

Bis in die Nacht geht es in kleiner Runde weiter, und sogar für das Fußball-WM-Finale wollen Kuh, Strauß, Filmdiva, Katze und Schweinefee die Werkstatt nicht verlassen und erleben das Spiel ganz altmodisch am Radio. Es ist ein sehr lustiger, spannender und wunderbarer Abend, der mit seiner Atmosphäre und dem vielen Gelächter unvergesslich bleiben wird. Unmittelbar nach dem Spiel geht es zur Straßenecke, um zu erleben, wie nach dem WM-Sieg lautstark gefeiert, geböllert und hupend über die Straße gefahren wird, doch schon nach kurzer Zeit zieht es alle fünf in die Werkstatt zurück, wo an den Puppen weitergebaut wird. Man muss Prioritäten setzen.

Tagsüber zeigt Seminarleiter Bodo wie Augen gebaut, gebohrt und heißgeföhnt werden können, wie Mixturen abgewogen und mit ihnen Zähne gegossen werden und was sich alles mit Acryl beziehen lässt. Wie immer in seinen Kursen wird viel gearbeitet, viel gelernt und viel gelacht.

Jede Figur ist anders und es ist sehr interessant, was und wie die anderen Teilnehmer bauen. Immer wieder werden Handys gezückt, um in freundschaftlicher Industriespionage-Atmosphäre Arbeitsschritte und Anregungen zu sichern. Auch Bodo gibt freigiebig Tipps aus seinem großen Erfahrungsschatz und freut sich über jede gelungene Umsetzung.

Jeder Tag ist spannend. Die Figuren verändern sich und werden zu Persönlichkeiten. Der Tauchlehrer bekommt Füße, Zehen und Flip-Flops, die Kuh wird unerwartet orangefarben und zum Stier, die Schweinefee verliert das Feenhafte und wird zur dominanten Schweinefrau, der große Fuchs ist eine Füchsin, die korrekt Fähe heißt, aber trotzdem wie ein Fuchs aussieht, und die alternde Filmdiva bekommt Botox-Lippen und die Namen "Tussi" und "Schlampi". Und auch wenn sie auf den ersten Blick etwas abstoßend aussieht, ist auch ihre Einsamkeit und die Tragik ihres Lebens zu spüren. So etwas mag ich.

Am Ende des Kurses sind tolle Figuren entstanden, nur der humanoide Kopf war zwischendurch krank und wurde wegen der fehlenden Zeit nicht fertig. Die sechs langen Tage, die mir zu Beginn fast unendlich erschienen, sind in einem Rutsch vorbei und wirken im Nachhinein wie nur vier. Diese aber dicht gefüllt kreativem Bauen, frühstücken im Café Cheese, Frühlingsrollen beim vietnamesischen Chinesen, sehr wenig Schlaf, viel Gelächter und ganz vielen Anregungen und Ideen für neue Figuren.

Im Abschlussgespräch gibt es nur sehr zufriedene Teilnehmer, die sich mit ihren vielen, sehr unterschiedlichen Fragen gut aufgehoben fühlten und die allgemein schöne Atmosphäre loben. Und vor allem den Seminarleiter Bodo Schulte, der immer unterstützte, locker und gut verständlich erklärte, ermunterte, herausforderte und mit seinen Bemerkungen viel Gelächter auslöste. Kein Wunder, dass mich Gleitschirmfliegen, Schnorcheln und Kunstfliegen nicht reizen, wenn ich im Bodo-Kurs Figuren bauen kann.

Kaum bin ich mit meiner alternden Filmdiva zuhause angekommen, nehme ich mir hochmotiviert meinen fast fertigen Löwen vor. Ich trenne ihm da, wo er eigentlich fertig ist, einige Nähte auf, schneide Schaumstoffecken weg und mache große Löcher in den Körper. Dann baue ich ihm andere Schultergelenke ein, eine Variante, die ich gerade erst gelernt habe. Sie passen viel besser zu ihm und ich merke sofort, dass er jetzt zufrieden wirkt und nur noch einige kleine Details fehlen, bis er fertig ist.

Mit Mühe halte ich mich dann davon ab, sofort mit der nächsten Figur zu beginnen. Ich muss vernünftig sein. Ich bin doch gerade erst vom Kurs zurückgekommen, wo ich intensiv gebaut habe und irgendwann muss ja mal Schluss sein. Außerdem ... wenn ich jetzt in der Küche mit dem Schnippeln von Schaumstoff beginne und alle laufen da immer wieder durch und wirbeln alles hoch  ... Nein. ... obwohl ...  Morgen ist Montag. Habe ich da schon was vor?