Baukurs Klappmaulpuppe - Grundkurs - 2012

"Figurenbau aus Schaumstoff", Grundkurs, Seminarleiter: Bodo Schulte,
Figurentheater-Kolleg Bochum, August 2012


"Das Seminar in der nächsten Woche würde ich gegen kein Urlaubsangebot der Welt eintauschen", verkünde ich noch am Tag vor der Abfahrt, und dass ich eine Kurzreise nach New York oder einen Tauchkurs auf den Malediven lächelnd ablehnen würde. Ich will nach Bochum und dort eine Woche lang mit Schaumstoff arbeiten. Meine ich es ernst damit, dass es gerade kein Ziel gibt, das mir lieber ist, auch wenn ich nicht mal genau weiß, was in Bochum auf mich zukommt? Ja. Ob ich diese Meinung auch am Ende der Woche noch haben werde?

Tag 1

Im Figurentheater-Kolleg in Bochum findet sechs Tage lang das Seminar "Figurenbau aus Schaumstoff" statt. Angemeldet habe ich mich spontan, nachdem Daniela, eine Schweizerin, die ich nur per Mail kenne, fragt, ob ich nicht auch kommen möchte. Seit langem möchte ich eine richtige Klappmaulpuppe bauen. Mein Drache aus dem letzten Theaterstück war zwar süß, aber fehlerhaft. Ich will unbedingt wissen, wie es geht. Zusammen mit Daniela kommt Monika aus der Schweiz, die ich ebenfalls nur per Mail kenne. Andere Leute aus dem Kurs kenne ich überhaupt nicht. Der Dozent ist der Puppenspieler Bodo Schulte, bei dem ich nur mal auf die Homepage geguckt habe. Durch ein Versehen gibt es keine Liste der Dinge, die die Teilnehmer mitbringen sollen, und ich weiß nicht mal, ob ich dort eine spielbare Puppe bauen kann. Trotzdem frage ich mich keine Sekunde, was ich da gerade mache, als ich vor der Tür stehe.

Zuerst begegnet mir Bodo Schulte, der kistenweise Material ins Haus schleppt, und ich mag ihn sofort. Humorvoll und lässig - prima. Im Büro werde ich so herzlich empfangen, als wäre ich schon mehrfach dort gewesen, dann laufen mir Daniela und Monika über den Weg - wunderbar, passt, das merke ich sofort. Die anderen Kursteilnehmer erweisen sich in der Vorstellungsrunde als sehr nett, und schon sitzen wir in einer ersten Theorie über Schaumstoffe und Filterschäume. Weich, mittel, hart, gelb, grün, blau, 40/40, 28/70, 30/60. Ich wusste gar nicht, dass es so viele Sorten gibt.

Dann geht es in den Werkraum. Ernst und aufmerksam schauen wir auf eine Schultafel, auf die der Dozenten-Lehrer Bodo Dreiecke, Kreise und Birnen, die Grundformen der Puppenköpfe malt. Die lange Nase von Pinocchio sieht in einer technischen Zeichnung von vorne ganz anders als von der Seite aus. Ich gucke seriös und finde es total witzig. Und total schön. Hätte ich doch auch in der Schule immer so begeistert vor dem Lehrstoff gesessen!

Erste Aufgabe ist die Herstellung eines runden Balls aus einem viereckigen Schaumstoffwürfel. Das ist doppelt so schwierig wie es sich anhört. Es dauert ganz schön lange und ich brauche ja gar keinen Tennisball, aber ich vertraue dem Kursleiter, dass er weiß, was wir da tun. Danach geht es an einen kleinen Probekopf aus Schaumstoff.

Am Abend habe ich Schaumstoffkenntnisse, einen noch etwas unregelmäßigen Ball und einen noch nicht fertigen kleinen Kopf. Mein Sohn kommentiert das Ergebnis beim Telefonieren knapp mit: "Na, das hat sich ja gelohnt!". Ja, finde ich auch! Auf dem Weg in mein Zimmer ziehe ich eine Spur von kleinen Schaumstoffschnipseln hinter mir her. Ich bin total zufrieden.

Tag 2

Ich fände es lustig, wenn die heutige Aufgabe wäre, dass wir aus unseren Bällen wieder Quadrate machen sollen, aber auf die Idee kommt Bodo zum Glück nicht. Oder netterweise nicht. Beim finalen Glattschleifen wird mein Schaumstoffball in eine Schutzleiste der Schleifmaschine gezogen und dort in nicht mal zwei Sekunden zur Halbkugel geschreddert. Ähm, tja. Damit entspricht er nicht mehr der vorgegebenen Ballform, eignet sich wegen seiner plötzlich entstandenen Standfläche aber prima als Nadelkissen. Ich nehme mir ein kleines Schaumstoffviereck und beginne mit dem Schnippeln eines neuen Balls. Erstaunlicherweise geht das viel schneller als am Vortag.

Die beiden Schweizerinnen und ich haben das Gefühl, uns schon lange persönlich zu kennen. Ich liebe jedes rollende R von ihnen und mag das Bernerdeutsch, von dem ich nur minimale Bruchstücke verstehe. Manchmal auch gar nichts. Bodo, der Dozent, ist klasse und die Stimmung im Kurs sehr schön. Ich fühle mich rundum wohl. Es gibt viel zu schneiden, schnippeln und schleifen, und wir arbeiten lange und konzentriert. Morgens geht's mit einer netten Gruppe zum Frühstück in ein Café und mittags zum Vietnamesen, wo es M7 (Rindfleisch mit Zitronengras und Ingwer, scharf) gibt. Es gibt viel zu lachen.

Am späten Abend habe ich auf meinem Arbeitstisch ein Nadelkissen, einen Ball, einen kleinen Affenkopf und einen angemalten Handpuppenkopf liegen. Die Handpuppe ist ein unglaublich netter, aber wirrer Philologe oder Professor. Ich vermute, dass der Affe sein Haustier ist. Außerdem lerne ich Fremdsprachen. In Bern sagt man zu Handfeger und Schaufel "Bäseli und Schüfeli". In anderen Regionen Deutschlands sagt man zur Schaufel "Kehrblech". New York und die Malediven müssen weiterhin ohne mich auskommen. Bielefeld auch. Meine Lieblingsregion ist gerade Bochum.

Tag 3

Nach dem Theorieteil "Wie mache ich aus einem viereckigem Schaumstoffklotz einen Kopf" geht es an die Praxis. Wir beginnen mit viereckigem Schaumstoff und es zeigt sich, dass jemand, der einen runden Ball aus weichem Schaumstoff schnippeln kann, auch einen Kopf mit vielen Rundungen hinbekommt. Ich habe im Vorfeld sogar zwei Bälle gemacht, bekomme aber trotzdem nur einen Kopf aus dem Block. War mir aber vorher schon klar.

Eigentlich möchte ich eine depressive Königin bauen, aber wenn ich meinen grob geschnitzten Kopf ansehe, denke ich nicht an Adel, sondern an eine ältliche Bardame. Habe ich eigentlich ein Nasenproblem, weil nach dem wirren Professor nun auch die Königin so einen großen Zinken bekommt? Was schnitz ich mir da unbewusst von der Seele? Ich könnte mich nachts schlaflos und grübelnd im Bett wälzen und darüber nachdenken, aber ich schlafe abends leider immer sofort seelig vor mich hin grinsend ein.

Auf meinem Arbeitstisch liegen am Abend zwei aus Styropor geschnitzte Mini-Augen (ballförmig), und der Professor hat einen handgenähten Hausrock bekommen, damit er nicht nur Kopf bleibt.

Inzwischen geht das Puppenbaufieber um, und einige Teilnehmer arbeiten bis weit in die Nacht. Es macht so viel Spaß und jede Stunde im Bett ist verschenkte Zeit, in der weiter gebaut werden könnte. Der Dozent registriert es lächelnd. Wie schön, wenn man die eigene Begeisterung weitergeben kann und so viele strahlende Leute um sich herum sieht. Dass er weit über seine eigentliche Arbeitszeit im Werkraum bleibt, immer ansprechbar bleibt und interessiert an allen Arbeitsschritten ist, empfinde ich als ganz ungewöhnlich. Eigentlich verbringen wir den ganzen Tag miteinander, vom Frühstück bis zum Abend, und das macht den Kurs sehr intensiv und zu etwas ganz Besonderem. Kein Wunder, dass ich mich wie in einer anderen Welt fühle, in der gar kein Platz für andere Sachen ist.

So ganz langsam ist das Ende des Kurses schon zu erahnen, die unendliche Zeit, die am ersten Tag noch vor uns lag, ist zur Hälfte vorbei. "Wir haben noch drei Tage bis zum Schluss", versichern wir uns und tun so, als wäre das noch sehr viel. Meine ältliche Barfrau scheint doch ein Neandertaler zu sein. Großer Unterkiefer, fliehendes Kinn, männliche Ausstrahlung. Ich beobachte es mit Interesse.

Tag 4

Wie wird ein Kopf mit Stoff bezogen? Einfach ein darüber legen reicht nicht. Es gibt Falten und die Nase ist im Weg. In der Theorie ist das Vorgehen logisch, in der Praxis macht es Probleme. Bodo erklärt, Bodo zeigt, Bodo hilft.

Ziehen, schneiden, abnähen. "Je mehr Falten du hast, desto einfacher ist es." Ich habe Falten, aber das hilft mir trotzdem nicht beim Beziehen des Puppenkopfes. (OK, ich bin blond, aber keine Sorge, ich weiß dann doch, wie es gemeint ist.)

Die Puppenköpfe sind in der Bearbeitung, jetzt wird es Zeit für die anderen Körperteile. Wie macht man aus dünnem Schaumstoff einen dicken Körper? Warum sollte alles wenig wiegen und wie entsteht ein Schnittmuster? Alles Fragen, die sich die meisten Teilnehmer vorher nie gestellt haben, die jetzt aber plötzlich wichtig sind. Schnitzen, technisches Zeichnen, schneidern, Berner Deutsch - wir lernen umfassend.

Um mich herum entstehen Kartoffeln, Drachen, Berliner Taxifahrer und Kühe. Sätze schwirren durch die Luft, die an ein Praktikum bei einem Schönheits-Chirurgen erinnern. "Meine Augen trocknen auf der Fensterbank." "Das Ohr ist abgefallen." "Da muss später noch ein Arm dran." Vielleicht sind wir auch bei Frankenstein. Im Bochumer Werkraum werden Wesen erschaffen, die später nicht mehr nur ein Schaumstoff mit Stoffbezug sind, sondern sich bewegen, sprechen und leben. Zumindest mit ein wenig Unterstützung. Sobald Bodo eines der unfertigen Wesen in die Hände bekommt, lebt und spricht es sofort. Faszinierend.

Das Überziehen mit Stoff macht mehr Spaß als ich erwarte. Besonders die Abnäher, vor denen ich erst Angst habe, erweisen sich als befriedigende Aufgabe. Wenn ich meine frische Näharbeit ansehe und denke: "Wo ist denn eigentlich die Naht, die habe ich doch eben erst gemacht?",  freue ich mich sehr und überlege kurz, ob ich "Abnäher machen" als Hobby wählen sollte.

Meine Königin ist doch ein Pharao. Ich bin mir ganz sicher. Vielleicht aber doch Barfrau. Ihr ist anscheinend auch noch nicht klar, wer sie ist. Wird schon noch kommen, ich muss sie nur in Ruhe beobachten. - Nein, doch Pharao, wenn ich sie so ansehe.

Die Gruppe mit Teilnehmern und Dozent wächst immer mehr zusammen. Es ist eine äußerst angenehme Atmosphäre, in der viel gelacht wird, die aber auch sehr produktiv ist. Auf dem Theorieplan steht erneut Körperkunde. In welche Richtungen bewegen sich eigentlich Arme und wie lässt sich das Gelenksystem in einfacher Form aus Schaumstoff nachbauen?

Tag 5

Wir kochen Schaumstoff. Das Puppenbaufieber, die kurzen Nächte und die Klebedämpfe könnten diese verrückte Handlung zwar erklären, aber es geht ums Färben. Die Teilnehmer werfen ihre mühsam geschnitzten weißen Schaumbälle in einen Topf mit heißem Inhalt und bekommen sie rotgefärbt zurück. Der Dozent zeigt tapfer vollen Einsatz und kocht seine nur dünn behandschuhten Hände ebenfalls im dampfenden Topf, weil er den Schaumstoff während des Färbens durchkneten muss. Er tut mir schon ein bisschen leid, aber ich freue mich dann über sein träumerisch entspanntes Gesicht, wenn er die Hände zwischendurch in einem Eimer mit kaltem Wasser abkühlen kann. Nach längerem Diskutieren, ob Tiger nun gelb oder orange sind, gewinnt die Orange-Fraktion und aus weißem Stoff wird oranges Tigerfell. Also fast orange. Eigentlich gelb-orange.

Wer einen Ball machen kann, kann auch Hände. Auch die bestehen aus erstaunlich vielen kleinen Rundungen. Wenn mühsam zwei einigermaßen gleich große Hände aus viereckigen Schaumstoff-Würfeln entstanden sind, müssen sie danach noch mühsamer mit Stoff überzogen werden. Ohne das Seminar hätte ich vor dieser Aufgabe gestanden und gedacht: "Häh?? Wie soll das denn gehen?" Jetzt weiß ich es.

Der Pharao ist doch Königin, und sie hat jetzt einen Körper, Arme, Hände und eine gesunde Gesichtsfarbe. Ich bemale den Kopf zunächst dezent, das Ergebnis gefällt mir aber nicht. Bodo schlägt vor, ihn intensiver zu bemalen und legt mit kräftigen Strichen los. Zuerst schlucke ich kurz, dann entspanne ich und sehe ihm zu. Warum eigentlich nicht? Lieber richtig als nur halb. Ich lasse mich vertrauensvoll und offen in die Welt der Puppengestaltung mitnehmen.

Wo ist New York, wer will zu den Malediven und was ist eigentlich Bielefeld? Meine Welt sind 1000 Meter Bochum, vom Werkraum bis zum Café, zum Vietnamesen und zum Supermarkt. Die Nächte werden noch kürzer, weil bis in die Morgenstunden weitergearbeitet wird. Es wird klar, dass viele Puppen bis zum Ende des Seminars nicht fertig werden können. In der Theorie ist alles überschaubar, die Praxis dauert dann doch viel länger. Manche Puppen haben einen sehr hohen Arbeitsaufwand und wenn sie gut gemacht werden sollen, kostet das Zeit. Morgen ist der letzte Tag. Ich will gar nicht drüber nachdenken. Am Abend weiß ich, wie eine sprechende Wurst aus Schaumstoff gebaut wird. Super! Ich habe vorher nicht über sprechende Würste nachgedacht, aber jetzt bin ich erfreut, dass ich die machen könnte.

Tag 6

Der letzte Tag. Ich verdränge mein Wissen beim Aufstehen, sonst werde ich traurig. Einfach so tun, als wäre das nicht das letzte Frühstück, nicht der letzte intensive Bau-, Kleb- und Nähvormittag, nicht der letzte Tag mit der Gruppe. Jetzt geht es darum, was heute noch unbedingt fertig werden soll. Bei welchen Problemen kann Bodo noch helfen, wo kann er noch etwas erklären, damit jeder Zuhause weitermachen kann.

Die Königin hat vor ihrer Ehe vermutlich in einer Bar gearbeitet. Langsam kristallisiert sich ihr Charakter heraus.

Nach dem Mittag geht es ans Aufräumen, Fotos machen, Werkstatt kehren, Koffer packen, - ich weiß, dass gleich Schluss ist, aber ich will das noch nicht wirklich erfassen. Mit meinen beiden Schweizerinnen Daniela und Monika, dem gemeinsamen Essen gehen, dem vielen Lachen, Bodo, dem wirklich tollen Dozenten mit dem vollem Einsatz, den vielen netten, kreativen Kursteilnehmern und dem extrem intensiven Abtauchen in das Puppenbauen war es eine wunderbare Woche. Die hätte ich wirklich gegen keine andere Urlaubswoche auf der Welt eingetauscht. Gegen überhaupt keine.

Es war so schön, dass ich kein weiteres Seminar besuchen sollte, weil diese Woche nicht zu toppen ist. Aber ich bin ja nicht klug und vernüftig und werde ganz bestimmt weitere Seminare besuchen. Zum Beispiel Puppenspiel oder Dramaturgie bei Bodo Schulte. Am besten in der Schweiz. Mit der ganzen Gruppe.

Die Königin ist übrigens gar keine Königin, sondern eine laute, aber herzensgute Barfrau.