Blog 665 - 24.01.2021 - Besorgt warten, mutig schneiden, lässig backen

Die Kreativität muss warten. An drei Tagen dieser Woche stehen Arztbesuche an, bei denen ich aber nicht selber einen Termin habe, sondern Fahrdienst und Begleitung bin. Coronabedingt warten wir in zugigen Hausfluren und improvisierten Warteecken. Trotzdem müssen andere Patienten immer wieder recht eng vorbeikommen, was mir trotz Mundnasenschutz unangenehm ist. Ich habe echt keine Lust, mir ausgerechnet bei Arztbesuchen eine Coronainfektion einzufangen, nur weil ich mich da mit anderen Leuten, die sich in ihrer Privatzeit vielleicht nachlässig verhalten, zu nah in geschlossenen Räumen aufhalte.

Dabei bin ich nicht panisch oder überängstlich, aber eben vorsichtig und realistisch. Corona ist nicht nur für die "Alten" eine Gefahr, auch deutlich jüngere können schwer erkranken, ganz abgesehen von üblen Nachwirkungen, die bei manchen Erkrankten erstmal bleiben. In dieser Woche ist Rolf, der freundliche Cafébetreiber aus Bochum-Langendreer, wegen Corona verstorben. Das ist sehr traurig und auch erschreckend. Während der Kurse im Bochumer Figurentheater fanden die Frühstücke unserer kleinen deutsch-schweizer Gruppe fast immer im Café Cheese statt, deren Betreiber Petra und Rolf uns nicht nur gut mit Kaffee und dem legendären Heizer-Müsli versorgten, sondern auch immer freundschaftlich nah und persönlich interessiert waren. "Wenn du mal kein Zimmer kriegst, sagste Bescheid, dann kannste bei uns im Kinderzimmer übernachten" wurde immer wieder ehrlich angeboten. Am Ende des letzten Besuchs in Bochum habe ich Rolf noch umarmt und fröhlich "bis zum nächsten Mal!" gesagt, und jetzt ist es unerwartet vorbei. Vermutlich wird auch das Café Cheese schließen. Es ist traurig. 

Im Garten ist es eigentlich noch zu früh zum Schneiden der Weinreben, aber ich fürchte, dass der Austrieb nach diesem milden Winter wieder im Februar beginnt. Damit lag ich im letzten Jahr schon richtig. Da habe ich aber Tafeltrauben-Schnittanleitungen studiert, bevor ich loslegte, und dann vorbildlich zwei Triebe mit jeweils fünf Augen und zwei Sicherheitstriebe stehen gelassen. Dann aber sicherheitshalber nochmal ein bis zwei Sicherheitstriebe. Lieber mal etwas mehr stehenlassen, ich bin Anfängerin. Das war nicht völlig falsch, aber meine neu gewachsenen Verzweigungen im Stamm sind mir jetzt zu hoch. Diesmal lese ich vorher keine Anleitung, sondern nehme eine Gartenschere und schneide konsequent runter. Vielleicht zu viel. Im schlimmsten Fall gibt es in diesem Jahr keine Trauben, aber der Grundschnitt stimmt wieder und die Weinstöcke wachsen mit der richtigen Verzweigung weiter.

Danach schneide ich meine Kletterrose. Ich gucke mir die verzweigte Pflanze mit Kennerblick an, schneide gezielt Äste und Triebe raus, trete einen Schritt zurück, gucke prüfend, schneide mehr raus und bin dabei völlig ahnungslos. Ich weiß überhaupt nicht, wie Kletterrosen geschnitten werden. Mir guckt nicht mal einer zu, dem ich irgendwas vorspielen möchte, aber ich brauche gerade Abenteuer. Entschlossenes Handeln mit Verlustrisiko. Wird schon wieder nachwachsen. Wenn ich Glück habe, sogar dicht und schön.

Im Brotbackbereich gibt es vom Sohn Roggenbrot mit Trockenfrüchten (Aprikosen, Pflaumen, Datteln), das versuchsweise mal in einem gußeisernen Topf gebacken wird. Geht, schmeckt gut, auch wenn wir die Backzeit einen Ticken zu kurz hatten, aber die Kruste gefällt uns nicht.

Das nächste Brot - Roggen-Emmer-Vollkorn - wird einfach wieder in den Ofen geschoben.

Die Brotbilder machen inzwischen auch anderen Leuten Lust aufs Backen. Bin ich jetzt Influencerin? Brot-Fluencerin? Ich überlege kurz, bei Instagram jeden Tag ein Brotbild zu posten, am besten mit einem vertrauenserweckenden Namen. Irgendwas mit "Oma" oder "Großmutter" - das hebt sich von anderen Influencern ab und passt zum Sauerteigbrot. Und natürlich englisch, damit es sofort international ist.

Ach nee, lieber doch nicht.

         
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