Blog 662 - 03.01.2021 - Creme Brulée, Europa und das Leben

Neues Jahr, neues Glück! Willkommen 2021! Das vergangene Jahr fand ich allerdings gar nicht so schlecht. Die terminlose Ruhe hat mir gut getan und ich habe viele Sachen erledigt, für die ich vorher keine Zeit gefunden habe. Erfreulicherweise habe ich im letzten Jahr festgestellt, dass ich in einer großen Blase vernünftiger, achtsamer und logisch denkender Menschen lebe. Geschwurbel und Verschwörungstheorien kommen dort nicht vor, die Corona-Pandemie wird ernst genommen und sachlich auf sie reagiert. Alle nehmen persönliche Einschränkungen in Kauf, um der Gemeinschaft zu helfen. Mir fehlt es inzwischen sehr, Freunde zu sehen, sie zur Begrüßung zu umarmen, sorglos in einer Gruppe zusammenzusitzen, gemeinsam zu essen, zu lachen und zu singen. Aber das wird wieder kommen. Nicht sofort, aber langsam und sicher.

Die Zeit zwischen Weihnachten und den ersten Januartagen läuft bei uns ruhig ab. Wir sind vier Personen aus drei Haushalten, aber da eine der Personen, ein Sohn, für mehrere Wochen bleiben wird, zählen wir es als vier Personen aus zwei Haushalten. Das passt. Es gibt keinen Wecker und keine Termine, stattdessen kochen, Brot backen, Krimi lesen, Filme gucken, Spazierengehen, Brettspiele spielen. Allerdings auch abwaschen. Ich habe immer noch keine Spülmaschine und es ist unglaublich, was vier Personen täglich an Geschirrmengen produzieren. Der Gatte vermutet schon länger, dass einer der Nachbarn heimlich seine Tassen und Teller dazustellt. Wenn das stimmt, hat er sehr geschickt ein passendes, bunt gemischtes Geschirr besorgt, damit ich nichts merke.

Das mongolisch-chinesische Restaurant erfüllt übrigens seine geheimnisvolle Aussage von vorletzter Woche: "... ma hie ess auf" und hat zur Abholung geöffnet. Blöderweise füllen wir Zuhause alles auf Teller und Schälchen um, damit es wie ein nettes Buffet aussieht, so dass am Ende doch wieder einiges zum Abwaschen da ist.

Eine spannende Sache ist das Herstellen von Creme Brulée. Weil uns vier kleine Portionen für den Aufwand zu gering vorkommen, verdoppeln wir das Rezept. Als alles verrührt ist, haben wir plötzlich viel zu viel Creme für acht Dessertschälchen. Häh? Ich sehe mir das Rezept nochmal an und finde den Fehler. Der liegt bei mir. Die angegebenen 4 Eigelb habe ich korrekt auf 8 verdoppelt und die 250 ml Sahne auf 500 ml. Beim Zusammenmixen habe ich dann aber an 500 ml Sahne gedacht und die verdoppelt. Ein Liter Sahne ist deutlich zu viel. Damit kann die Eimasse nicht stocken.

Kurzentschlossen schlagen wir 8 weitere Eigelb auf, schlagen sie mit Zucker schaumig und rühren sie unter. Die Anteile in der Masse stimmen jetzt, aber Creme Brulée aus 16 Eigelb und einem Liter Sahne ist uns dann doch zu viel. "Dann machen wir aus der Hälfte der Creme einen Kuchen", meint der Sohn, füllt einen Teil in Dessertschälchen ab und rührt unter den Rest Mehl und Backpulver. Aus den inzwischen 16 Eiweiß schlagen wir Schnee und heben ihn vorsichtig unter. Ab in den Ofen und gucken, was passiert.  

Wir befürchten einen immer weiter hochgehenden, dann überlaufenden und den Ofen verstopfenden Kuchen oder eine Vulkantorte, die beim Anschneiden explodiert. Aber wir bekommen einen lockeren Kuchen, der nach einer Mischung aus süßem Bisquit, Griesbrei und Rührei schmeckt, was erstaunlicherweise ziemlich lecker ist. Das hat sich gelohnt. Allerdings werden wir das Rezept nicht nachmachen können. Es ist Irgendetwas mit 8 Eigelben, 16 zu Schaum geschlagenen Eiweissen, einem halben Liter Sahne, Mehl, Backpulver und viel Spaß. Die Creme Brulée bekommt am Abend noch eine flambierte Zuckerkruste und ist sehr fein und lecker.

Unser langjähriges Trans-Europa-Spiel ist seit dem 1. Januar fehlerhaft, denn die Brexit-Übergangsphase endet und Großbritannien ist nicht mehr Teil der EU. Geschichtlich wird das Spiel dadurch aber interessant. Um unsere Einstellung zum Brexit deutlich zu machen, spielen wir so, als ob London und Plymouth ohne jede Zollstation zur Europäischen Gemeinschaft gehören. Bäng! Nimm das, Boris!

Bei den Filmen gefällt mir "Soul" von Pixar ganz besonders. Sehr schön gemacht und mit der Aussage, dass das Leben genau jetzt stattfindet und man es verpasst, wenn man auf später wartet, wenn es endlich perfekt sein soll. Abgesehen davon, dass sich am Ziel meisten rausstellt, dass immer noch etwas fehlt, um es ganz perfekt zu machen. Mir fällt auf, dass ich diese Grundeinstellung habe. Ziele haben, aber auch jetzt schon alles bewusst machen und genießen.

Die Filmaussage passt unbeabsichtigt auch zur Coronakrise. Natürlich warten wir alle, dass das Leben möglichst schnell wieder so wird, wie wir es hatten oder wie wir es gut in Erinnerung haben. Aber auch jetzt, während der Pandemie, findet unser Leben statt und unsere Lebenszeit wird nicht angehalten bis alles vorbei ist und am Ende wieder drangehängt. Wir müssen jetzt erkennen, was schön ist, was wir machen können oder was wir mal neu und anders machen. Das sind alles Erfahrungen, auf die wir im weiteren Leben aufbauen. Nicht jammern, sondern Wege finden. Willkommen, 2021!

         
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