Blog 660 - 20.12.2020 - Karibik, Onlinekonzert und Glücke

Ein letztes Mal geht es am Sonntag nach Bad Ems, wo sich der Gatte seit knapp fünf Wochen in der Reha befindet. Diesmal machen wir unseren Spaziergang in Nassau, das sich nicht auf den Bahamas befindet, sondern in Rheinland-Pfalz, gleich neben Bad Ems. Selbstverständlich befindet sich das andere Nassau auch weiterhin auf den Bahamas. Merke: Palmen, türkisblaues Wasser, Korallenriff = vermutlich Nassau in der Karibik. Nebel, Fachwerk, stiller Fluss = ziemlich sicher Nassau an der Lahn.

Im Vorbeifahren fällt uns der kleine Ort Dausenau durch seine mittelalterliche Stadtbefestigung auf. Wir halten spontan und machen einen Abstecher ins Mittelalter. Enge Gassen, alte Häuser, eine Stadtmauer, die zu großen Teilen noch steht. Malerisch und faszinierend.

Neben dem Stadtturm steht eine der ältesten Eichen Deutschlands, die "Tausendjährige Eiche". Im Volksglauben ist sie sogar schon 1100 Jahre alt, denn vor 100 Jahren wurde sie mal eben als tausendjährige Eiche gefeiert, und da das Volk rechnen kann, hat es weitergezählt. Ein ehemaliger Forstinspektor - was auch immer das für eine Aussagekraft hat - datierte sie auf etwa 700 bis 800 Jahre. Egal, ob sie schon im Jahr 920 oder erst 1320 da stand, sie ist sehr, sehr alt und hat viele Zeiten miterlebt. Unfassbar. Und jetzt steht sie immer noch und ich stehe neben ihr. Für sie bin ich allerdings ein winziges Pünktchen im Zeitstrahl. Was sind wenige Minuten für eine Eiche.

Mit einem ebenfalls winzigen Piepen meldet sich die Corona-Warnapp auf meinem Handy und verkündet, dass ich eine Begegnung mit "niedrigem Risiko" hatte. Mein Puls geht etwas höher. Oh je. Und jetzt? Test? Quarantäne?

Beim Weiterlesen werde ich informiert, dass ich zwar eine Begegnung mit einer später positiv getesteten Person hatte, dass das Risiko aber trotzdem als gering eingestuft wird, weil die Begegnung nur kurz und der Abstand groß genug war, ich mir keine Sorgen machen muss und kein besonderer Handlungsbedarf besteht. Ah ja. Woher weiß die App, dass die Begegnung wirklich kurz und der Abstand groß genug war? Und wenn sie das weiß, warum schickt sie mir eine Meldung, die aussagt: "Ich warn dich mal, aber es ist nichts"?

Überlegungen, wer und wo die Begegnung war, sind völlig sinnlos, denn ich habe in den letzten vier Wochen mit recht vielen Leuten zusammengearbeitet. Auch regelmäßige Coronaschnelltests, Masken, Abstand und vernünftiges Verhalten sind dabei keine Garantie für Sicherheit. Da ich mich aber gesund fühle, glaube ich einfach mal der App, dass ich mir keine Sorgen machen muss.

Bei den "Alte Bekannte" gibt es nicht nur einen neuen Mitsänger, sondern nach acht Monaten Corona-Auftritts-Pause zum ersten Mal ein Onlinekonzert. Ich sitze vor dem Bildschirm und muss ein wenig schmunzeln, denn die Gruppe ist merklich nicht im aktiven Bühnenmodus. Das fehlende Publikum irritiert sie, sie konnten lange nicht gemeinsam proben, ein neuer Sänger ist dabei, coronabedingt sind keine Choreografien möglich ... sie singen sich tapfer und zunächst mit der Situation fremdelnd durch, finden sich aber mehr und mehr rein. Am Ende stellen sie fest, dass sie nicht mal die gemeinsame Schlussverbeugung geprobt haben, die dementsprechend unsynchron ausfällt. Es ist alles nicht schlimm, das macht es menschlich, nah und liebenswert.

Das Livekonzertgefühl ist erstaunlich intensiv und nicht mit einer - egal wie perfekt produzierten - DVD zu erreichen. Ich fühle mich dabei, erlebe die Atmosphäre in diesem Moment mit und meine Sicht auf die Bühne ist deutlich besser als aus Reihe 15. Natürlich sind echte Livekonzerte schöner, aber hin und wieder stattfindende Onlinekonzerte sind besser als gar keine Konzerte. Am nächsten Tag kommt der Gatte aus der Reha nach Hause und in Deutschland beginnt der Lockdown. Ich vermute aber nicht, dass das alles zusammenhängt.

Um die örtlichen Lokale in der Krise zu unterstützen, holen wir inzwischen immer mal wieder dort unser Mittagessen. Diesmal beim chinesisch/mongolischen Restaurant. Die Dame hinter dem Tresen, die auch optisch zum Restaurant passt, spricht Deutsch mit starkem, typischen Akzent. Ich frage, ob sie auch zwischen Weihnachten und Neujahr geöffnet haben und sie antwortet: "Masse sule folai, ma hii ess auf". Optimistisch interpretiere ich das Ende des Satzes als "hier ist auf". Die Variante "nie ist auf" wäre allerdings auch möglich. Den Beginn des Satzes, bei dem sie mit wedelnder Hand nach unten zeigt, versuche ich gar nicht erst zu verstehen. Über den Aufdruck auf der mitgegebenen Tüte freue ich mich. 

In diesem Sinne: Schöne, ruhige Weihnachtstage, gelassen bleiben, das genießen, was man hat und nicht darüber jammern, was man gerne anders hätte, und viel GLÜCKE!

         
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